Nr. 47/2014 vom 20.11.2014

Ist denn die Naturliebe mit Naturbashing auszutreiben?

In der Zürcher Shedhalle befasst sich eine Ausstellung mit reaktionären Tendenzen im ökologischen Denken. Die Widersprüche, die dabei aufbrechen, zeigte die Eröffnungsdiskussion exemplarisch.

Von Rolf Bossart (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

Mit der Raumplanung die chaotische Landschaft aufräumen: Die Installation «Changing Landscapes of Contemporary Capitalism 2» von Tomash Schoiswohl.

Schön und zugleich verschwörerisch klingt der Titel des Films von Ralo Mayer, «Why Do We See the Photo of the Whole Earth So Often (that We Don’t Even See It Anymore)?», zu Deutsch: «Warum sehen wir das Bild der Erde so häufig (dass wir es nicht einmal mehr sehen)?». Der österreichische Künstler Mayer beschäftigt sich darin mit der Geschichte des Bilds der Erde – aufgenommen aus dem Weltall. Sein Film ist eines der Kunstwerke, die derzeit in der Shedhalle in der Roten Fabrik in Zürich zu sehen sind. Die Ausstellung «Das Ende der Natur» kommt zur richtigen Zeit: Die anstehende Ecopop-Initiative legt schamlos die Herausforderung offen, die Würde aller 7,2 Milliarden Menschen genauso zu schützen wie die Natur.

Das Bild des Planeten wurde in den späten sechziger Jahren zur Ikone der Ökologiebewegung. Den realen Blick von aussen auf die Erde in ihrer Ganzheit und Einheit hatte erst die Raumfahrt ermöglicht. Er weckte die Heilserwartungen auf eine globale, die Völker versöhnende Zusammengehörigkeit ebenso wie die Ängste vor dem Verschwinden der Menschheit in der Bedeutungslosigkeit der ewigen Räume des Alls. Die Hoffnungen erwiesen sich vorläufig als nichtig, die Ängste aber bekamen eine Heimat in der neu entstandenen Umweltbewegung.

Der ganze Planet

An diesem einen Bild des kleinen blauen Planeten wird die ganze Krux – oder sollte man besser sagen: Tragik – des ökologischen Denkens klar. Es ist die Erkenntnis der Enge und Begrenztheit der Welt. Und damit die Wiederkehr der mythischen, angstbesetzten Vorstellung, in einem absolut geschlossenen System festzusitzen: Was man irgendwo im System wegnimmt, muss auch wieder zurückgegeben werden, gegebenenfalls auch unter Androhung einer Strafe. Daher rühren die literarischen Rachefantasien einer Natur, die die Rückeroberung plant – nachzulesen beispielsweise in «Das Untier» von Ulrich Horstmann (1983), in Franz Hohlers «Die Rückeroberung» (1991) oder in Frank Schätzings «Der Schwarm» (2004). Daher kommen die unzähligen Katastrophenfilme, von «Armageddon» (1998) über «The Day After Tomorrow» (2004) bis zu «Tornado. Der Zorn des Himmels» (2006).

Es scheint äusserst schwierig, mit diesem Bild des kleinen Planeten im Kopf weiterhin grösser zu denken von der Erde und vom Menschen. Denn die Menschwerdung ging mit der Vorstellung einher, die von der Natur gesetzten Grenzen immer wieder zu verlassen und zu überschreiten. Mit dem plötzlichen Bewusstsein der Endlichkeit und Schuldhaftigkeit von Fortschritt und Entwicklung geriet diese Vorstellung unweigerlich in einen unüberbrückbaren Widerspruch. Darin steckt sie noch heute. Und dies dürfte auch der tiefere Grund sein für die «Widersprüche in aktuellen Diskussionen zu Ökologie und Krise», auf die die Ausstellung in der Shedhalle im Untertitel verweist – Widersprüche zwischen Tradition und Fortschritt, zwischen Lust und Verzicht oder Menschen- und Naturliebe.

In der Diskursschlaufe

Dass Widersprüche immer dazu verleiten, sie mit einfachen Tricks zu beseitigen, zeigte sich auch in der Diskussion am Eröffnungsabend der Ausstellung. Ein beliebter Trick ist es, im Gespräch eine Metaposition einzunehmen. So weigerte sich der Historiker Kijan Malte Espahangizi gleich zu Beginn der Diskussion, der Bitte der Kuratorin und Geschäftsleiterin der Shedhalle, Katharina Morawek, nachzukommen und die Grundannahmen der Ecopop-Initiative im Zusammenhang mit der Ausstellung zu skizzieren. Vielmehr wollte Espahangizi über das «Wie» des Diskurses sprechen und beschuldigte alle politischen Lager, gleichermassen schuld daran zu sein, dass man in der Schweiz nicht mehr aus der rassistisch-naturalistischen Debatte herauskomme. Er schloss mit der Klage darüber, dass es in der Schweiz keinen Ort gebe, wo man dies überhaupt thematisieren könne – eine Behauptung, die wohl eher vom Wunsch, selber eine exklusive Meinung zu vertreten, getragen war als von den realen Begebenheiten.

