Nr. 46/2014 vom 13.11.2014

Wenn die Streikbrecher Clash hören

Der Roman von David Peace über den Bergarbeiterstreik 1984/85 ist in England bereits vor zehn Jahren erschienen. Nun kommt der düstere Thriller «GB84» auch auf Deutsch heraus.

Von Erich Keller

Im Ausnahmezustand: Ein streikender Minenarbeiter und Polizisten bei der «Schlacht von Orgreave», South Yorkshire, im Juni 1984. Foto: Martin Jenkinson Image Library, pressphotos.co.uk

Eines ist «GB84» gewiss nicht: ein historischer Roman. Wer etwas über den englischen Bergarbeiterstreik erfahren möchte, wird dieses hektisch erzählte Buch rasch weglegen. Vieles wird bloss angeschnitten, das meiste nicht erklärt – und doch: Wer in die 500 Seiten Krawallliteratur eintaucht, bekommt eine Ahnung davon, wie radikal der Thatcherismus das Land umgepflügt haben muss.

Im Roman treffen sich im Frühjahr 1984 in Paris die Spitzen der Bergbaugewerkschaften. Es geht darum, den Nachschub von französischer Streikbrecherkohle nach England zu unterbinden. Das ist schnell getan. Ein paar Federstriche auf dem Papier, ein gutes Essen im «Chartier» – «Vive la révolution!», prostet der Gewerkschaftspräsident seiner Entourage zu. Er liebe Paris, Stadt der Revolution, des Brots, des Käses, des guten Kaffees und des Rotweins. Man lacht. Der Streik der Bergarbeiter muss siegreich sein, die Funktionäre haben es beschlossen. Abends im Hotel dann greift Terry Winter, Sekretär der National Union of Mineworkers, von Schlaflosigkeit getrieben zu Émile Zolas Bergarbeiterroman «Gérminal». Gelangweilt schmeisst er das Buch nach wenigen Seiten schon in eine Zimmerecke: ein Buch aus einer anderen Zeit.

Ein Abschnitt von wenigen Zeilen, in dem der Autor David Peace den Zynismus der Gewerkschaftseliten auf den Punkt bringt. Die harten, bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen der Basis mit Streikbrechern und Polizei sind längst wenig mehr als die Kulisse, hinter der alle möglichen Strippenzieher agieren. Und noch etwas zeigt Peace damit: dass man über den Bergarbeiterstreik von 1984 nicht mehr so schreiben kann wie 1885 in «Gérminal».

Das Karrieretreppchen hochsteigen

Mit unverhohlenem Hass blickt der 1967 geborene Autor auf die 53 Streikwochen, die für die Kumpel bekanntlich in einem Fiasko endeten. Im «Last English Civil War», wie der Streik auch genannt wird, hatte der Thatcherismus mit eiserner Faust seine Prinzipien durchgeknüppelt. Im Frühjahr 1985 war die Macht der Gewerkschaften endgültig gebrochen, zahlreiche Kohleminen im Land wurden stillgelegt. Unaufhaltsam krempelte ein Technokratenheer Teile der Wirtschaft um – und wichtiger noch, davon ist David Peace überzeugt, zerstörte der Neoliberalismus ein Lebensgefühl. Peace meint den gesellschaftlichen Kitt, der nicht von Kalkül, vom Schielen auf den eigenen Vorteil durchdrungen ist. Jene Art von Solidarität, die ohne rote Fahnen und Parteiprogramme auskommt, sei seither so gut wie verschwunden.

Diese These zieht sich durchs Buch, typografisch klar abgesetzt: Zu Beginn jedes Kapitels erzählt das Buch aus der Mikroperspektive der Streikenden und was der Streik mit ihnen und ihren Familien anrichtet. Auf der zweiten, dominierenden Ebene ist das Buch ein düsterer Thriller, dialoglastig, in meist aberwitzigem Stakkato getaktet. Zwei Figuren stehen im Mittelpunkt, beide versuchen sie mit allen Mitteln, Anerkennung zu finden, das Treppchen weiter hochzusteigen: jener pausenlos aspirinschluckende, von Obsessionen getriebene und zugleich verzweifelte Gewerkschaftssekretär Terry Winters, der alles tut, um dem mächtigen Gewerkschaftspräsidenten zu gefallen. Auf der anderen Seite steht Stephen Sweet, von allen nur «der Jude» genannt, ein schwerreicher Industriekapitän, der sich der Regierung andient. Er hat sich die Bekämpfung des Streiks zu seiner persönlichen Aufgabe gemacht und hofft, so die Anerkennung der Regierung Thatcher zu finden.

