Nr. 48/2014 vom 27.11.2014

Heil Twitler!

Etrit Hasler über Geschichtsaufarbeitung in sozialen Medien

Von Etrit Hasler

Twitter ist doch wunderbar: Menschen, Firmen, Verbände, Vereine haben hier die Möglichkeit, in 140 Zeichen mitzuteilen, was ihnen gerade so durch den Kopf geht. Dass das gerade im Fussball auch nach hinten losgehen kann, liegt in der Natur der Sache: Die wenigsten Fussballer oder Funktionäre sind dafür bekannt, wahnsinnig wortaffin zu sein – und ja, die Frauen habe ich explizit ausgeklammert. Aber das liegt auch einfach daran, dass Fussballerinnen nur selten was gefragt werden und Funktionärinnen so gut wie nicht existent sind.

Am Samstag war es wieder mal so weit. Der Deutsche Fussball-Bund (DFB) twitterte zu einem Jubiläum: «Heute vor 72 Jahren gewann das @DFB_Team in der Slowakei mit 5 : 2 – es war der 100. Sieg in der Geschichte.» Illustriert war der Tweet mit zwei Spielern in Trikots, auf denen – wer 72 Jahre zurückrechnen kann, wird sich kaum wundern – das Hakenkreuz prangte. Die Folgen waren absehbar: Auf dem Netz ging ein Shitstorm los, der DFB löschte nach drei Stunden den Tweet wieder, und am folgenden Montag lieferte er eine eher knappe Entschuldigung. Damit war die Geschichte wohl wieder mal erledigt. Wortwörtlich. Denn natürlich war es ein Fehler des DFB-Twitter-Teams: Abgesehen davon, dass es naiv ist, nicht zu bemerken, dass 1942 ein heikles Jahr in der deutschen Geschichte (und somit auch der des Fussballs) sein könnte: Der Tweet ist historisch gesehen schlicht falsch. Der DFB wurde 1940 aufgelöst und ins Reichsfachamt Fussball eingegliedert.

Die Geschichte der Partie wäre durchaus erzählens- und erinnernswert gewesen: Immerhin handelte es sich um das letzte Länderspiel, das unter der Hakenkreuzfahne gespielt wurde. Obwohl Nazideutschland 3 : 0 in Führung ging, kamen die Slowaken noch auf 3 : 2 heran, und fast wäre es wieder zu einer von Propagandaminister Goebbels so gefürchteten Niederlage gekommen wie gegen Schweden zwei Monate zuvor. Danach hatte Goebbels gewettert: «100 000  sind deprimiert aus dem Stadion weggegangen; und da diesen Leuten ein Gewinn dieses Fussballspiels mehr am Herzen lag als die Einnahme irgendeiner Stadt im Osten, müsste man für die Stimmung im Inneren eine derartige Veranstaltung ablehnen.»

Wie in «Stürmen für Deutschland» von Dirk Bitzer und Bernd Wilting nachzulesen ist, hielt sich der erhoffte Nutzen für die Nazipropaganda trotz des Siegs in Grenzen: «Den Spielern (schlug) der blanke Hass der verbündeten Slowaken entgegen, und es (kam) zu Zuschauerausschreitungen in einem bisher nicht gekannten Ausmass.» Und Reichstrainer Herberger zeichnete auf: «Das Publikum fanatisch und undiszipliniert.» Ein erster Fall von Ultras gegen Nazis also? Jedenfalls eine durchaus spannende Geschichte.

Vielleicht wäre das Spiel auch erwähnenswert gewesen als das beste Spiel in der kurzen Karriere von August Klingler (er schoss in dieser Partie drei Tore), der zum deutschen Fussballer des Jahres 1942 gekürt wurde. Der noch ein paar Jahre in den Gauligen herumkickte, bevor er an der Ostfront wie so viele seiner Generation in einem sinnlosen Krieg als Kanonenfutter diente und in einem namenlosen Grab endete – heute trägt nur ein Fussballfeld in Karlsruhe seinen Namen.

Vielleicht hätte man sogar erwähnen dürfen, dass es nach dem Spiel zu einer Pause von acht Jahren kam, in der Deutschland anderes zu tun hatte, als Fussballspiele zu bestreiten. Die erste Partie nach dem Krieg, diese nun wieder unter dem Banner des wieder gegründeten DFB, wurde just auch an einem 22. November ausgetragen – gegen die Schweiz. Auf deutscher Seite war genau noch ein Mitglied aus der Vorkriegszeit mit dabei: Trainer Sepp Herberger.

Vielleicht wäre es also durchaus ein guter Anlass gewesen, ein bisschen über die Geschichte des deutschen Fussballs nachzudenken. Das hat der DFB nicht getan. Was vielleicht auch besser so ist. In 140 Zeichen wird niemand der Geschichte gerecht.

Etrit Hasler entschuldigt sich bei den WOZ-LeserInnen für den reisserischen 
Titel und dankt dem Wuppertaler 
Slampoeten und Antifaschisten Lasse Samström für den Hinweis auf den 
DFB-Tweet. Halt die Ohren steif, Alter!

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