Nr. 06/2015 vom 05.02.2015

«Sich überhaupt outen zu müssen, ist Quatsch»

In der Zentralschweiz organisiert sich die Queerszene neu. Yasemin Salman (25) vom Queer Office in Luzern und Elias Studer (19) vom Schwyzer Verein Queerpuzzles wollen die Abwanderung der jeweiligen Szenen aufhalten.

Von Nina Laky (Text) und Matthias Käser (Foto)

«Die Szene soll sich gesamtschweizerisch besser verteilen»: Yasemin Salman und Elias Studer im Treibhaus Luzern, wo regelmässig Queerveranstaltungen stattfinden.

Für die Anliegen queerer Menschen im Raum Luzern engagierte sich 35 Jahre lang der Verein Halu (Homosexuelle Arbeitsgruppe Luzern). Dieser wurde im Dezember 2014 aufgelöst, der Treffpunkt Uferlos weitervermietet. Es fehlte an engagierten Personen, die Leute tummelten sich immer mehr auf Apps oder in Zürich. «Das Rumfahren in der Schweiz war mir aber irgendwann zu blöd», sagt Yasemin Salman, Vorstandsmitglied von Queer Office Luzern und Mitveranstalterin der Kopfkino-Queerpartys im städtischen Jugendkulturhaus Treibhaus. «Wir dachten uns: Warum immer beklagen und nicht selber machen?» Für queere Menschen soll sich ein Ausflug in die Zentralschweiz wieder lohnen. Dank der Halu-Vereinsauflösung weht frischer Wind durch die eingeschlafene Szene, der Tatendrang verbreitete sich sogar bis nach Schwyz.

Elias Studer hat diesen Januar im Schwyzer Jugendtreff Trube Bude die Jugendgruppe Queerpuzzles ins Leben gerufen. Jugendliche bis 26 sind jeden zweiten Samstag im Monat eingeladen, sich hier auszutauschen und kennenzulernen. «In Schwyz ist die Hemmschwelle, sich zu outen, noch grösser, alle kennen sich hier», sagt Elias Studer. Und: «Wir erhoffen uns mehr Zusammenhalt.» Das Queer Office – im Gegensatz zu Queerpuzzles kein Jugendtreff – verfolge im Endeffekt dasselbe Ziel: «Wir wollen ein nachhaltiges Netzwerk aufbauen und Themenveranstaltungen organisieren. Elias und ich haben uns vorher nicht gekannt, so was soll sich in Zukunft ändern», sagt Yasemin Salman.

Denkbilder auflösen

Beide Vereine hoffen auf besseren Austausch und möchten aufklären. Doch wie sollen festgesetzte Rollen- und Denkbilder aufgelöst werden? «Man könnte aufhören vorauszusetzen, dass jeder Mensch hetero ist», sagt Elias Studer. «Das ist schwierig, aber man muss halt mit den Leuten reden.» Zu diskutieren gibt es nach Meinung beider noch einiges. «Ich wurde letzthin gefragt, was für eine Pronomen-Präferenz ich hätte. Das hab ich mich nie gefragt! Ich identifiziere mich als Frau und werde auch so angenommen», sagt Yasemin Salman, «aber viele Leute beantworten diese Frage für sich auch anders.»

Diskutieren und sich Gehör verschaffen gehören dazu. Wo aber bleiben die Forderungen nach gesetzlichen Rahmenbedingungen? «Klar, rechtlich sollte das Geschlecht keine Rolle mehr spielen. Dann würden viele Diskriminierungen wegfallen: Das Adoptionsrecht würde auch für Homosexuelle gelten. Und eine transsexuelle Person bräuchte das Geschlecht im Pass nicht mehr zu ändern», so Elias Studer. Das sei sehr utopisch, sagt Yasemin Salman: «Ich fände es nur schon schön, wenn ich zum Abendessen meine Freundin mitnehmen könnte, ohne dass grosse Augen gemacht werden. Sich überhaupt outen zu müssen, ist Quatsch.»

