Nr. 46/2014 vom 13.11.2014

In Schockstarre

Andreas Fagetti zur NZZ-Politik in der Ostschweiz.

Von Andreas FagettiMail an AutorIn

Paukenschlag in St. Gallen: Von einem Tag auf den anderen war «Tagblatt»-CEO Daniel Ehrat weg vom Fenster. Die NZZ-Konzernspitze setzte Ende Oktober den Luzerner HSG-Absolventen Jürg Weber, den in der Ostschweiz niemand kennt, an seine Stelle. Der CEO der LZ-Medien führt künftig den neu geschaffenen Geschäftsbereich Regionalmedien, in dem das St. Galler und das Luzerner Haus zusammengefasst sind.

Die Personalie traf das «St. Galler Tagblatt» unvorbereitet. Schockstarre auf der Redaktion. Ein frustrierter Redaktor sagt: «Die in Zürich interessiert die Kohle, die wir für sie erarbeiten; was wir publizistisch leisten, geht denen doch am Arsch vorbei.» In St. Gallen kann sich niemand erinnern, dass das umsichtig geführte Medienhaus je rote Zahlen geschrieben hätte – im Gegensatz zur NZZ. Doch die Redaktion wird gerupft, das Blatt geschrumpft. Zwanzig Stellen haben sich seit 2013 in nichts aufgelöst, den LeserInnen müssen seit einigen Monaten zwei statt vier Bünde genügen.

Dass die Nordostschweizer Medien von Zürich kolonisiert sind, ist eine Binsenweisheit. Immerhin hatten die Zürcher bislang die regionale Fassade nicht angetastet. Verwaltungsratspräsident, CEO, Chefredaktor – alle waren Ostschweizer. Mit der Rücksicht auf regionale Empfindlichkeiten ist es vorbei. Faktisch hatten die Ostschweizer beim «Tagblatt» zwar schon davor nichts zu bestellen. Im fünfköpfigen Verwaltungsrat sitzen mit VR-Präsident Adrian Rüesch und dem Ex-Tagblatt-CEO Hans-Peter Klauser bloss zwei regional verankerte Persönlichkeiten. Die drei anderen Sitze haben Leute aus der Zentrale inne, einen davon Konzernchef Veit Dengler. Im Aktionariat hält die NZZ-Mediengruppe 93 Prozent, die Herren aus Zürich können agieren, wie ihnen beliebt. Ob ihnen das gut bekommt? Wie sensibel regionale LeserInnen sein können, erlebt derzeit die «Basler Zeitung», deren Abozahlen seit 2010 von 75 500 auf 46 000 abgestürzt sind, nachdem sie unter den Einfluss des Zürchers Christoph Blocher geraten war .

Die NZZ-Regionalblätter in St. Gallen und Luzern haben aus Zürich knallharte Vorgaben erhalten: Je eine Million Franken pro Jahr ist zu sparen. Treffen wird es die Mantelredaktionen. Der neue CEO Jürg Weber schreibt der WOZ auf Anfrage: «Weil die Einnahmen im klassischen Medienbereich sinken, suchen wir primär in den überregionalen (…) Bereichen nach Zusammenarbeitsmöglichkeiten, um Ressourcen zu sparen oder in die Geschäftsfelder Online und Zusatzgeschäfte zu investieren.» Noch scheint unklar, wie die überregionalen Inhalte der Blätter künftig konkret hergestellt werden. Klar ist: Es wird Stellen kosten. Der «allfällige» Abbau solle «so weit wie möglich durch natürliche Fluktuationen aufgefangen werden», so Weber. Als Berater für dieses Projekt war übrigens Markus Eisenhut, ehemaliger Ko-Chefredaktor des «Tages-Anzeigers», beigezogen worden.

Entsteht eine neue Zentralredaktion an einem Ort? Wird es analog zur Geschäftsleitung einen Mantel-Chefredaktor geben? Wird eine neue Mantelredaktion die regionalen Aspekte vernachlässigen und so zur Beliebigkeit beitragen? Die WOZ hätte auch gerne von der NZZ-Verwaltungsrätin und St. Galler Ständerätin Karin Keller-Sutter gewusst, ob sie sich gegen die Totalentmachtung der Ostschweizer Medien wehrt. Sie dürfe diese Vorgänge nicht kommentieren, sagt sie. «Tja», sagt ein anderer «Tagblatt»-Journalist in Anspielung auf einen Titel in unserer NZZ-Medientagebuch-Serie vom vergangenen Sommer: «Mir fehlt Konrad Hummlers Ostschweizer Karma.»

Andreas Fagetti ist WOZ-Redaktor 
und arbeitete fünfzehn Jahre für das 
«St. Galler Tagblatt».

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