Nr. 45/2014 vom 06.11.2014

Fühlst du dich ernst genommen?

Anna Graff ist sechzehn Jahre alt und seit zweieinhalb Jahren Mitglied der Juso Stadt Zürich. Sie ist bestens informiert, redet von Hegemonialmacht und Machiavellismus. Die WOZ traf sie an ihrem Lieblingsort in Zürich: in der Bäckeranlage.

Von Nina Laky (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Anna Graff: «Mit sechzehn darf man rauchen, Bier trinken und arbeiten, dann sollte man auch abstimmen und wählen können.»

WOZ: Anna, du hast mit dreizehn angefangen, dich politisch zu engagieren. Hättest du dir damals zugetraut, auch abzustimmen?
Anna Graff: Das wäre zu früh gewesen. Ich darf auch gar nicht, ich bin ja Ausländerin. Meine Eltern kommen aus Brasilien und aus Deutschland. Aber mit sechzehn darf man rauchen, Bier trinken und arbeiten – dann sollte man auch wählen können. Das würde der Schweiz guttun. Jugendliche sind noch nicht so eingebunden wie Ältere. Das könnte zu spannenden Ergebnissen führen. Die Jungen würden sich ernster genommen fühlen, mehr Verantwortung tragen. Es ist undemokratisch und machiavellistisch, wenn die Alten Angst haben, dass die Jugendlichen zu viel umkrempeln könnten. Vor was haben sie wohl Angst?

Apropos Erwachsene: Wie haben deine Eltern auf den Eintritt in die Juso reagiert?
Die hatten damit kein Problem. Mein Vater ist danach der Alternativen Linken beigetreten, weil er als Deutscher ein wenig Mühe mit der Sozialdemokratie hat.

Gibt es keine Grabenkämpfe zu Hause?
Nein, ich finde die AL ja auch super. Nur ist die Junge Linke Alternative, soviel ich weiss, bis jetzt eher eine Papierpartei. Mein Vater ging später zusätzlich zum VPOD. Meine Mutter ist auch links, aber parteilos.

Warum hast du dich für die Juso entschieden?
Die 1:12-Initiative fand ich sehr cool und überzeugend. Ich war da erst dreizehn, habe aber viele Gespräche mit meinen Eltern und meiner Klasse geführt. Ein Freund nahm mich dann an eine Juso-Versammlung mit. Ich kam überhaupt nicht draus! Alles war sehr einschüchternd am Anfang. Dann fing ich an, Unterschriften gegen die Nahrungsmittelspekulation zu sammeln. Ab da war ich aktiv dabei.

Du bist in der fünften Klasse des Gymis. Was hält deine Klasse von deinem Engagement?
Es gibt viele, die es interessiert, andere sind eher genervt. Wie überall. Aber seit ich an der Schule Podien organisiere, hat sich eine neue Diskussionskultur entwickelt.

Interessiert man sich in eurem Alter nicht primär für sich selbst?
Nein. Auch wenn man nur «20 Minuten» liest, bildet man sich eine Meinung. Als ich für die öffentliche Krankenkasse Flyer verteilte, sprach ich mit einer älteren Dame. Sie fand, die Jugend würde immer mit «Fertigsandwichs vor der Migros rumlungern» und nur kiffen; wenn wir verrecken würden, wärs ihr egal. Das fand ich krass.

Was hast du ihr geantwortet?
Dass die Probleme nicht so gross seien, wie sie meint. Wenn jemand kifft oder trinkt, ist das einfach auch ein Zeichen, dass man auf der Suche nach Ventilen ist, weil sich Druck angestaut hat. Zum Beispiel genau wegen solcher Leute, die Jugendliche nicht ernst nehmen.

Fühlst du dich ernst genommen?
In der Juso und der SP sehr, ja. Dieselbe Frau aber, die gegen die Jugend gehetzt hat, sagte dann noch: «Ich finde es aber schön, wenn junge Schweizerinnen sich mit Politik beschäftigen.» Da sagte ich, dass ich keine Schweizerin sei. Worauf sie fand: «O mein Gott, du bist nicht nur eine Kommunistin, du bist sogar eine nicht negroide Ausländerin! Dich erkennt man nicht mal!» Solche Leute nehmen einen vielleicht nicht ernst; ich sie aber genauso wenig.

Interessierst du dich wegen solcher Erlebnisse so sehr für Migrationspolitik?
Ja, der Nationalismus in der Bevölkerung wird immer grösser. Das Klima richtet sich immer mehr gegen Ausländer. Die SVP ist schlau, weil sie ihre Kampagnen auf Ängste aufbaut. Alles wird auf den Ausländer geschoben.

Auf Facebook postest du auch viel rund um Frausein und Feminismus. Willst du eine Quotenfrau werden?
Nein! Die Diskussion ist mühsam! Der oder die Bessere soll den Posten besetzen. Punkt.

Hast du das Gefühl, deine Arbeit in der SP und der Juso bewirkt etwas?
Die hegemoniale Tendenz ist momentan neoliberal, rassistisch bis schwer rassistisch. Das macht realpolitische linke Arbeit so schwer. Alle wichtigen Sachen scheitern, Mindestlohn, öffentliche Krankenkasse … Andererseits gibt es kleine Erfolge wie die Ablehnung des Gripen. Und auch die 1:12-Initiative war megaerfolgreich: Erst dadurch hat man in breiten Kreisen angefangen, anders über Löhne zu denken. Ich hoffe, dass wir mit pragmatischen und manchmal auch radikalen Forderungen zum Umdenken anregen. Das ist ein langfristiges Ziel.

In zwei Jahren bist du achtzehn und darfst abstimmen. Was soll bis dahin noch passieren?
Ich werde mit dem Wahlkampf beschäftigt sein. Da sehe ich eine Chance, mehr Leute politisch einzubinden. Die Bevölkerung soll das menschenunwürdige Programm der SVP stark hinterfragen. Wir müssen überzeugen!

Mit welchen Themen?
Das darf ich noch nicht sagen. Aber bei der Juso wird es nochmals um ein nationales Projekt zur Wirtschaftsdemokratie gehen.

Anna Graff (16) möchte dereinst studieren, weiss aber noch nicht wo und was. Bis dahin arbeitet sie bei der SP Kreis 9 im Vorstand und bei der Juso Stadt Zürich mit. Migrationspolitik, Rassismus und Wirtschaftspolitik sind ihre Hauptthemen. 
In ihrer Freizeit spielt Graff Gitarre und Klavier und geht gern ins Kino.

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