Nr. 11/2015 vom 12.03.2015

Schweizer Dienste für alte Kulturen

Von Markus Spörndli

Derzeit ist viel zu lesen über die «kulturellen Säuberungen» des Islamischen Staats (IS): die Plünderungen und Zerstörungen im archäologischen Museum von Mosul sowie in den antiken Städten Nimrud, Hatra und Chorsabad im Norden des Irak. Trotzdem wird hier die eigentliche Tragweite dieser Taten verkannt. Vielleicht ist das eine Folge der Geringschätzung, die «fremden Kulturen» im Besonderen sowie der Kunst und Kultur im Allgemeinen entgegengebracht wird.

Besonders die Schweiz hat den Handel mit gestohlenen Kulturgütern lange höchstens als Kavaliersdelikt behandelt und war so zu einer Drehscheibe des Raubkunsthandels geworden. Heute hat sie zwar eine vorbildliche Gesetzgebung, nimmt aber bisher ihre Verantwortung als weltweit sechstgrösste Kunsthandelsnation nicht wahr. Dabei hätte die Schweiz gerade jetzt wieder einmal die Chance, sich aussenpolitisch mit «guten Diensten» zu profilieren.

Entgegen wohlmeinenden Analysen geht es dem IS nicht um einen religiös begründeten Bildersturm. Anders als beim christlichen Ikonoklasmus zu Zeiten des Bilderstreits und der Reformation, anders auch als bei den islamisch motivierten Zerstörungen des Mausoleums in Timbuktu oder der riesigen Buddhastatuen im Zentrum Afghanistans verfolgt der IS eine breitere Doppelstrategie: zum einen eine umfassende kulturelle Auslöschung, die weit über das Religiöse hinausgeht. Dass in Mesopotamien vieles entstand, was die Menschheit in die Moderne führte, interessiert nicht nur ArchäologInnen – es gehört auch zum Selbstverständnis und kulturellen Erbe der heutigen IrakerInnen.

Zum andern treibt der IS – theologisch schlecht begründbar – mit den mobilen Artefakten einen lukrativen Handel. Dieser ist für die Terrororganisation überlebenswichtig geworden, da ihre Einnahmen aus dem Ölhandel, ihrem anderen wirtschaftlichen Standbein, stark zurückgegangen sind.

Diesen illegalen Handel hat nicht der IS erfunden, es ist ein traditioneller Milliardenmarkt, in dem die Schweiz wegen fehlender Regulierung jahrzehntelang eine führende Rolle spielte. 2005 trat endlich eine im internationalen Vergleich fortschrittliche Gesetzgebung in Kraft. Der «Vater» dieses Kulturgütertransfergesetzes, der damalige Leiter der Rechtsabteilung im Bundesamt für Kultur, Andrea Raschèr, ist noch heute stolz darauf. «Das Gesetz ermöglicht es dem Bundesrat, rasch Importverbote für Kulturgüter aus Krisenländern einzuführen, die selbst die Ausfuhr von Kulturgütern nicht mehr kontrollieren können», sagt der heutige Berater für Kultur- und Kunstrecht gegenüber der WOZ. «Allerdings ist der entsprechende Artikel bisher noch nie angewandt worden.»

Immerhin hat die Schweiz im Zuge des zweiten Golfkriegs von 1990 ein Importverbot von Kulturgütern aus dem Irak erlassen. Doch solche Güter können leicht über die porösen Grenzen nach Syrien, in den Libanon und in die Türkei geschafft werden und von dort über das Genfer Zollfreilager auf die europäischen Kunstmärkte gelangen. Erst im Dezember hat die Schweiz auch ein Embargo gegenüber Syrien erlassen. Warum so spät und so selektiv, ist kaum begründbar. Klar ist nur, dass die KunsthändlerInnenlobby keinen Aufwand scheut, um Regulierungen und Kontrollen zu verhindern.

Trotz Jahrhundertkatastrophe in Syrien und im Irak hat die Schweiz schon im humanitären Bereich kaum Verantwortung übernommen. Daran ändert auch die kürzlich geäusserte Bereitschaft, 3000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen, wenig – bisher wurde nicht einmal das bisherige Kleinstkontingent von 500 Flüchtlingen ausgeschöpft.

Nun ist die Regierung dabei, ihre letzte Chance im kulturellen Bereich zu verspielen. Nur mit Taten – insbesondere einer umfassenderen Kontrolle der Zollfreilager und verstärkter internationaler Zusammenarbeit – kann die Schweiz beweisen, dass sie wirklich keine Drehscheibe für gestohlene Kulturgüter mehr sein will. Durch die Umsetzung des frisch revidierten Kulturgüterschutzgesetzes könnte sie gar eine führende Rolle als «sicherer Hafen» für bedrohte Kulturgüter spielen.

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