Medientagebuch : Mit schusssicheren Westen

Nr. 12 -

Helen Brügger über die Sicherheit von JournalistInnen

Im Jahr 2006 waren es 96, ein Jahr später 115. 2009 waren es 122; 2012 dann 141; dieses Jahr bisher 33: Die Zahl der getöteten JournalistInnen nimmt fast Jahr für Jahr zu. Die in Genf ansässige Organisation Press Emblem Campaign (PEC), die eine internationale Konvention zum Schutz von Medienschaffenden fordert, macht eine makabre Rechnung auf: Im Durchschnitt sind von 2010 bis 2014 pro Woche 2,4 Medienschaffende getötet worden.

Wenn JournalistInnen zu Freiwild werden, hat das Gründe. Diese sind in der Zunahme bewaffneter Konflikte zu suchen, im Zerfall rechtsstaatlicher Strukturen infolge der Wirtschafts- und Finanzkrise, in der Ausbreitung von politischen, religiösen, mafiösen Terrorbanden.

Nach der US-amerikanischen Intervention im Irak und der sprunghaften Zunahme von Opfern unter den in der US Army «eingebetteten» Medienschaffenden lancierte die PEC 2004 eine Kampagne zur Einführung eines international anerkannten Presseabzeichens, vergleichbar mit dem Abzeichen des Roten Kreuzes für humanitäre Helfer. Seither hat sich die Lage verändert. Selten seien JournalistInnen «mit einem derart barbarischen Sinn für Propaganda» ermordet worden wie heute, beklagt die Organisation Reporter ohne Grenzen in ihrem Jahresbericht 2014 und weist damit auf die neue Bedrohungssituation hin. Die PEC stellt auch nicht mehr das Abzeichen, an dessen Wirksamkeit viele zweifeln, ins Zentrum ihrer Kampagne. Vielmehr geht es ihr um eine internationale Konvention, die garantiert, dass die Täter durch eigens dafür eingesetzte, international agierende Justizbehörden verfolgt werden können.

Die engagierten JuristInnen der Genfer Organisation Trial (Track Impunity Always) haben es in wenigen Jahren mit spektakulären Kampagnenerfolgen – wie etwa der Verurteilung des ehemaligen guatemaltekischen Polizeichefs Erwin Sperisen in Genf – geschafft, dass jene, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, weniger gut schlafen können. Die Arbeit der PEC hingegen wird von den meisten Medienschaffenden ignoriert – ein Paradox, weiss doch niemand besser als die JournalistInnen, wie ein Thema auf die Agenda gesetzt und zur Staatsaffäre gemacht werden könnte. Statt einen Kranz aufs Grab ihrer getöteten MitarbeiterInnen zu legen, könnten Medienunternehmen die PEC-Kampagne unterstützen. Und sie könnten für jeden ermordeten Mitarbeiter ein ganzes Rechercheteam losschicken, um die Tat aufzuklären.

Solange die Unternehmen das nicht tun, müssen wir annehmen, dass sie sich mit der Situation arrangieren. Von der US-Nachrichtenagentur CNN etwa weiss man, dass sie bewaffnete Bodyguards anstellt, was nicht ganz gratis ist und ihr einen erheblichen «Konkurrenzvorteil» verschafft. In gefährliche Länder wie Syrien und Irak schicken viele Medienunternehmen unterdessen freie statt fest angestellte JournalistInnen, oder sie vergeben die Aufträge an lokal ansässige ReporterInnen.

Unter dem Eindruck der jüngsten Geiselnahmen und Hinrichtungen durch den IS erinnerten sich Medienunternehmen wie AFP, AP, Bloomberg, Reuters und die BBC an ihre «moralische Verantwortung». Sie versprachen in einer am 12. Februar unterzeichneten «Selbstverpflichtung», künftig freie Mitarbeitende und lokale KorrespondentInnen für Einsätze in Krisengebieten zu schulen und sie mit Helmen und schusssicheren Westen auszustatten. Freie sollen sogar eine Krankenversicherung erhalten.

Helen Brügger schreibt regelmässig für die WOZ über Medien- und Schweizer Themen.