Nr. 45/2014 vom 06.11.2014

Angekündigter Todesfall

Von Andreas FagettiMail an AutorIn

Am 21. Oktober nahm sich im Gefängnis an der Neugasse im Zentrum St. Gallens Ilja D. das Leben. Der Neunzehnjährige hätte eine Strafe von 45 Tagen absitzen müssen. Er hatte Bussen wegen einiger Bagatelldiebstähle nicht bezahlt. Drei Tage nach Haftantritt erhängte sich der junge Mann mit einem Pullover. Jetzt erhebt sein Bruder Sven (26) gegen die Vollzugsbehörden schwere Vorwürfe. Gegenüber «20 Minuten» sagte er kurz nach dem tragischen Tod von Ilja D., dass alle Warnungen ignoriert worden seien. «Als mein Bruder einem Gefängniswärter sagte, er werde sich aufhängen, wurde er nicht ernst genommen», zitierte ihn das Gratisblatt.

Gegenüber der WOZ bekräftigt D. diese Vorwürfe. Sein Bruder sei erkennbar psychisch instabil und daher nicht haftfähig gewesen. «Man hätte ihn sofort in eine psychiatrische Klinik einweisen müssen. Er litt unter dem Borderlinesyndrom und ritzte sich.» Ilja D. verkehrte in der Drogenszene und lebte seit zwei Jahren auf der Gasse. «Ich versuchte, ihm zu helfen, wollte ihn da rausholen.» Sven D. will den Tod des Bruders nicht einfach hinnehmen. Er fordert Gerechtigkeit und eine genaue Aufklärung. Daher hat er sich einen Anwalt genommen. Am vergangenen Samstag organisierte er eine Protestkundgebung in St. Gallen.

Als die Polizei den Tod von Ilja D. bekannt gab, schrieb sie, was PolizistInnen schweizweit bei Suiziden in Gefängnissen zu schreiben pflegen: Es habe im Vorfeld keinen Hinweis auf Suizidgefahr gegeben. Der zuständige Staatsanwalt nahm jedoch sofort Ermittlungen auf. Die Suizidrate in Gefängnissen und vor allem in Untersuchungsgefängnissen ist vier- bis zehnmal höher als in Freiheit. Der Strafvollzugsexperte Benjamin F. Brägger wies kürzlich in der WOZ (siehe Nr. 35/2014) auf die vielerorts veraltete Gefängnisinfrastruktur in der Schweiz hin. In manchen Kantonen seien die Gefängnisse vor hundert Jahren gebaut und nie wirklich modernisiert worden. Brägger sagte auch: «Law and Order ist sexy, Vollzugspersonal und Gefangene haben hingegen keine Lobby, schon gar nicht, wenn Geld ausgegeben werden muss.»

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