Nr. 06/2015 vom 05.02.2015

Mehr als das Leben

Björk verarbeitet auf ihrem jüngsten Album eine traumatische Trennung. Ani DiFranco wird melancholischer. Und Natalie Prass weiss noch nicht genau, wohin die Reise geht.

Von Stefan Howald

Manchmal hochgeschraubt, manchmal klaustrophobisch: Björk muss etwas überwinden.

Die ersten gesungenen Takte sind unverwechselbar: diese leicht abgehackte Paraphrasierung (und dieser nordische Akzent), die bedeutungsvolle Intensität zwischen Klarheit und Verschattung. Die grossen vokalen Parforceleistungen fehlen dann jedoch, die schnell hingetupften Kaskaden, Oktavsprünge. «Vulnicura», Björks neustes, achtes Soloalbum hält sich in einem begrenzten Spektrum, einer gleichmässigen Tonalität, musikalisch wie atmosphärisch: Trauer und Anklage und Verzweiflung.

Freigiebig hat sie erzählt, wie die Trennung vom langjährigen Partner und Vater ihres Kinds, dem Videokünstler Matthew Barney, sie existenziell getroffen hat. Sechs Stücke sind als Chronologie dieser traumatischen Trennung komponiert. Man sollte nicht zu genau auf den Text achten, auf diese Beschwörung der heiligen Mission der Familie, die verraten worden sei, oder anderes Hochgeschraubtes. Das spielt auch nicht so eine Rolle, weil Björk «love» ähnlich intoniert wie «apocalyptic obsessions». Das tönt zuweilen klaustrophobisch, als ob sie sich und ihre Stimme nicht mehr zu befreien wüsste aus den Engpässen der Gefühle und den massiven Klangtürmen um sie herum.

Zusammengearbeitet hat sie fürs Album mit Arca, dem Techno-Wunderkind. «History of Touches» führt uns in den Echoraum der Erinnerungen. Ins schwermütige «Black Lakes» fallen plötzlich harte Rhythmen ein, und daraus entsteht eine neue dramaturgische Kraft. In den Stücken ausserhalb des Verletzungs- und Verlustzyklus wird die Musik vielfältiger. «Atomic Dance» gerät gar wie im Titel versprochen zum Tanz, bei «Mouth Mantra» und «Quicksand» zwitschert und wabert es elektronisch um die vokalen Steinquader. Das sich anbietende Wort «hypnotisch» zeigt Stärken und Schwächen des Albums: Der Sog wird zuweilen zur Monotonie.

Sind für die musikalische Inszenierung von Lebensdramen noch immer die Frauen zuständig? Deren Hohepriesterin war einst Kate Bush. Als sie im März 2014 nach 35 Jahren erstmals wieder eine Tournee ankündigte, waren die 22 Konzerte für den Herbst innerhalb von fünfzehn Minuten ausverkauft. Die Auftritte selbst waren ein rauschender Erfolg, weil die mittlerweile 55-Jährige Person und Rollen produktiv verbinden kann: Kunst mag wichtiger sein als das Leben, aber sie ist nicht das Leben.

Notwendige Ablenkung

Anderen Erwartungen sieht sich Ani DiFranco ausgesetzt. 1990 ist sie mit wildem Punkfolkrock ins Rampenlicht gerückt, «Not a Pretty Girl», und seither hat sie rund 25 Alben veröffentlicht auf dem eigenen Label in ihrer Heimatstadt Buffalo, USA. Mittlerweile liegen um die 200 Songs vor, darunter Meilensteine politischen Rocks wie «Self Evident» über die Terroranschläge auf die Twin Towers, «Millennium Theater» gegen die neoliberalen Verheerungen oder «Paradigm» über das politische Engagement von MigrantInnen.

Doch das ist nur die eine Seite. Auf einem früheren Livealbum erzählt DiFranco, wie sie, nachdem sie ein Liebeslied geschrieben habe, gefragt worden sei, ob das ihren politischen Ausverkauf einläute, und sie geantwortet habe: «Not really, but I just got kind of distracted», die Liebe als schöne und lebensnotwendige Ablenkung. Diese Parallelführung hat ihre Produktion zunehmend geprägt. 2012 nahm sie im Album «Which Side Are You On?» den alten Pete-Seeger-Protestsong hervor und aktualisierte ihn. «Allergic to Water» von 2014 ist intimer und atmosphärisch persönlicher. Geblieben ist die biegsame Stimme, das charakteristische Gitarrenspiel mit Riffs, von denen einzelne Töne scharf absplittern.

Dazwischen lag eine Krise ihres öffentlichen Images. Im Herbst 2013 bot sie einen Songwriter-Workshop in einem Kulturzentrum an, das auf dem Gebiet einer ehemaligen Sklavenplantage lag. Shitstorm und Boykottdrohungen ihrer Klientel folgten unweigerlich.

«Allergic to Water» umspielt solche Kontroversen in ein, zwei Stücken in Rollenprosa, etwa in «Happy All the Time» – dass man um die Umstände wissen muss, denen man Glück verdankt, und doch glücklich sein kann. Die Lieder sind sparsam, aber präzis instrumentalisiert. Das Album fliesst dahin, mit Ausreissern nach oben («Woe Be Gone») und nach unten (das süssliche und banale «Harder than It Needs to Be»), und schafft eine Atmosphäre ernsthafter Leichtigkeit.

Hingehaucht

Verglichen mit Björks grandiosem Pathos und DiFrancos robustem Selbstbewusstsein kommt Natalie Prass geradezu zerbrechlich daher. Ihr erstes Album läuft unter Soul, mit ein bisschen Jazz und Country, wohl weil sie in Nashville lebt. Es sind bittersüsse Lieder, mit einer Brassband, sogar mit klassischem Big-Band-Sound aufgepeppt und synkopisch durchbrochen. Das ist zumeist etwas zu eigenwillig, um im Mainstream zu landen. Zwar sind ein, zwei Songs überzuckert. Ansonsten aber wird, was da an Liebesbeziehungen hingehaucht wird, zugleich unterlaufen. Die Männer erscheinen als «bird of prey», als Raubvögel, und auf dem Höhepunkt des Albums, «Violently», wird die Liebe emotional gewalttätig. Wie sie sein kann, siehe Björk.

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