Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

Arme bürgerliche WOZ

Susan Boos über den Umbau der NZZ Holding

Von Susan Boos*

Den Wunsch kann man nur verstehen, wenn man zwölf Jahre zurückgeht. Damals kauften unbekannte Investoren die Jean-Frey AG, zu der auch die «Weltwoche» gehörte. Die WOZ bot damals in einer vergnügten Aktion an, die «Weltwoche» und ihre MitarbeiterInnen für einen Franken zu retten (siehe WOZ Nr. 10/2002). Daraus wurde leider nichts, Roger Köppel hat sie inzwischen – mit wessen Geld auch immer – übernommen und zur rechten Postille umgebaut.

Die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ) ist, von weitem gesehen, in einer ähnlichen Lage. Übers Wochenende brodelte der Gerüchtetopf: Markus Somm, ein Adjutant des geschassten SVP-Bundesrats Christoph Blocher, Freund von Köppel und Chefredaktor der «Basler Zeitung» («BaZ»), werde zum Chefredaktor der NZZ gekürt, hiess es. Die NZZ-Redaktion protestierte. Somm gab inzwischen bekannt, es habe Gespräche gegeben, er wolle aber nicht.

Die WOZ mochte es immer, wenn sie als «linke NZZ» tituliert wurde. Wir sind links, sie stramm bürgerlich – doch eins hat uns stets verbunden: der Wille, ernsthaften Journalismus zu liefern, kein blubberndes Infotainment, keine fremdenfeindliche Hetze.

Somm ist unangenehm, weil er nationalkonservativ ist, aber widerwärtig macht ihn sein giftiger Treibjagdjournalismus. Das tut dem Lokalblatt «BaZ» weh, für die NZZ wäre es der Tod. Niemand bezahlt für rechte Hetze ein Jahresabo von 675 Franken.

Die NZZ hat noch eine Ähnlichkeit mit der WOZ: Sie ist fast wie eine Genossenschaft organisiert. Es ist die Zeitung der FDP-Mitglieder, die Statuten verhindern, dass jemand zu viele Aktien kauft und die Zeitung übernimmt. Eine Aktie kostet 6000 Franken, wäre aber frei gehandelt mindestens das Doppelte wert. Nichts von Gewinnoptimierung und Börsengang. Da spürt man noch den Freisinn, der einmal weise war, vor über 200 Jahren, als die NZZ gegründet wurde (siehe WOZ Nr. 50/2014).

Die NZZ ist aber nicht nur eine Zeitung, sie ist eine Holding. Die NZZ Aktiengesellschaft kontrolliert medial die Ostschweiz – mit dem «St. Galler Tagblatt» und den privaten Fernseh- und Radiosendern. Und sie dominiert via «Neue Luzerner Zeitung» auch die Innerschweiz. Das weitverzweigte Konglomerat hat sich mehr zufällig gebildet. Das NZZ-Mutterhaus hatte nie eine Idee, was es damit eigentlich will. Die Regionalmedien scheinen lästig, zu provinziell für das grosse Blatt.

Und jetzt ist CEO Veit Dengler im Amt. Sein Auftrag ist klar: das schwerfällige Konglomerat gewinnbringend umbauen. Er ist Österreicher und hat die NZZ-Geschäftsleitung mit mehreren ausländischen Kadern besetzt, die nicht aus der Medienbranche stammen und nichts über den Schweizer Freisinn wissen.

Etienne Jornod, der NZZ-Verwaltungsratspräsident, ist in der Pharmabranche gross geworden und redet über Medien wie über Pillen. Veit und Jornod haben vergangenes Jahr ein Massnahmenpaket ausgeheckt, dessen Umsetzung angelaufen ist. Die Schliessung der NZZ-Druckerei war eher der erste als der letzte Akt.

Ein Drama, das sich anbahnt: Die Regionalblätter werden ausgeblutet (siehe WOZ Nr. 46/2014), bis sie reif für den Verkauf sind. Dann könnte das rechtsnationale Geschwader Blocher-Somm-Köppel sie übernehmen. Und dann würde es wirklich grauslich.

Der historische Artikel über das 
«Weltwoche»-Übernahmeangebot: «Wie die ‹Weltwoche› gerettet werden kann»

Susan Boos ist Redaktionsleiterin 
der WOZ.

* Wunsch von 
Bernhard C. Schär: «Übernehmt die NZZ!»

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