Medientagebuch: Freund oder Feind?

Nr. 22 –

Alfred Hackensberger über das Ende des Kriegsjournalismus

Erst gestern wieder mit einer Pressekollegin aus Belgien gesprochen und gefragt: «Wohin könnte man denn fahren?» Dabei ging es nicht um den Urlaubstrip im kommenden Sommer, sondern um das Ziel der nächsten Reportagereise. Aber wieso dann eine derart beliebige Fragestellung? Sollte ein Journalist nicht genau wissen, wohin er zu reisen hat – jedenfalls, wenn man ihm Interesse und Pflichtbewusstsein unterstellt? Leider ist es heute nicht mehr so einfach, ein Ziel zu bestimmen und dann dorthin zu reisen. Zumindest nicht für westliche KorrespondentInnen, die auf Nordafrika und den Nahen Osten spezialisiert sind.

Die Krisengebiete in dieser Region sind zunehmend lebensgefährlich. Und zunehmend diktieren «Sicherheitsgarantien» den Ort des Einsatzes. Doch Sicherheit ist meist nur eingeschränkt oder gar nicht zu haben. Nur mit dem Pass bewaffnet kann man nicht mehr nach Syrien, Libyen, in den Irak oder den Jemen reisen – ausser man riskiert, entführt oder getötet zu werden. Es sind auch nicht mehr die üblichen Gefahren, vor denen man besonders auf der Hut sein muss. Die Konfliktparteien selber sind zur grössten Gefahr für den Berichterstatter geworden. Wer erinnert sich nicht an die Videos der Hinrichtungen der US-Journalisten James Foley und Steve Sotloff durch die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS). Eine Reihe anderer Kollegen wurde ebenfalls entführt, kam aber durch Lösegeldzahlungen ihrer Regierungen frei.

Islamistische Extremisten machen systematisch Jagd auf Journalisten, und zwar in all den genannten Ländern. Der Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters musste letzten Monat aus der irakischen Hauptstadt Bagdad flüchten, weil ihn schiitische Milizen bedrohten. Ihnen hatte seine Darstellung ihrer Massaker nicht gefallen. In Libyen wurden drei TV-Journalisten gekidnappt und dann getötet. Im Jemen ist es die al-Kaida der Arabischen Halbinsel (Aqap), die sich ganz gezielt JournalistInnen als Opfer aussucht.

Die Region, in der ich arbeite, ist nirgendwo mehr sicher. «Mit wem kann man gehen, wer beschützt einen, wer hat die Kontrolle über das Gebiet, wie viele Checkpoints gibts auf dem Weg?» Zum Schluss immer die gleiche Frage: «Ist es die Geschichte wert, so ein Risiko auf sich zu nehmen?» Früher war das noch anders. Auch wenn sie bei Al-Kaida-Gruppen wie der Nusra-Front in Syrien ungern gesehen waren, hatten JournalistInnen doch einen halbwegs neutralen Status. Dem Fotografen konnte die Kamera weggenommen und der Reporter konnte bedroht werden, aber sie kamen mit dem Leben davon.

Seit zwei Jahren ist damit Schluss. JournalistInnen werden als KombattantInnen betrachtet, die wie alle GegnerInnen verschleppt, gefoltert und ermordet werden dürfen. «Sie sind Agenten der USA und schreiben nicht die Wahrheit», so lautet gewöhnlich die Rechtfertigung von Milizen, die gegen PressevertreterInnen gewaltsam vorgehen. Im Vietnamkrieg oder im Jugoslawienkonflikt konnte man Artikel und Fernsehsendungen noch nicht auf einem Handy ansehen. Heute genügt ein Namenscheck auf Google, und schon ist klar, wen man vor sich hat: Freund oder Feind? Der neutrale Nimbus hat ausgedient. JournalistInnen werden als normale ArbeitnehmerInnen betrachtet, die einen Herrn haben, dem sie gehorchen. Und die Kriegsparteien produzieren längst ihre eigenen, multimedialen Nachrichten. Die westlichen Werte von Unabhängigkeit und Objektivität der Presse mögen schön klingen. Aber den Kriegsherren bringen sie keinerlei Nutzen.

Alfred Hackensberger schreibt für die WOZ aus Nordafrika und dem Nahen Osten.