Nr. 48/2014 vom 27.11.2014

Das Slackertum kehrt zurück

Schleppend singen und schief dreinblicken: Die australische Songwriterin Courtney Barnett erinnert daran, wie man sich dem täglichen Kapitalismus entziehen kann.

Von Kaspar Surber

Der Hipster ist doch so humorlos: Höchste Zeit für eine wie Courtney Barnett.

In Australien scheint die Zeit stehen geblieben. Das Video einer Band mit dem schönen Namen Immigrant Union stammt aus dem Jahr 2012. Doch die Truppe spielt an einer bekifften WG-Party, wie man sie in den Neunzigern nicht besser hätte feiern können. An der Gitarre eine junge Frau, die Zigarette schief im Mundwinkel: Courtney Barnett. Auch die weiteren Fotos, die sich von Barnett finden, bestätigten den ersten Eindruck. Fast immer trägt sie Flanellhemden, blickt leicht genervt in die Gegend und erinnert so an eine fast vergessene Figur der Popkultur: den Slacker.

Ursprünglich eine Bezeichnung für Wehrdienstverweigerer, meint «Slacker» jemanden, der es an Leistungs- und Anpassungsbereitschaft fehlen lässt. Ein stilprägendes Porträt der Figur zeichnete Richard Linklater 1991 in seinem Film «Slacker», der einen Tag im Leben junger Leute in Austin, Texas, zeigt und beim Betrachten eine Frage zurücklässt: Was nur treiben diese jungen Leute hier? Mal enerviert, mal apathisch sprechen sie über die Realität und den Zufall, über die Regierung und Ufologie, über Arbeitslosigkeit und Aussenseitertum. Doch sprechen sie tatsächlich miteinander, oder schlurfen sie nur aneinander vorbei? Und dann diese Kleidung, die sie tragen: unförmige Jeans, dicke Turnschuhe, freakige Sonnenbrillen, als wollten sie keinesfalls attraktiv wirken.

Nur zwei Jahre nach Linklaters Film spielte ein Möchtegernrapper namens Beck Hansen seinen grössten Hit ein: «I’m a loser, so why don’t you kill me?», heisst es im Refrain, in dem ein Verlierer seine Niederlage zur Schau stellt. Ob «Loser» eine Slackerhymne ist oder Beck darin die Rumtreiber verspottet, ist umstritten. Angesichts der später bekannt gewordenen Mitgliedschaft Becks bei Scientology, der Psychokirche für die Erfolgreichen, könnte man vermuten, dass er sich lustig macht. Allerdings war Ironie stets die Waffe des Slackers gegen alle Erziehungsberechtigten: Ist sein Verhalten Verweigerung oder bloss Bequemlichkeit? Die Slacker im Film von Linklater gehen der Frage aus dem Weg, indem sie sich den nächsten Witz erzählen.

Asthmaattacke im Vorgarten

Die Popkultur ist voller Archetypen, die in Sound und Stil eine Antwort auf die sozialen Verhältnisse ihrer Zeit gaben: Die Rocker prügelten sich in den sechziger Jahren mit den Mods, auf die Hippies folgten die Punks. Und auf die Slacker die Hipster. Versuchte der Slacker, dem aufziehenden Neoliberalismus noch auszuweichen, so macht ihn der Hipster gegenwärtig zur Körperpraxis: Er dreht sich im Hamsterrad seiner Ich-AG und gibt fürs Geschäft persönliche Daten preis. Vor allem ist der Hipster eines: humorlos. Höchste Zeit für eine wie Courtney Barnett.

Mittlerweile tritt die 26-Jährige unter eigenem Namen auf. Kurz nacheinander hat sie zwei EPs veröffentlicht, die folkigere «I’ve Got a Friend Called Emily Ferris» sowie die mit Klavier und Streichern breiter instrumentierte «How to Carve a Carrot into a Rose». Was sie besonders macht, ist der schleppende Gesang.

So wie Barnett singt, stolpert sie in den Texten auch durch den Alltag. Ihr Hit «Avant Gardener» handelt von einer Asthmaattacke, die sie eines Nachmittags überfiel: Die Erzählerin will endlich einmal artig die Gartenbeete herrichten, als sie plötzlich keine Luft mehr bekommt. Der Song endet philosophisch mit der Einsicht: «I’m not that good at breathing in.» Genau diese Slackerattitüde ist von Barnett wieder zu lernen: Nicht immer alles einatmen, nicht immer überall mitmachen, sich einen eigenen, komischen Reim auf die Dinge machen.

Austeilen und einstecken

Barnetts Songs sind kurze Skizzen voll witziger Wendungen, die oft nur mit Lautverschiebungen funktionieren. Etwa wenn sie im Song «Pickles from the Jar» den Dialekt ihres Freundes nachäfft. Überhaupt gibt Barnett den Buben gerne eines aufs Dach. In «Lance Jr.» meint sie zu einem Musikerkollegen, seine Songs seien hilfreich beim Einschlafen. Und erst noch billiger als das Schlafmittel Temazepam.

Selbst musste Barnett auch schon einstecken: Als sie sich traute, in einer Radiosendung den Song «Black Skinhead» des Rappers Kanye West zu adaptieren, hielten ihr KritikerInnen vor, als weisse Indiemusikerin könne sie die rassistische Erfahrung hinter dem Song nicht verstehen. Auch ein Hinweis, dass Slackertum schon immer eine Haltung für weisse Mittelstandskinder war. In Richard Linklaters Film treten fast nur solche auf. Die gesellschaftlichen Erwartungen an Erfolg richten sich zuerst an sie, weshalb sie diese überhaupt erst unterlaufen können. Oder anders gesagt: Auch Trägheit muss man sich erst leisten können.

Ob Courtney Barnett keinen Erfolg haben will, darf übrigens angezweifelt werden. Dieses Jahr spielte sie in den USA und Europa fast jeden Abend ein Konzert, nun kommt sie mit ihrer Band auch in die Schweiz. Dazu betreibt sie ihr eigenes Label «Milk! Records», auf dem sie sechs weitere KünsterInnen betreut. Slackertum hin oder her: Barnett bringt die Ironie zurück in den Pop. Im Song «History Eraser» beschreibt sie, wie sie betrunken einschläft und sich mit FreundInnen auf einen Traumtrip macht: «Ich schrieb den besten Song aller Zeiten … bloss kann ich mich nicht mehr erinnern, wie er hiess.»

Courtney Barnett in Zürich, Rote Fabrik, 
27. November; in St. Gallen, Kilbi an der Grenze, 28. November. Die erwähnten EPs sind als Doppelalbum unter dem Titel «A Sea of Split Peas» bei «Milk! Records» erschienen.

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