Nr. 06/2015 vom 05.02.2015

Das wird noch schön brodeln

Von Susan Boos

Der nukleare Abfall soll im Zürcher Weinland oder im Bözberg vergraben werden – so möchte es die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra). Das Zürcher Weinland liegt vor den Toren Schaffhausens; der Bözberg ist ein Aargauer Hügel zwischen Brugg und Fricktal.

Sofort schimpften alle los. Die Aargauer Regierung sagte: «Ein Endlager, bei uns nicht!» Die Zürcher Regierung tat dasselbe. Was lustig ist, denn beide Kantone profitieren von den AKWs, die ihnen mitgehören. Wenn sie den Güsel nicht wollen, müssten sie die Anlagen schleunigst abstellen. Aber das möchten sie auch nicht, lieber lässt man die AKWs sechzig Jahre oder noch viel länger am Netz und produziert unablässig neuen Müll. Die abgründige Schizophrenie der Regierenden macht die Nagra jedoch noch nicht zu den Guten.

Von den sechs potenziellen Endlagerstandorten, die sie einst auserkoren hatte, sind zwei übrig geblieben.

Die NidwaldnerInnen, die jahrelang gegen ein Endlager im Wellenberg gekämpft haben, können jubilieren. Sie sind weg von der Liste. Sie waren aber auch nur noch pro forma dort zu finden. Der Bund wie die Nagra wollten den Wellenberg schon lange nicht mehr.

Zunächst weil sie sich nicht mehr mit den zornigen BerglerInnen anlegen wollten – die jetzt noch wütender geworden wären. Denn in den achtziger und neunziger Jahren konnten sie über das Endlager abstimmen. Heute ginge das nicht mehr. Das neue Kernenergiegesetz lässt es nicht mehr zu, dass die Standortkantone abstimmen dürfen, ob sie ein Endlager möchten.

Einen dümmeren Fehler hätten Bund und Parlament nicht machen können. Das wird noch kochen und brodeln. Nicht weil die Leute gegen das Endlager sind, sondern weil sie nicht mitreden dürfen.

Der Wellenberg ist aber auch weg von der Liste, weil dort nur eine Anlage für schwach und mittelradioaktiven Müll geplant war. Die Nagra hat sich inzwischen – auch wenn sie das nicht offensiv kommuniziert – für ein sogenanntes Kombilager entschieden. Früher war je eins geplant für den schwach und eins für den hoch radioaktiven Müll, jetzt soll aller Müll in ein einziges Lager.

Das ist praktisch, so muss sich die Nagra nur an einem Ort mit wütenden AnwohnerInnen herumschlagen. Deshalb sind drei der ursprünglich sechs Standorte auch gestrichen worden, weil sie nur für schwach und mittelradioaktiven Abfall geeignet gewesen wären.

Der entscheidende Punkt ist aber: Ist das Weinland oder der Bözberg für ein Kombilager geeignet? Und warum ist der dritte mögliche Standort – Nördlich Lägern in der Nähe der Zürcher Gemeinde Stadel – nicht mehr im Gespräch?

Der Geologe und Endlagerexperte Marcos Buser, der einst Mitglied der Kommission für nukleare Sicherheit war, sagt, das Verfahren werde manipuliert wie eh und je. Alle drei Standorte hätten ihre Schwachstellen, und das hätte man als Erstes exakt und ehrlich abklären müssen. Die Sicherheitsbehörden hätten klar definieren müssen, wann ein Standort aufgrund von geologischen Schwachstellen ausscheide. Wenn zum Beispiel das Tongestein wegen einer Störungszone aufgefaltet ist, dürfte man da nie ein Endlager hineinbauen.

«Mit relativ geringen Kosten hätte man im Gelände Untersuchungen machen können, die erlaubt hätten, klarer zu begründen, weshalb ein Standort drinbleibt und ein anderer rausfällt», sagt Buser. Das sei nicht geschehen, weil die Nagra partout ins Weinland wolle – und genau darin liege der Betrug am Verfahren.

«Wir haben einen goldenen Apfel, der wurmstichig ist, und zwei Äpfel, die alt und schrumplig sind», konstatiert Buser. Den Bözberg und Nördlich Lägern zählt er zu den schrumpligen Äpfeln, zu den Standorten, die offensichtlich nicht perfekt sind. Der goldene Apfel ist das Zürcher Weinland. Von aussen sieht alles makellos aus, doch ist es durchaus möglich, dass innen drin unüberwindbare Überraschungen warten, die man erst erahnen kann. Genaues lässt sich aber nicht sagen, weil man über den Untergrund noch zu wenig weiss.

Noch dieses Jahr beginnt die Nagra mit seismischen Messungen und will Bewilligungen für Probebohrungen einholen. Der Zoff ist lanciert.

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