Nr. 47/2014 vom 20.11.2014

Grundrechte zählen, nicht Sympathie

Von Bettina Dyttrich

Ist das Kopftuch ein Ausdruck der Unterdrückung von Frauen? Oder ist es im Gegenteil ein Zeichen von Selbstbewusstsein, Symbol einer selbstbestimmten Religiosität? Kann es beides sein, je nach Situation? Über diese Fragen streiten Feministinnen in muslimisch geprägten Ländern wie der Türkei schon lange. Inzwischen ist der Streit global geworden.

Letzte Woche hat das Verwaltungsgericht des Kantons St. Gallen festgehalten, dass ein dreizehnjähriges Mädchen im Grenzort St.  Margrethen während des Schulunterrichts ein Kopftuch tragen darf. Dieser Wunsch sei nämlich «durch ihre Glaubens- und Gewissensfreiheit geschützt».

Man muss diese Familie nicht sympathisch finden. Die offenbar ziemlich fanatischen Eltern weigerten sich auch, ihre Kinder in den Schwimmunterricht und in Schullager zu schicken. Um diese Absenzen geht es im vorliegenden Urteil allerdings nicht – und um Sympathie und Antipathie auch nicht, wie das Gericht mit bemerkenswerter Klarheit festhält: Das Grundrecht der Glaubens- und Gewissensfreiheit werde «nicht durch Wohlverhalten verdient, sondern steht jeder Person voraussetzungslos zu. Es kann auch durch die Haltung des Vaters, der die Regeln seines Glaubens über das schweizerische Recht stellt, nicht verwirkt werden.»

Auch aus ganz praktischen Gründen wäre ein Kopftuchverbot kontraproduktiv: Es ist enorm wichtig, dass Mädchen wie jenes in St. Margrethen in der öffentlichen Schule bleiben können. Auch und gerade wenn nicht klar ist, ob sie das Kopftuch ganz freiwillig tragen – doch was heisst in einem Abhängigkeitsverhältnis denn schon «ganz freiwillig»? Wer Mädchen mit Kopftuch aus der Schule ausschliesst oder riskiert, dass die Eltern sie nicht mehr hinschicken werden, hilft ihnen ganz bestimmt nicht weiter.

Die Schule ist ein Fenster zur Welt. Sie ist der Ort, wo Jugendliche lernen, dass es noch viele andere Wertvorstellungen gibt als jene zu Hause in der Familie. Die Schule sollte Jugendliche stärken, damit sie ihre eigenen Lebensentwürfe finden. Wer dort aber nur Ablehnung erfährt, kann genau das nicht lernen.

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