Outing noch immer nicht einfach

Sich zu outen, das ist heute noch für viele kein selbstverständliches Unterfangen. Eine Studie der Universität Zürich aus dem Jahr 2014 zeigt auf, dass die Selbstmordrate unter männlichen homo- und bisexuellen Jugendlichen fünfmal höher ist als bei heterosexuellen.

Für Elias Studer und Yasemin Salman stellte das Outing allerdings kein grosses Problem dar. «Ich habe mich mit sechzehn Jahren geoutet, als ich einen Freund hatte. Das war viel einfacher zu sagen als: ‹Ich bin schwul.› Mein Umfeld reagierte darauf gelassen.» Für Salman war der Fall schon früh klar: «Schon in der zweiten Klasse vergötterte ich meine Lehrerin, in der Sek habe ich mich in eine ältere Schülerin verliebt. Meine Kolleginnen fragten dann nur: ‹In wen?›.» Heute sage man eher, dass man sich in eine Person gleichen Geschlechts verliebt habe.

Beim Outing von Frauen werde häufig behauptet, es handle sich nur um eine Phase. Das stört Yasemin Salman: «Viele Frauen sagen dann, sie hätten auch mal so eine Phase gehabt und der Richtige komme noch.» Bei den Männern sei das Problem oft nicht nur die fehlende Akzeptanz im Umfeld, sondern auch in Bezug auf sie selbst. «Männer finden es oft anfangs selbst nicht okay», sagt Elias Studer. «Ich denke, Frauen müssen sich da weniger überwinden.»

Treffpunkte helfen

Treffpunkte und fixe Veranstaltungsorte können beim Outing helfen. «Ich war sehr froh um das ‹Uferlos›», sagt Yasemin Salman. Für die Zukunft wünschen sich Queer Office und Queerpuzzles wieder eine Örtlichkeit in der Zentralschweiz. «Wir finden es wichtig, dass wir hier positioniert sind, die Szene soll sich gesamtschweizerisch besser verteilen.» Gerade jüngere Leute könnten sich ein Wochenende in Zürich meist kaum leisten. «Es braucht Alternativen», sagt Salman, «einen Veranstaltungsort, wo der Eintritt zehn Franken kostet und das Bier fünf und nicht umgekehrt.»

Nachtrag vom 19. Februar 2015

Revolutionäres in Uri

In der Innerschweizer Queerszene tut sich wieder etwas. Kaum sind die Organisationen Queerpuzzles in Schwyz und Queeroffice in Luzern gegründet, applaudieren 300 UrnerInnen einem Pfarrer zur Segnung zweier Frauen. Wendelin Bucheli hat einem lesbischen Paar in Bürglen seinen Segen gegeben, Bischof Vitus Huonder ihn zur Demission aufgefordert. Huonder vertritt auch die Meinung, Geschiedene und Homosexuelle sollten mit verschränkten Armen zum Gottesdienst und keine Hostie, sondern einen Segen erhalten.

Das wirft natürlich Fragen auf. Darf man Homosexuelle nun segnen oder nicht? Wenn ja, dann nur einzeln und mit verschränkten Armen? In der voll besetzten Kirche entschuldigte sich Pfarrer Bucheli am Sonntag, die Segnung sei nicht «diskret genug» vorgenommen worden. Vielleicht hätte das Paar sich in die lange Reihe armverschränkter Geschiedener einreihen sollen, um nicht aufzufallen. Dazu die Schweizer Bischofskonferenz: «Die Bischöfe sind der Überzeugung, dass homosexuelle Menschen gesegnet werden können, aber nicht die Schliessung einer homosexuellen Verbindung.» Wieso passiert derart Revolutionäres in Uri? Eine Erklärung findet, wer das Gebot «Du sollst keine LeserInnenkommentare lesen» bricht. Denn da steht geschrieben: «Die Innerschweizer waren schon immer ein eigenes Völklein und haben auch in der Vergangenheit nicht viel von Obrigkeiten und Knechtschaft gehalten.»

Nina Laky

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