Nr. 33/2015 vom 13.08.2015

«Jesus machte keinen Unterschied»

Der Churer Bischof Vitus Huonder hetzt gegen Homosexuelle – kürzlich zitierte er Bibelstellen, nach denen sie mit dem Tod bestraft werden sollen. Die katholische Luzerner Theologin Jacqueline Keune von der Huonder-kritischen Allianz «Es reicht!» nimmt Stellung.

Von Bettina Dyttrich

«Die katholische Kirche ist meine Heimat – auch wenn sie manchmal zum Davonlaufen ist», sagt die freischaffende Theologin Jacqueline ­Keune (54). Foto: Georg Anderhub

WOZ: Jacqueline Keune, haben Sie Vitus Huonder schon einmal persönlich gesehen?
Jacqueline Keune: Ja. Aber mit ihm gesprochen habe ich nicht.

Was treibt ihn an? Warum hat er diesen Furor?
Ich erlebe Huonder aus der Distanz als missionarischen Menschen. Er hängt einem Kirchenbild an, das ich als schlicht weltfremd empfinde. Einer feudalistischen Kirche, die sich in aufwendiger Äusserlichkeit ausdrückt. Er ist ein Vertreter der reinen katholischen Lehre und weicht kein Jota vom Katechismus und vom Kirchenrecht ab. Aber wir können nicht so tun, als hätten wir noch die gleiche Welt wie vor hundert Jahren. Die Gesellschaft hat sich komplett verändert, andere Fragen bewegen die Menschen. Darauf muss auch die Kirche reagieren.

Aber die katholische Kirche war ja nie eine progressive Organisation. Warum sollte sie mit der Zeit gehen?
Wenn sie eine Kirche ohne Menschen sein will, kann sie darauf verzichten. Aber wenn die Menschen und ihr Alltag die Kirche interessieren, dann muss sie mit der Zeit gehen. Es kann einfach nicht sein, dass wir als Kirche, die sich auf Jesus von Nazareth beruft, ganze Menschengruppen diskriminieren und ausschliessen. Es ist das Recht jedes Bischofs, aus der Bibel zu zitieren, auch öffentlich. Aber Huonder suggeriert, mit diesen zwei Zitaten aus dem Alten Testament seien der Wille und die Weisung Gottes zum Thema Homosexualität erfasst. Kein vernünftiger Theologe, keine vernünftige Theologin würde sagen, Bibelworte seien Anweisungen Gottes. Wir müssen die Bibel zwingend aus dem Kontext verstehen, in dem sie entstanden ist. Und ich wüsste nicht, wie ich mit Rückgriff auf den Gott der Bibel begründen sollte, dass Schwule weniger wert, weniger würdig seien als Heteros. Gerade Jesus von Nazareth war zutiefst jemand, der keinerlei Unterschied machte zwischen den Menschen in ihrer Würde.

Der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, Markus Büchel, hat sich von Huonders Äusserungen distanziert.
Ich bin froh, dass wenigstens er sich verlauten liess – wenn auch spät. Aber ich hätte es der Situation angemessen gefunden, wenn sich die Bischofskonferenz zu Wort gemeldet hätte. Huonders Äusserungen haben Hunderte, Tausende Menschen tief verletzt.

Welche Veränderungen braucht es?
Ein funktionelles, einfaches Verwaltungszentrum statt der Kurie, des Verwaltungsapparats in Rom … Eine grundlegende Reform der Kurie erachte ich als vordringlich. Ich hoffe, dass Papst Franziskus diesen Prozess energisch vorantreibt. Zum Thema Gleichberechtigung der Frauen: Ich werde nie verstehen, wie das Geschlecht eines Menschen, das niemandes Verdienst und niemandes Versagen ist, über Zugehörigkeit oder Ausschluss entscheiden kann, zum Beispiel vom Priesteramt. Und es braucht ein ganz neues Denken, Reden und Handeln in Sachen Partnerschaft und Sexualität. Zentral wichtig finde ich auch eine komplette Revision der Grundlagen, des Katechismus und des Kirchenrechts. Wir können lange darüber reden, dass man mit Homosexualität anders umgehen sollte – solange in den Grundlagenpapieren das steht, was Huonder vertritt, bleibt das ein frommer Wunsch.

Hoffen Sie auf Papst Franziskus?
Solche Reformen sind natürlich Projekte von Jahren oder gar Jahrzehnten. Und in moraltheologischen Fragen oder zur Stellung der Frau in der Kirche habe ich von Franziskus bisher kaum Neues gehört. Trotzdem – er hat alle Erwartungen, die ich an einen Papst hatte, bei weitem übertroffen. Er stellt radikal die Armen der Welt in den Mittelpunkt seines Pontifikats. Und er setzt solidarische, ermutigende Zeichen: Feiert seinen Geburtstag mit Obdachlosen, verteilt Schlafsäcke, richtet Duschen ein für Obdachlose, sitzt auch mal in der Kantine … Für einen Papst ist das schon fast revolutionär. Und er spricht eine Sprache, die ich in dieser Klarheit in der Kirche noch nie gehört habe. Aber ich mache mir keine Illusionen: Je nachdem, wer sein Nachfolger wird, kann schnell wieder viel zerstört werden.

Sie haben im März 2014 die Demonstration «Es reicht!» in St. Gallen mitorganisiert, aus Protest gegen Äusserungen Huonders, Homosexuelle und andere «Sünder» hätten die Kommunion nicht verdient. Wäre jetzt nicht der Moment für eine weitere Demo?
Demos können ganz wichtig sein, um ein Zeichen des Widerstands zu setzen und sich gegenseitig zu bestärken. Aber wenn man zu oft demonstriert, verliert das seine Kraft. Mir scheint es zurzeit wichtiger, kontinuierlicher auf Veränderungen hinzuarbeiten. Die Allianz «Es reicht!» ist auf verschiedenen Ebenen aktiv und wird weiterhin Stellung beziehen. Wir haben auch mit der Bischofskonferenz Gespräche geführt. Hinter dieser Allianz stehen Zehntausende von Katholikinnen und Katholiken.

Warum bleiben Sie katholisch?
Für mich gibt es keine Alternative zur katholischen Kirche. Ich kann nicht allein Christin sein, ich brauche die anderen. Für mich ist Glaube nicht zuerst die ethische Gesinnung Einzelner, sondern die erfahrbare Lebenspraxis einer Gemeinschaft. Die Kirche als Auffangnetz für Gestrandete, als Tischgemeinschaft mit Fremden, mit Bedrängten: Das ist mir ganz wichtig.

Mich verletzt es auch, wenn irgendwo in der Schweiz wieder ein ganzes Dorf in einer seltsamen Geschlossenheit mobilmacht gegen ein Asylheim. Aber das ist für mich noch lange kein Grund auszuwandern. Genauso geht es mir mit der katholischen Kirche: Sie ist meine Heimat – auch wenn sie manchmal zum Davonlaufen ist.

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