Historiker Espahangizi wurde in seinem fulminanten Plädoyer zwar auch durchaus konkret. Etwa wenn er sich starkmachte für eine Ausweitung des juristischen Rassismusbegriffs, damit die jetzige Antirassismusstrafnorm nicht mehr zur Rassismuslegitimierung dienen könne. Mit der allzu frühen Besetzung der Metaposition hatte er aber die Marke für die weiteren Beiträge gesetzt. Es blieb mehrheitlich beim Diskurs über Diskurse und Begriffe. Zwischendurch überfiel die Anwesenden gar eine kollektive Destruktivität, die sich im reinigenden Wunsch nach Dekonstruktion und Ächtung aller belasteten Begriffe wie «Heimat», «Lebensraum» oder «Natur» äusserte.

Doch inwieweit ergibt es denn Sinn, den Naturbegriff zu verlassen? Was wäre denn die politische Forderung, die sich daraus ableiten liesse, was das Gut, das man gewinnen möchte? Für die Linke gibt es kaum etwas zu gewinnen, wenn sie die Naturverfallenheit der Rechten mit einem postmodernen Naturbashing austreibt und dabei die Zweideutigkeit des Menschlichen – ein Mischwesen aus Natur und Nichtnatur zu sein – verwirft beziehungsweise nicht aushält. Und zeigt sich darin nicht der gleiche Selbsthass auf die sogenannte Condition humaine, der bei den rechten Naturliebhabern so wirkmächtig ist? Um die Würde der Menschen zu verteidigen, ohne die wahrscheinlich alle antirassistischen Diskurse sinnlos sind, ist weder die Vorstellung vom Menschen als Plage der Erde noch diejenige von der Natur als blosse ideologische Irrationalität besonders hilfreich.

Auch der Soziologe und Sozialanthropologe Rohit Jain begann seine Ausführungen an der Diskussion mit der Kritik an einem Begriff. Er lenkte die Aufmerksamkeit auf das typisch schweizerische Wort «Zersiedlung». Damit traf Jain zweifellos einen Nerv, ist doch die Zersiedlung ein Lieblingswort der kulturkritischen Intellektuellen von Max Frisch bis zu den Architekten Herzog und De Meuron. Sie ist tausendmal beschrieben und beklagt von wehmütigen WanderInnen. Es fällt einem dazu das Buch «Wandert in der Schweiz, solange es sie noch gibt» (1987) von Jürg Frischknecht ein, dieser Auftakt zur Renaissance des politisch bewussten Wanderns.

Vermischung statt Reinheit

Das Konzept der Zersiedlung denkt den Raum aber nur als ein passives und leidendes Opfer der Modernisierung. Dem hat dann folglich die Raumplanung entgegenzutreten, die aus dem Chaos Ordnung, aus dem wuchernden Zellgewebe Verwurzelung und aus den Ghettos Lebensräume machen soll. Auch wenn er zwischenzeitlich die Raumplanung in die Nähe der Eugenik stellte, so drückte sich Jain nicht um den Widerspruch herum, dass man auch in progressiven Diskursen über die Gestaltung der Räume sprechen muss.

Zum Schluss verwies Jain auf die strukturelle Verwandtschaft von Ecopop mit dem populären öko-neoliberalen Dualismus von urbanen, dynamischen Wachstumsmotoren und schützenswerten Erholungs- und Rückzugsgebieten. Beide versuchen, den Schweizer Wohlstand auf Kosten anderer zu retten. Und in beiden Positionen kommt die Agglomeration, wo doch die meisten Menschen leben, nicht vor – und wenn doch, dann nur als Unort.

Wer diesen Varianten etwas entgegenhalten möchte, muss in diesem Land einen positiven Agglomerationsbegriff entwickeln. Ja, eine Ästhetik der Agglomeration, die nicht durch Reinheits- und Abgrenzungswahn, sondern durch Gegensätze und Vermischungen geprägt ist. Diese Perspektive wäre von enormer Bedeutung. Schliesslich erhält die SVP gerade in der Agglomeration eine hohe Resonanz, was darauf schliessen lässt, dass auch deren BewohnerInnen des Sinns bedürfen. Ausserdem erinnert diese Perspektive an die Anfänge der Moderne, als man Reinheit noch vermittels alchemistischer Vermischungskunst und nicht nur durch Abgrenzungen erreichen wollte.

So kehrt die Debatte zur Ausstellung in der Shedhalle zurück, namentlich zu den Installationen des österreichischen Künstlers Tomash Schoiswohl, die sich mit dem Dualismus von Schmutz und Sauberkeit im ökologischen Denken auseinandersetzen oder anders gesagt: mit der versteckten Abneigung gegen Vermischungsprozesse von Natur und Nichtnatur – in welcher Form auch immer.

Die Ausstellung «Das Ende der Natur. Einige Widersprüche in aktuellen Diskussionen um Ökologie und Krise» wird in der Shedhalle, Rote Fabrik, Zürich, bis am 1. März 2015 gezeigt.
 Am 29. November 2014 findet ein Ausstellungsgespräch unter dem Motto «Reinigungsquatsch» statt – für alle, die professionell putzen, aufräumen, waschen und wischen. www.shedhalle.ch

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