Nr. 11/2014 vom 13.03.2014

Eine Kirche mit warmen Decken in den Ecken

Von Bettina Dyttrich

Nicht nur nüchterne Forderungen, sondern auch emotionale Bilder: Darin war die katholische Kirche schon immer gut. Die Demonstration «Für eine glaubwürdige und befreiende katholische Kirche Schweiz» hat gezeigt, dass sich diese Stärke auch für den Widerstand nutzen lässt.

2000 bis 3000 Menschen zogen am Sonntag vom Bahnhof St. Gallen auf den Klosterplatz, zum Sitz von Bischof Markus Büchel, dem Präsidenten der Bischofskonferenz. Sie forderten, dass dem erzreaktionären Churer Bischof Vitus Huonder ein Administrator vorgesetzt wird. Huonder hatte Homosexuelle, un- oder wiederverheiratete Paare dazu aufgefordert, mit verschränkten Armen zur Kommunion anzutreten. Sie sollten statt der Hostie nur einen Segen erhalten.

Nach der Begrüssung riefen Kuhhörner zum Aufbruch – Dämonenaustreibung? Die Trompeten von Jericho? Auf dem Klosterplatz wartete ein Schauspieler, der die Qual der kritischen Kirchenleute im Bistum Chur pantomimisch darstellte. Anonyme Statements wurden eingespielt: Soll ich der alten Frau, die von ihrem ersten Mann verlassen wurde und später ihre grosse Liebe fand, die Kommunion verweigern müssen? Werde ich als Schwuler aus der Kirche ausgestossen?

Es folgte eine betont moderate Ansprache des Luzerner Altregierungsrats Anton Schwingruber (CVP), dann wieder Klartext: eine befreiungstheologische Rede der Luzerner Theologin Jacqueline Keune. Sie erwähnte Jesus, «der auf der kleinen Anhöhe in Hindelbank wohnt und im dünnen Schlafsack auf Lampedusa». Sie wünschte sich eine Kirche, deren Gläubige «sich nicht länger disziplinieren lassen, weil sie in ihren Beziehungen gescheitert sind oder weil sie lieben, wen sie lieben», eine Kirche, «in deren Ecken ein paar warme Decken liegen», Bischöfe, «die wissen, wie es ihrer Putzfrau geht».

Dann die Übergabe der Forderungen an Bischof Markus Büchel, seine übervorsichtige Antwort, eine gewisse Ernüchterung. Gibt es überhaupt noch genug kritische KatholikInnen, um diese Auseinandersetzung zu führen? Gegen Bischof Wolfgang Haas gingen vor zwanzig Jahren viel mehr Menschen auf die Strasse. Trotzdem: Für Momente wurde eine andere katholische Kirche denkbar. In den Worten von Jacqueline Keune: «Kommt! Es reicht! Es reicht für alle!»

Siehe auch Artikel «Zukunftsmarsch gegen Vergangenheit» in der WOZ Nr. 10/2014.

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