Nr. 48/2014 vom 27.11.2014

Eine Welt, in der Nuancen zählen

Tschechow in Kappadokien: Für seinen Film «Winter Sleep» ist der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan («Once Upon a Time in Anatolia») endlich mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden.

Von Barbara Schweizerhof

Eine Fassade der Grosszügigkeit: Aydin (Haluk Bilginer) und seine Schwester Necla (Demet Akbag).

Es hat keinen Zweck, es zu verheimlichen: Nuri Bilge Ceylans neuer Spielfilm «Winter Sleep» dauert etwas über drei Stunden und verlangt den ZuschauerInnen einiges ab. Zum Ersten Konzentration, um den langen, verschlungenen Dialogen zu folgen, zum Zweiten Durchhaltevermögen, um bei all den Details, die hier ausgebreitet werden, den Überblick zu bewahren – und zum Dritten auch so etwas wie Widerstandskraft, um sich nicht gedankenlos dem Sog der schönen, melancholischen Bilder zu ergeben. Man könnte auch sagen, dass «Winter Sleep» von seinem Publikum in etwa die Haltung fordert, mit der geübte LeserInnen einen 500-Seiten-Roman angehen. Tatsächlich fühlt man sich am Ende des Films ein wenig wie nach dem Genuss von Literatur: Man hat eine gewisse Wegstrecke mit diesen Figuren verbracht, mit ihren Gedanken und Gefühlen, und bleibt nun zurück, voller Ahnungen, aber auch im Ungewissen darüber, wie es mit ihnen weitergeht.

Ein unwiderstehlicher Sog

Die ersten Aufnahmen fangen in Weitwinkelansichten die bizarre Schönheit der Tuffsteinlandschaft von Kappadokien ein, einer Gegend im Herzen von Anatolien. Es sind Bilder, die wie die Einladung eines allwissenden Erzählers funktionieren, sich doch an diesen Ort zu begeben, ein wenig zu verweilen und zu beobachten. Unter den Häusern, die hier teils wie Höhlen in den weichen Tuffstein gebaut sind, ist auch das Hotel von Aydin (Haluk Bilginer), einem Mann von knapp sechzig Jahren mit grauen Haaren und zauseligem Bart. Aydin, so erfährt man im Lauf des Films, hat jahrzehntelang als Schauspieler in Istanbul gearbeitet, bevor er zusammen mit seiner jungen Frau Nihal (Melisa Sözen) und seiner Schwester Necla (Demet Akbag) hierher in die Provinz zurückkehrte, um das elterliche Erbe anzutreten. Zu diesem gehören nicht nur das in schlichter Auserlesenheit gestaltete Hotel, sondern weitere Häuser und Ländereien in der Umgebung. Mit anderen Worten: Aydin ist reich, ein Mann mit Privilegien.

Was Aydins gesellschaftlicher Status so mit sich bringt, das zeigt Nuri Bilge Ceylan (der das Drehbuch zusammen mit seiner Frau Ebru schrieb) in erster Linie durch die Art und Weise, wie er mit seiner Umgebung interagiert und kommuniziert. Da ist der vertrauliche und zugleich unwirsch-wortkarge Umgang mit seinem Angestellten Hidayet (Ayberk Pekcan), der mit leicht schmierigem Übereifer den meisten Anweisungen zuvorkommt und so das Herr-Knecht-Verhältnis erst recht hervortreten lässt. Da sind die vorgespielte Weltläufigkeit, mit der Aydin seine Hotelgäste zu beeindrucken sucht, und die Pose des philosophierenden Wohltäters, mit der er alten und neuen Freunden im Dorf imponieren will. Und da ist die Fassade von Grosszügigkeit und Zuneigung, die er sowohl seiner Schwester als auch seiner Frau gegenüber aufrechtzuerhalten versucht. All diese Haltungen unterzieht der Film einer genauen Analyse, indem er sie in langen, ausführlichen Szenen entwickelt und eskalieren lässt. Die Schwester, die Frau, der Nachbar, sie alle fühlen sich irgendwann dazu gedrängt, Aydin die Wahrheit darüber ins Gesicht zu sagen, was sie von ihm denken. Was sich eintönig anhört, gewinnt bei Nuri Bilge Ceylan und seinem Ensemble – besonders Haluk Bilginer, der seinem Hotelbesitzer bei aller Eitelkeit etwas angenehm Zurückhaltendes, zutiefst Menschliches belässt – einen unwiderstehlichen Sog, der hineinzieht in eine Welt, in der Nuancen zählen.

Tschechow als Inspiration

So dialoglastig «Winter Sleep» daherkommt, so bestimmend bleibt zugleich das Visuell-Atmosphärische. Die langen Gespräche stehen in eigentümlicher Spannung zum pittoresken Reiz des winterlichen Kappadokiens, das nicht nur in seinen Sehenswürdigkeiten ausgestellt wird, sondern auch in seinem herausfordernden kalten Klima. Da hört man das Knistern des Kaminfeuers, das Tröpfeln des Regens, das Scharren auf gefrorenem Grund – es sind nicht zuletzt solch sinnliche Details, die dem Film ein fesselndes Hier und Jetzt verleihen, eine soziale Konkretheit, aus der ein subtiles Porträt der heutigen Türkei erkennbar wird.

Nur scheinbar im Widerspruch dazu steht, dass Regisseur Ceylan gerade Anton Tschechow und dessen Kurzgeschichten als Inspiration für sein Drehbuch angibt. Die feudalen Strukturen im Russland um 1900 passen erschreckend genau auf die Gegenwart in der Türkei, wo Besitz zu Privilegien führt, die sich weder durch Fleiss und Arbeit noch durch Almosen und Mitleid überwinden lassen. Auch Tschechows mal selbstmitleidige, dann wieder angenehm skeptische Figuren, die sich mit den eigenen Verwerfungen demütig abfinden, lassen sich hervorragend in die Gegenwart übersetzen.

Eine der zentralen und dabei schockierendsten Szenen aber scheint direkt von Fjodor Dostojewski zu kommen: Da weist eine der armen und «elenden» Figuren eine gute Gabe auf eine Weise zurück, die so unerhört ist, dass sie für einen Moment tatsächlich das gesellschaftliche Korsett aufsprengt. Überhaupt gibt «Winter Sleep» reichlich Gelegenheit zu entdecken, was alles in einer Geste, einem Blick, einer hingeworfenen Bemerkung stecken kann, dass man den Film im Grunde zweimal anschauen muss.

Ab 27. November 2014 in den Kinos.

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