Nr. 45/2014 vom 06.11.2014

Gelacht wird hier kaum

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Ein junges Mädchen, das erwachsen wird, stand in Alice Rohrwachers erstem Spielfilm, «Corpo celeste» (2012), im Mittelpunkt: Kurz vor ihrem 13. Geburtstag kehrt die in der Schweiz aufgewachsene Marta mit ihrer älteren Schwester und ihrer Mutter nach Kalabrien zurück. Überfordert vom streng religiösen Alltag in der süditalienischen Kleinstadt, versucht sie vergeblich, hier heimisch zu werden.

Auch in «Le meraviglie», Rohrwachers neuem Spielfilm, ist die Protagonistin eine Zwölfjährige: Gelsomina (Alexandra Lungu) lebt mit ihren Eltern (Alba Rohrwacher und Sam Louwyck), ihren drei jüngeren Schwestern sowie der Mitbewohnerin Coco (Sabine Timoteo) auf einem abgelegenen Hof in Umbrien. Ihr Vater, ein launischer Aussteiger, führt hier einen Imkerbetrieb. Gelsomina ist nicht nur seine liebste Tochter, sondern auch seine beste Mitarbeiterin, die sich bereits besser mit den Bienen auskennt als er. Wie Marta in «Corpo celeste» wird auch Gelsomina mit einer neuen Welt konfrontiert, die ihr Leben verändert: mit der bunten Fernsehwelt. Per Zufall stösst sie auf die Dreharbeiten eines Lokalsenders. Dieser veranstaltet einen Wettbewerb um die besten lokalen Produkte. Gelsomina träumt davon, den Hauptpreis zu gewinnen und meldet ihre Familie als Teilnehmerin an – was sie beinahe die Liebe ihres Vaters kostet.

Das isolierte Familiensetting, das Rohrwacher in «Le meraviglie» zeigt, ist völlig zeitlos. Doch sie beschönigt das Leben der sich selbst versorgenden ImkerInnen, dem sie jenes der schillernden Fernsehwelt entgegenstellt, keineswegs. Der Hof ist schmuddelig, die Arbeit wächst allen über den Kopf, die Eltern streiten dauernd, neue EU-Reglemente überfordern sie, und das Geld wird immer knapper – gelacht wird hier selten. Dies zeigt Rohrwacher im naturalistischen Stil. Fast dokumentarisch folgt die Kamera den ProtagonistInnen, und allmählich wird man in den Bann dieses wundersamen Films gezogen, der dieses Jahr in Cannes mit dem Grossen Preis der Jury ausgezeichnet wurde.

Ab 6. November 2014 in den Kinos.

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