Nr. 04/2015 vom 22.01.2015

Alle Farben der Nacht

Von Florian KellerMail an AutorIn

Wie ein fluoreszierendes Gerippe ragt es in den Nachthimmel, das Riesenrad mit den flackernden Lichtern. In der Kabine dann, hoch oben über der chinesischen Kleinstadt, hören wir es knarren und quietschen, der Sound von schlechter Wartung. So hängen sie nun in der Luft und halten einen Moment inne, bevor sie übereinander herfallen, der frühere Polizist und die Femme fatale, die womöglich gar nicht so fatal ist.

Es ist eine ungeheuer schöne, hoffnungslos romantische Szene in einem Film, der auch einmal grausige Dinge mit einem Schlittschuh anstellt und mit zerstückelten Leichenteilen angefangen hat. Säuberlich verpackt, tauchen diese eines Tages in allen Kohlewerken der Region auf den Förderbändern auf, und von den Polizisten, die den Fall untersuchen, ist die Hälfte auch bald tot, nach einer Schiesserei in einem Coiffeursalon. Der leitende Ermittler (Liao Fan) wird verwundet, und als die Handlung fünf Jahre später wieder einsetzt, sehen wir, was aus ihm geworden ist: ein versoffener Ex-Cop, also der archetypische Held für einen Film noir.

Wie er dann wieder auftaucht aus der Nacht seiner Depression, das fasst Regisseur Diao Yinan («Night Train») in ein Bild von gespenstischer Eleganz, Grau in Grau: Da hockt unser elender Held in der Ausfahrt eines Tunnels, die Kamera dreht sich schwerelos um die eigene Achse, und in dieser einen Bewegung ist der einstige Polizist nochmals so tief gefallen, dass es fortan nur noch aufwärtsgehen kann für ihn. Bald gerät er wieder in den Bann der jungen Witwe (Gwei Lun-Mei) des damaligen Opfers, die inzwischen in zwei weitere Morde verwickelt ist.

Er schillert sonst in allen Farben der Nacht, dieser teuflisch vertrackte Winterkrimi in der chinesischen Provinz, ausgezeichnet mit dem Goldenen Bären. Aber wie es sich für einen unterkühlten Noir gehört, zeichnet «Black Coal, Thin Ice» auch das Profil einer maroden Gesellschaft. Und hinter allen kriminalistischen Verwicklungen glimmt hier eine grosse, ungeheuerliche Liebesgeschichte aus einer Welt, wo ein teurer Mantel mehr wert ist als der Körper einer Frau.

Ab 22. Januar 2015 in den Kinos.

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