Nr. 48/2014 vom 27.11.2014

Grossvater Pido

Von Rainer Werning

Da stand er nun und hatte Briefe und ein paar Orangen dabei. Eine Stunde schon warteten er und seine Frau Medy unter einem mickrigen Vordach in sengender tropischer Mittagshitze. Aufgeben oder durchhalten? Natürlich hielt er durch. Pedro Gonzales lässt sich nicht leicht einschüchtern. Das hat er vielfach bewiesen. Und deswegen ist der Kettenraucher in der philippinischen Hauptstadt Manila auch bekannt wie ein bunter Hund. Seine zahlreichen FreundInnen nennen ihn Tata Pido, Grossvater Pido; überall auf den Philippinen bekommen Leute, die man schätzt, einen Spitznamen verpasst.

Dass Pido so berühmt wurde, liegt an einem Vorfall, der über elf Jahre her ist. Damals sprang er dem Tod von der Schippe. Im Mai 2004 hatten zwei maskierte Männer neun Schüsse auf ihn abgefeuert. Eine Kugel traf ihn unterhalb des linken Ohrs und trat durch seine rechte Backe aus. Nur weil Freunde zugegen waren und ihn sofort ins nächstgelegene Krankenhaus brachten, glückte Pido ein zweites Leben. Knapp zwei Wochen später war er wieder auf den Beinen. Ein Bild, das damals schnell die Runde machte, zeigt ihn, gestützt auf einen Rollator, mit geballter Faust. Kühn die Botschaft: «Seht her, ihr wolltet mich zur Strecke bringen, aber ich habe überlebt!»

Die Täter aus dem Dunstkreis des Südluzon-Kommandos der Streitkräfte wurden nie gefasst. Das Motiv: Pido, der sich ab Anfang der siebziger Jahre für die Bauernbewegung KMP engagiert hatte und Vizepräsident der Fischervereinigung Pamalakaya war, wurde beschuldigt, in seiner Heimatprovinz Quezon hochrangiges Mitglied der kommunistischen Neuen Volksarmee zu sein. Dass Pido 2004 auf der linken Liste Anakpawis (Söhne des Schweisses) für einen Sitz im Provinzparlament kandidierte, verstärkte den Verdacht. Schliesslich sind – tatsächliche oder vermeintliche – KommunistInnen, egal welcher Sorte, für die philippinische Regierung StaatsfeindInnen.

Und während er so dasteht und wartet, sagt Pido mit leicht sarkastischem Unterton: «Früher habe ich dieses Land gern als ‹Perle des Orients› beschrieben. Übrig geblieben ist lediglich der Orient. Die Perle ist längst weg, sie wurde uns geklaut.» Doch dann lässt ihn das Wachpersonal doch hinein in den Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Camp Bagong Diwa (siehe WOZ Nr. 29/2014), in dem über zwei Dutzend politische Gefangene weggesperrt sind. Sein Besuch klappte überraschenderweise reibungslos. Obwohl man den Wärtern ansah, dass sie ihn am liebsten dort behalten hätten.

Rainer Werning berichtet für die WOZ regelmässig 
aus Südost- und Ostasien.

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