Nr. 48/2014 vom 27.11.2014

Umwerfend und überdreht

Von Silvia Süess

Von Katzen sagt man, sie hätten sieben Leben. Ähnliches könnte man auch von Florian Burkhardt sagen, dem Protagonisten in Marcel Gislers neuem Dokumentarfilm «Electroboy»: Der 38-Jährige hat sich mehrere Mal neu erfunden – bis zum Zusammenbruch. Heute lebt er als Sozialhilfeempfänger in Bochum.

Nach einer überbehüteten Kindheit in der Schweiz bricht Burkhardt nach Hollywood aus. «Ich wusste ja, dass ich Schauspieler war, nun musste ich nur noch machen, dass es die anderen auch checken!» Der dunkelblonde Brillenträger sitzt auf einem Stuhl in einem kargen Raum und rekapituliert sein Leben – eine Einstellung, die sich wie ein roter Faden durch den Film zieht. Dazwischen begleitet Gisler Burkhardt im Alltag, lässt Eltern, «Entdecker» und Wegbegleiter zu Wort kommen und flicht dazu Archivbilder ein.

Wahnsinnig schön und mit überdrehtem Selbstbewusstsein kommt der Zwanzigjährige in Hollywood nicht schlecht an. Doch als er während eines Aufenthalts in Europa als Model entdeckt wird, kehrt er Hollywood den Rücken. Alsbald bricht er auch mit dieser Glamourwelt, in der er sich mit Erfolg bewegt, um mit seinem Partner das Glück auf dem Land zu suchen. Auch hier hält er es nicht lange aus. Zurück in der Stadt, wird Burkhardt Internetpionier. Doch dann setzen die Angstattacken ein, und er liefert sich in die psychiatrische Klinik ein. Diagnose: «Generalisierte Angststörung bei narzisstischer Persönlichkeitsstruktur mit Selbstwert- und Identitätsproblematik mit Anteilen einer sozialen Phobie». Um die Jahrtausendwende erfindet sich Florian Burkhardt ein letztes Mal neu – als «Electroboy» organisiert er Zürcher Partys.

Eigentlich hätte Gisler einen fiktionalen Film auf der Basis von Florian Burkhardts Leben drehen sollen. Doch das lehnte er ab – wer hätte ihm einen solch abenteuerlichen Plot geglaubt? Stattdessen hat er mit «Electroboy» einen spannenden Dokumentarfilm realisiert, der gegen Ende eine überraschende Wende nimmt. Nur manchmal wünscht man sich, Gisler hätte sich selber ein bisschen mehr zurückgenommen: Der Regisseur entwickelt sich zu einer Art Familientherapeut, dem teilweise die Diskretion abhandenkommt.

Ab 27. November 2014 in den Kinos.

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