Nr. 25/2017 vom 22.06.2017

Sie hatten keine Geduld mehr für Ihre Kinder?

Unterstufenlehrerin Katharina Wenziker-Welti über ausgebrannte Lehrkräfte, Feuer im Wald und die Notwendigkeit, ab und zu die Perspektive zu wechseln.

Von Franziska MeisterMail an Autor:in (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Katharina Wenziker-Welti: «Vielfach sind es ja gerade die besonders engagierten Lehrerinnen und Lehrer, die in ein Burn-out schlittern.»

WOZ: Frau Wenziker-Welti, Sie sind seit 25 Jahren Lehrerin. Sind Sie nie in eine Krise geraten?
Katharina Wenziker-Welti: O doch! Meine ersten drei Jahre als Lehrerin verbrachte ich in einem Schulhaus, in dem alle anderen Lehrpersonen eine Ausbildung besassen, die sie vor über zwanzig Jahren abgeschlossen hatten. Dort wurde ich mit meiner Art, zu unterrichten, in die Enge getrieben. Meine Unterrichtsmethoden waren nicht akzeptiert, und schon bald hing mir der Ruf an, bei mir in der Klasse werde nur gespielt. Die Kreisschulpflege wollte mir sogar kündigen. Zum Glück stand dann eine Junglehrerberaterin für mich ein und verteidigte meinen Unterrichtsstil. Gleichzeitig war für alle klar, dass meine Art, zu unterrichten, nicht in jenes Schulhaus passte. Und so bin ich gegangen und liess mich erst einmal zur Schulischen Heilpädagogin weiterbilden.

Und danach arbeiteten Sie als Heilpädagogin in der Schule?
Nein, ich bin wieder als Klassenlehrerin eingestiegen, weil ich die getrennte Schulung in Kleinklassen, die damals noch üblich war, nicht unterstützen konnte. Das war 1997 im Schulhaus Aemtler. 2002 bin ich dann zum ersten Mal Mutter geworden. Und irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich merkte, dass ich zu Hause dasselbe sage wie in der Schule: «Sitz mal still!» Ich hatte keine Geduld mehr für meine eigenen Kinder, weil ich sie bereits in der Schule aufgebraucht hatte. Da habe ich realisiert: Jetzt ist es Zeit, zu kündigen.

Sie haben den Beruf aufgegeben?
Nun, nicht so direkt. Zwei Jahre arbeitete ich in einem anderen Stadtteil bei der Kreisschulpflege, um die Schule aus einer anderen, einer mehr politischen Sicht kennenzulernen. Ich begann auch eine Ausbildung zur Supervisorin. Da konnte ich mit Erwachsenen arbeiten, was mir so gut gefiel, dass ich für die nächsten zehn Jahre mit einem kleinen Pensum in der Lehrerbildung am Institut Unterstrass tätig war. Auf Augenhöhe mit Erwachsenen zu arbeiten, ist für mich ein guter Ausgleich. Aber irgendwie spürte ich, dass ich trotz allem wieder zurück ins Schulzimmer musste. Es macht mir so viel Spass, die Entwicklung der Kinder zu verfolgen, gemeinsam mit ihnen zu singen, zu turnen, zu lachen und im Wald ein Feuerchen zu machen. Aktuell habe ich das Privileg, die Arbeit mit Kindern und mit Erwachsenen verbinden zu können.

Heute wechselt die Hälfte aller Lehrpersonen innerhalb der ersten fünf Jahre nach ihrer Ausbildung den Beruf. Wie erklären Sie sich das?
Zum einen hat es sicher damit zu tun, dass man relativ einfach zu einem Bachelor kommt, wenn man die Lehrerausbildung macht. Und nach drei Jahren bekommt man auch bereits einen guten Lohn. Aber die Realität im Schulzimmer ist dann nicht ganz so einfach. Die Rolle, die ich als Lehrerin einnehme, ist eine sehr komplexe.

Mit anderen Worten: Lehrerin zu sein, ist mehr als ein Beruf?
In gewisser Weise ist es tatsächlich eine Berufung. Ich habe schon das Gefühl, dass ich eine geborene Lehrerin bin. Was nicht bedeutet, dass ich eine super Lehrerin bin. Aber ich bin überzeugt, hier in der Schule am richtigen Ort zu sein. Was mich aber umtreibt, ist die Tatsache, dass ich kaum noch eine Lehrperson kenne, die Vollzeit arbeitet. Weshalb ist es heute als Lehrerin nicht mehr möglich, hundert Prozent zu arbeiten und trotzdem gesund zu bleiben?

Burn-out unter Lehrerinnen und Lehrern ist seit Jahren ein grossen Thema. Haben Sie das auch in Ihrem schulischen Umfeld erlebt?
O ja! Vielfach sind es ja gerade die besonders engagierten Lehrerinnen und Lehrer, die in ein Burn-out schlittern. Mein Eindruck war mitunter, dass sie sich irgendwie nicht mehr richtig spürten, sich verrannten unter dem Druck all der Ansprüche von Kindern, Schulleitung, Kolleginnen und Eltern. Eine mir bekannte Lehrerin zum Beispiel hat fast die ganzen Sommerferien durchgearbeitet, um alles perfekt vorzubereiten für das neue Schuljahr. Als die Schule dann anfing, wurde sie krank, weil sie so erschöpft war.

Und niemand hat das vorher bemerkt?
Manchmal ist man halt schon sehr allein mit sich im Schulzimmer. Man braucht ein Umfeld, das einem rechtzeitig zurückmeldet, wenn man sich verändert. Und einige haben das nicht – gerade Lehrerinnen und Lehrer sind mitunter auch einsam, weil sie den ganzen Tag lang so intensiv als Mensch in ihrem Job gefordert sind, dass sie abends nicht mehr Kontakt mit anderen aufnehmen mögen. Und das ist keine gute Burn-out-Prävention.

Einmal haben Sie bereits die Notbremse gezogen. Haben Sie Angst, das könnte wieder nötig sein?
Ich kann mir schon vorstellen, dass ein solcher Moment wieder kommt – ein Punkt, an dem ich merke: Jetzt brauche ich Veränderung. Aber ich zweifle keine Sekunde, dass ich danach wieder ins Schulzimmer zurückkehre. Und es wird ein Schulzimmer im Aemtler sein. Wir haben ein super Team, und die Kinder, die hier zur Schule gehen – für die schlägt mein Herz.

Katharina Wenziker-Welti (47) ist Mutter von zwei Kindern (12, 14), unterrichtet mit einem Pensum von siebzig Prozent im Zürcher Stadtkreis Wiedikon auf der Unterstufe und arbeitet als Supervisorin.

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