Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

Erotik der Feindseligkeit

Von Adrian Riklin*

Ein Liebespaar aus zwei politisch völlig unterschiedlich orientierten Individuen? Ist mir nicht bekannt. Doch von politisch Verfeindeten, die es miteinander treiben, ist gelegentlich zu hören.

Mag sein, dass die erotische Anziehung gerade auch zwischen Menschen wirkt, die diametral andere Positionen vertreten.

Wobei ja viele Menschen gar nicht wirklich eine politische Position haben und bei der PartnerInnenwahl weit mehr ein ähnlicher Lifestyle entscheidet. Gerade unter politischen FeindInnen jedoch, die sich in parlamentarischen Räumen täglich die Hände reichen, im Fernsehstudio die Klingen kreuzen und auch noch im gleichen Hotel nächtigen, muss es nicht erstaunen, wenn sie zu später Stunde von der politischen in die erotische Nahzone wechseln. Und dabei womöglich mit Erstaunen feststellen, dass unter der politischen Hülle des ideologischen Feindes ja auch nur ein Mensch steckt.

Und was steckt hinter diesen ominösen Freundschaften zwischen Männern, die sich politisch entgegengesetzt positionieren? Bei diesen Weggefährten aus dem revolutionären Umfeld der achtziger Jahre, die sich heute als Chefredaktoren und Politberater zum Gedankenaustausch treffen? Fast scheint es, als sei dabei die Frage, ob sie nun rechts oder links denken und schreiben, am Ende sekundär. Hauptsache, man ist zu dem geworden, als das man sich schon immer gesehen hat: zu einer Elite, in deren Salons man sich in trauter Feindseligkeit erst richtig wohlfühlt.

* Wunsch von Marina Belobrovaja: «Können sich politische GegnerInnen 
lieben?»

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