Ein Roman ohne Helden

Eine politische Analyse liefert der Roman «GB84», der in England schon vor zehn Jahren erschienen ist, nicht. Zu sehr ist das zynische Spiel auf den Thrillerplot angelegt. Bereits in seinen vier Büchern um den «Yorkshire Ripper» («1947», «1977», «1980» und «1983»), die verfilmt wurden und in zahlreichen Übersetzungen erschienen, erzeugt David Peace eine mit zahlreichen kulturgeschichtlichen Details durchsetzte, düstere Grundstimmung. Dieses Prinzip wendet Peace auch in «GB84» an. Allen Überzeichnungen zum Trotz bleibt aber ein historischer Kern zurück: Einzelne Figuren im Roman, zum Beispiel der Gewerkschaftspräsident, entsprechen realen Personen, und die geschilderten, oft brutalen Strassenkämpfe sind dokumentiert. Das postmoderne Zerschlagen einer linearen Erzählstruktur geschieht also nicht im historisch luftleeren Raum.

So gelingt es «GB84», in hochaufgelösten, detailreichen Bildern den Streik als emotionalen Ausnahmezustand zu beschreiben. Das Buch erzählt nicht bloss von der Wut, der Gewalttätigkeit, den stillen Hoffnungen, dem Frust darüber, von der eigenen Gewerkschaftsführung beschissen zu werden – Peace schafft es in seinen besten Momenten, die Wucht dieser Gefühle glaubhaft zu vermitteln.

Vollständig hinausgetrieben hat David Peace jedes Pathos aus dem Buch, es fehlt ihm wohlige, identitätsstiftende Nestwärme. Nichts hat es mehr zu tun mit sogenannter ArbeiterInnenliteratur, die Empörung über ungerechte Verhältnisse in politische Mobilisierung verwandeln wollte: nicht mit Émile Zola oder Upton Sinclair, aber auch nicht mit Romanen der «anderen Arbeiterbewegung» (Karl-Heinz Roth), etwa dem Werk des italienischen Operaisten Nanni Balestrini («Vogliamo tutto» von 1971). Peace’ hektische, fragmentierte Erzählung ist ein Blick zurück im Zorn, erfüllt von einem tiefen Pessimismus.

Es ist darum nur konsequent, dass der Autor die sattsam bekannten heroischen Muster allesamt hintertreibt, oft in kleinen Details. Etwa, wenn die «scabs», die Streikbrecher, vor ihren Überfällen auf die Bergarbeiter und ihre Familien im Bus sitzen, Bier trinken und Musik hören – Motörhead, Clash oder die Rolling Stones. Musik also, die auf die «gute Seite» gehört (hätte man vielleicht gehofft).

Der Streik im Kino

Der Regenbogen trifft aufs Proletariat

London, 1985. An der Gay Pride marschiert eine ziemlich heterosexuelle Truppe vorneweg: Es sind Mineure aus Wales, die sich damit für die Unterstützung revanchieren, die sie während des Bergarbeiterstreiks vonseiten der Schwulen und Lesben erfahren haben. Aus dieser historischen Randnotiz macht Regisseur Matthew Warchus im Film «Pride» eine Komödie über gelebte Solidarität quer durch die Milieus – und gegen den Widerstand im eigenen Gärtchen der sozialen Identität. Mit dabei: Dominic West («The Wire») als alternder Discokönig und Imelda Staunton («Vera Drake») als Matrone im Streikkomitee. Aber das sind nur zwei bekannte Namen in einem Film, der ganz im Ensemble aufgeht, also den Kollektivgeist, den er predigt, auch in der Behandlung seiner Figuren ernst nimmt.

Und eine Allianz mit den Bergarbeitern liegt doch eigentlich auf der Hand, wie der junge Schwule Mark (Ben Schnetzer) zu Beginn seiner Clique in London klarmacht: «Ihre Gegner sind auch unsere Gegner: Margaret Thatcher, die Polizei und die Boulevardpresse.» Mark und seine Hilfstruppe sammeln also ein paar Hundert Pfund und machen sich dann auf den Weg ins Streikgebiet – doch der Empfang bei den Kumpels in Wales ist nicht gerade warm. Urbane Regenbogencrew mit guten Absichten trifft auf latent homophobes Proletariat in der Provinz: Das sind die Gegensätze, aus denen «Pride» sein komödiantisches Kapital zieht, und zum Abspann singt Billy Bragg.

Eine Feel-Good-Komödie über den Bergarbeiterstreik? Klingt frivol, um nicht zu sagen politisch anstössig. Der Argwohn ist berechtigt, aber am Ende bleibt davon nicht viel übrig. Das liegt nicht nur an den träfen Dialogen und den Charakterköpfen, die in «Pride» in einer Fülle versammelt sind, wie man das von britischen Komödien nicht anders gewohnt ist. Sondern auch daran, dass das Drehbuch von Stephen Beresford nie die Abkürzung ins Rührstück sucht. Klar, der Streik dient hier vor allem als Kulisse für einen heiteren Clash der Kulturen. Aber dieser Film macht so viel richtig, dass man ihm das nicht ernsthaft vorwerfen könnte.

Florian Keller

«Pride» läuft ab 13. November 2014 in den Kinos.

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