Nr. 46/2014 vom 13.11.2014

Was muss Schule können?

Von Susan Boos

Die Geschichte lässt sich erzählen wie ein schlechter Scherz: Zuerst wog das Ding knapp ein Kilo und hatte 557 Seiten. Jetzt ist es um 87 Seiten geschrumpft und hat also auch gewichtsmässig abgenommen. Millionen haben sie reingesteckt, und was kommt raus? Zwei Haufen Altpapier.

Das Objekt des Hohns heisst Lehrplan 21. Die KritikerInnen reden von einem Monster. In verschiedenen Kantonen werden bereits Unterschriften gesammelt, um es zu stoppen.

Letzten Freitag hat die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz die verschlankte zweite Version des Lehrplans vorgelegt. Er soll die Bildung vom ersten bis zum neunten Schuljahr harmonisieren. Die Kantone können aber selber entscheiden, was sie damit tun wollen.

Tatsache ist, dass der Lehrplan den sprachlichen Charme eines Beipackzettels verströmt. Wenn man ihn trotzdem liest, beginnt man aber zu verstehen, weshalb dieses Werk manche Rechte wild macht. Da steht zum Beispiel unter dem Titel «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt»: «Die Schülerinnen und Schüler können sich über die Vereinbarkeit von Arbeitsformen informieren, Vor- und Nachteile von Arbeitszeitmodellen einschätzen und vergleichen (z. B. Erwerbsarbeit, Haus- und Familienarbeit, Freiwilligenarbeit, Vollzeit-, Teilzeitarbeit, Jobsharing, Arbeit auf Abruf).» In der Geschichte sollen sie sich unter anderem mit der «Schweiz während der Weltkriege, des Landesstreiks und des Kalten Kriegs» beschäftigen. Im Bereich Umwelt sollen sie sich «mit der nachhaltigen Produktion von Gütern auseinandersetzen und Erkenntnisse in Bezug auf das eigene Verhalten reflektieren können». Alles Themen, von denen wir früher in der Schule nie etwas gehört haben, nicht einmal im Lehrerseminar. Wenn die Menschen, die die Schule schon hinter sich haben, alles könnten, was in diesem Lehrplan steht, würde sich die Schweiz anders anfühlen – weltoffener, kompetenter und souveräner.

Das ist vermutlich das Problem des Lehrplans 21: Er beschreibt, was ein gebildeter Mensch heute können sollte. Er liefert aber keine Antworten auf die brennenden Fragen, die viele Eltern umtreiben: Wie kommt mein Kind ins Gymnasium? Was muss es können, um einen gut bezahlten Job zu bekommen? Wie stopft man das Wissen in es rein? Und da drängt sich eine fundamentale Frage dazwischen: Was kann Schule überhaupt? Vor hundert Jahren war sie eine Disziplinierungsanstalt. Lehrer durften schlagen und waren die Herren im Dorf. Reiche Jungs gingen aufs Gymnasium, arme mussten «chrampfen». Die Mädchen interessierten nicht.

Später kam die Achtundsechzigerbewegung. Junge, aufmüpfige LehrerInnen eroberten die Schulzimmer. Sie verstanden Lernen und Lehren als Akt der Emanzipation. Die SchülerInnen hatten kaum Nachhilfe und die LehrerInnen kein Burn-out. Alle vertrauten darauf, dass es schon gut kommt, weil es genügend Jobs gab und alle irgendwie unterkamen.

Das ist vorbei. Die Schule muss nicht nur bilden, sie soll die Kinder trainieren, damit sie in der Leistungsgesellschaft einen guten Platz erringen. Hartes Training allein gebiert aber keine Champions – und mehr Druck, mehr Stress, mehr Nachhilfe machen nicht intelligenter. Der Lehrplan 21 entzieht sich diesem Leistungsprimat. Flaniert man durch das Werk, spürt man darin den Wunsch, emanzipierte, selber denkende Menschen heranwachsen zu lassen. Das ist schön. Wenn es trotzdem nicht funktioniert, liegt es nicht am Lehrplan. Am Personal liegt es auch nicht, denn vermutlich gab es noch nie so viele engagierte LehrerInnen wie heute.

Es liegt vielmehr am Irrsinn der heutigen Ökonomie, die einerseits Effizienzsteigerung verlangt – und andererseits im Alltag dann Sparziele durchsetzt. So etwas geht nur, wenn man die Klassen grösser macht, den LehrerInnen mehr Stunden auflädt und ihnen die bezahlten Bildungsurlaube streicht. Viele gute LehrerInnen geraten zwangsläufig in ein Burn-out oder wechseln rechtzeitig den Beruf.

LehrerInnen und SchülerInnen brauchen Zeit und Raum. Sonst verkommt die Schule wieder zur Disziplinierungsanstalt, die Reichen verziehen sich an Privatschulen, die schwierigen armen Kids fallen raus. Der perfekteste Lehrplan allein genügt nicht.

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