Nr. 13/2015 vom 26.03.2015

Befehlen, abkanzeln, schulmeistern

Die deutschen Medien haben sich in der Eurokrise einen Tunnelblick zugelegt. Wie kann es sein, dass derart einseitig über «die Griechen» geschrieben wird?

Von Robert Misik

«Der Geisterfahrer» titelte der «Spiegel» unmittelbar nach der Wahl von Alexis Tsipras, und in den «Tagesthemen» der öffentlich-rechtlichen ARD wird EU-Parlamentspräsident Martin Schulz von einer Moderatorin salopp gefragt, ob er dem Griechenpremier auch ordentlich «auf die Finger geklopft» habe. Die «Bild»-Zeitung bittet ihre LeserInnen, Selfies gegen die «gierigen Griechen» ins Internet hochzuladen, und auch die normalerweise seriöse «Süddeutsche Zeitung» fährt seit Wochen eine Kampagne mit einem Stakkato an antigriechischen Kommentaren, die oft nicht einmal mehr tangential etwas mit der Realität zu tun haben – so wird das Ergebnis einer demokratischen Wahl ungeniert als «Machtübernahme links-rechter Radikalpopulisten» bezeichnet.

Dass in öffentlich-rechtlichen Talkshows Videos manipulativ zusammengeschnitten werden und die Diskreditierungsabsicht nicht einmal mehr verborgen wird, ist dann nur noch die letzte Zugabe.

Der abstossende Kampagnenjournalismus der nahezu gesamten deutschen Publizistik ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich eine ganze nationale Öffentlichkeit in einen Tunnelblick hineinschreibt. Bis sich der nüchterne Leser fragt: Wie kann das denn sein? Das Ausmass an flächendeckender Einseitigkeit ist nicht mehr zu fassen. Kein Wunder, dass die Beobachterin, die nur oberflächlich mit dem Funktionieren von Medien vertraut ist, da sogar an eine gesteuerte «Lügenpresse» zu glauben beginnt oder den Verdacht hegt, JournalistInnen würden einfach gekauft.

Der Herde nach

Aber so funktioniert das natürlich nicht. Im Grunde genommen ist es ja in vielen anderen Fragen ähnlich, wenngleich nicht so krass: Es entwickelt sich in der medialen Berichterstattung eine hegemoniale Haltung, sodass klar ist, welche Meinung eher dominant, welche eher dissident ist. Das spiegelt sich in aller Regel schnell im politischen Feld wieder, weil PolitikerInnen und Parteien sich der Hegemonie oft unterwerfen – sei es, weil sie sich nicht isolieren, sei es, weil sie nicht anecken wollen. Auch JournalistInnen, sofern sie eine abweichende Meinung haben, entscheiden sich bisweilen dafür, besser nicht querzutreiben. Oder sie haben keine Meinung. Herdentrieb ist der grundlegende Mechanismus.

So kommt es, als weitere Beispiele, dass aus der Deregulierung eine «Modernisierung» wird, dass es sich beim Abbau von Arbeitsmarktregeln um «Reformen» handelt, die «fit machen» für den internationalen «Wettbewerb», dass «Strukturreformen» (welche auch immer) eine gute Sache sind, die Linken dagegen «rückwärtsgewandt». All das sind zu leerem Jargon gewordene Ideologiebruchstücke, die schon in der Vergangenheit zu schieren Einheitsmeinungen geworden sind. Allerdings gibt es eine Vorgehensweise, die es erheblich erleichtert, in nationalen Öffentlichkeiten eine Einheitssicht zu etablieren und im Umkehrschluss Gegenpositionen zu marginalisieren, und zwar, indem man sie in einen nationalistischen Deutungsrahmen einbaut.

Ökonomischer Rassismus

Im konkreten Fall lautet die Storyline ja nicht bloss «Austerität gut, Keynesianismus böse» oder «Neoliberalismus gut, Sozialismus böse», was eine Differenz entlang der politischen Links-rechts-Achse eröffnen und somit nie zur Auslöschung jeder Gegenposition führen würde, sondern sie ist nationalistisch codiert: fleissige Deutsche gegen faule Griechen; solide Deutsche gegen südlich-mediterranen Schlendrian; «sie» sind pleite und wollen «unser» Geld – und frech sind «sie» auch noch. Es ist eine Art «Neoliberal-Nationalismus», der langfristig diskursiv aufgebaut wurde. «Das Deutschland-Prinzip. Was uns stark macht», lautet beispielsweise ein Buch, das jüngst eine wirtschaftsliberale Lobbyorganisation auf den Markt brachte.

In den europäischen Gläubigerländern, Deutschland voran, hat sich in den vergangenen fünf Jahren ein «ökonomischer Rassismus» breitgemacht. Es wird nicht nur scheel auf die «unsoliden Schuldnerländer» herabgeblickt, sondern deren ökonomische Probleme werden mit angeblichen ethnisch-kulturellen Eigenschaften verbunden: Schlendrian, Faulheit, ein Hang zur Korruption.

Einher geht damit eine Rhetorik des Herrenreitertums und der Arroganz, man glaubt, das Recht zu haben, andere von oben herab belehren zu können. Europäische Regierungen, ja, ganze Gesellschaften werden wie infantile Pennäler geschulmeistert. Der Jargon der Zuspitzung wird immer haarsträubender. Da höhnt Finanzminister Wolfgang Schäuble, «die Griechen tun mir leid» (weil die Dummchen die falsche Regierung gewählt hätten), in jedem zweiten Satz wird drohend verlangt, irgendjemand habe «seine Hausaufgaben» zu machen und täte das «nicht ausreichend». Legendär der Ausruf von CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder, der in nationalbesoffenem Jubel postulierte, nun werde «in Europa Deutsch gesprochen». Selbst die sozialdemokratische SPD glaubt, sich dem rhetorischen nationalen Schulterschluss nicht entziehen zu können, und erweckt bisweilen den Eindruck, sich mit den Konservativen einen Überbietungswettbewerb zu liefern, wer die Griechen am schroffsten abkanzelt.

Deutschland führt zurzeit vor, wie gut Wirtschaftsliberalismus und Krawallnationalismus zusammenpassen.

Robert Misik (49) ist Journalist und Sachbuchautor in Wien. Er ist wöchentlich in der Videokolumne «FS Misik» zu sehen.

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