Nr. 46/2014 vom 13.11.2014

Was unterscheidet die Roten Falken von der Pfadi?

Fanny Keller (16) und Iannis Depountis (15) sind HelferInnen bei den Roten Falken in Zürich. Auf der Suche nach einer anderen Form des Zusammenlebens sind sie in dieser sozialistischen Kinder- und Jugendgruppe gelandet. Die WOZ traf die beiden im «Zähringer».

Von Nina Laky (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Iannis (rechts): «Wenn es einen selbst betrifft, sollte man mitbestimmen dürfen.» Fanny: «Ich muss mich ja auch an die Dinge halten, die hier gelten. Da will ich mitreden können.»

Fanny und Iannis, haben euch eure Eltern zu den Roten Falken geschickt?
Fanny: Meine Schwestern und das Göttikind meines Vaters waren schon dabei. So bin ich als Fünfjährige dazugestossen. Und Iannis stand vor drei Jahren einfach mal beim Treffpunkt!
Iannis: Ich habe die Roten Falken vom 1.-Mai-Umzug gekannt. Und weil ich nicht in die Pfadi wollte, habe ich mich irgendwann entschlossen, dort mitzumachen.

Was ist denn der grosse Unterschied zur Pfadi?
Fanny: Wir sehen uns nicht als Gruppe, die etwas nur für Kinder macht. Wir gestalten das Programm gemeinsam mit ihnen.
Iannis: Die Leiter sind Helfer, es gibt keine Hierarchie.

Und was macht ihr mit den Kids?
Iannis: Letzthin waren zum Beispiel zwei Frauen von der Erklärung von Bern bei uns zu Gast. Es wurde zum Thema «Woher kommt unser Essen?» diskutiert und gespielt. Wir haben dann um Kakaobohnen verhandelt.
Fanny: Mit solchen Spielen können die Kinder auf bestimmte Themen aufmerksam gemacht werden. Im Lager spielten wir letzten Sommer ein Rollenspiel zum Thema Geschlechter. Alle mussten sich entweder «typisch männlich» oder «typisch weiblich» verhalten. Die Kinder haben dann die ganze Zeit gefragt: «Hä? Sonst ist es aber nicht so?!» Da kommen dann auch kritische Fragen – oder eben nicht. Einige fanden es auch cool. Am Schluss haben wir das Spiel dann aufgelöst und alles erklärt.

Welche Sorgen spürt ihr bei den Kindern?
Fanny: Es geht oft um Dinge, die unser Zusammenleben einschränken: Rassismus oder eben Geschlechterrollen. Wir könnten doch einfach als Friends zusammenleben! Die Kinder haben ihre eigenen Meinungen. Die sollen sie auch sagen dürfen, und die soll man sich auch anhören. Das steht bei uns im Zentrum.

Ist es sinnvoll, sich so jung schon politischem Einfluss auszusetzen?
Iannis: Man wird doch eh schon durch alles beeinflusst, durch ein rassistisches Werbeplakat, durch die Schule, im Kino … Die Roten Falken sollen sich eine eigene Meinung bilden können.
Fanny: Wir sind uns dieser Beeinflussung bewusst, aber nutzen sie nicht aus. Wir zeigen den Kindern, wie es in einer Welt aussehen könnte, in der es keine Autorität gibt, in der ihre Stimme zählt und zusammen entschieden wird. Übrigens haben noch lange nicht alle Falken die gleiche Einstellung.

Was wollt ihr als Helfer verbessern?
Iannis: Die Roten Falken haben ja keine fixe Struktur. Das ist immer ein Veränderungsprozess. Wir wollen aber sicher ausbauen! Es gibt jetzt eine neue Gruppe in Zürich Affoltern, da sind wir dabei, Flyer zu verteilen und Kinder anzuwerben. Am Anfang haben uns die neuen Falken sogar noch gesiezt …
Fanny: … oder beim Filmprogramm gerufen: «Entscheiden Sie einfach!» Das sollte sich unbedingt ändern.
Iannis: Genau! Einer meinte letzthin, er wolle nun auch ein Programm vorbereiten. Das fand ich super.
Fanny: Die Gruppe in Bern hat angefangen, den Kindern zu sagen, sie sollten beim Vorbereiten des Programms helfen. Die haben dann alle ihre Freunde mitgebracht und ein Fussballturnier organisiert. Mitarbeiten klappt dort sehr gut, das wäre auch unser Ziel.

Der Bundesrat muss sich innerhalb von zwei Jahren zum Stimmrechtsalter sechzehn positionieren. Wenn ihr könntet, würdet ihr abstimmen und wählen gehen?
Iannis: Sachen, die einen selbst betreffen, über die sollte man mitbestimmen dürfen, egal wie alt man ist oder von wo man kommt.
Fanny: Ich muss mich ja auch an die Dinge halten, die hier gelten. Da will ich mitreden können. Der jüngere Teil der Gesellschaft wird politisch total vernachlässigt. Es geht nur immer darum, was die Erwachsenen wollen.
Iannis: Mit dem Stimmrechtsalter sechzehn könnte man endlich auch kinder- und jugendgerechte Themen besser ansprechen, Jugendräume zum Beispiel.

Wo engagiert ihr euch in Zukunft?
Fanny: Schwer zu sagen. Meistens kann ich nicht zu hundert Prozent hinter allen Meinungen einer Gruppierung oder Partei stehen. Eher sehe ich mich in einer Politgruppe, die vor allem Aufklärungsarbeit leistet und informiert, demonstriert, Widerstand leistet.

Seid ihr oft an Demos?
Iannis: Der Zug nach Bern ist mir noch zu teuer …
Fanny: Meine Regel ist, dass ich nur gehe, wenn ich über das Thema Bescheid weiss. Sonst finde ich es heuchlerisch, wenn man nur geht, um «links» zu sein, aber keine Ahnung hat. Iannis: Ich war an der Kobane-Demonstration.

Was wollt ihr euren Kindern mal mitgeben?
Fanny: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich bei den Falken unbedingt eine Meinung zu politischen Themen bekomme. Was ich mitnehme, ist aber die Form des Zusammenlebens. Daraus leitet sich dann meine politische Meinung ab. Die kann sich natürlich ändern, je nach Zukunft und Job. Die Grundeinstellung aber – dass ich mit allen Menschen zusammenleben können will und meine Toleranz gegenüber anderen Meinungen –, das wird nicht verloren gehen.

Fanny Keller und Iannis Depountis sind GymnasiastInnen in Zürich. Sie sind HelferInnen der Roten Falken Stadt Zürich und organisieren jeweils gemeinsam ein Programm für die Samstage. In der Schweiz entstanden 
die Roten Falken in der Arbeiterbewegung der Zwischenkriegszeit. Die Sektion Zürich besteht seit 1929. Gesamtschweizerisch ist die Zahl 
der Mitglieder auf unter hundert gesunken.

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