Die Expo in Mailand : Die Schweiz füttert mit

Nr.  16 –

Das Konzept einer Weltausstellung, einer Expo, wirkt heute wie aus der Zeit gefallen. Es kam eigentlich schon in den 1970er Jahren aus der Mode, als sich kaum ein Staat mehr solch gigantische Veranstaltungen leisten wollte – immerhin herrschte eine fast globale Wirtschaftskrise. Der ursprüngliche, während der europäischen Industrialisierung im vorletzten Jahrhundert entstandene Zweck hatte sich da sowieso schon überlebt: Für die Präsentation neuer industrieller Erzeugnisse und für den Austausch von Ideen gab es längst effizientere, dezentrale Kanäle.

Heute sind die Weltausstellungen wieder in Mode. Seit der Jahrtausendwende werden sie alle fünf Jahre wiederbelebt – zuletzt 2010 in Schanghai, nun vom 1. Mai bis zum 31. Oktober 2015 in Mailand (zwischendurch gibt es noch grosse, ebenfalls Expo genannte Spezialausstellungen). Italien steckt zwar gerade in einer Wirtschaftskrise, leistet sich aber die 2,7 Milliarden Euro teure Veranstaltung und einen eigenen Luxuspavillon, der 92 Millionen Euro kostet und vielleicht nicht einmal rechtzeitig fertig sein wird.

Die Schweiz wiederum hat sich für die Mailand-Expo gleich als allererster Staat beim Bureau International des Expositions (BIE) in Paris angemeldet, der internationalen Organisation, die seit 1928 die Hoheit über die Weltausstellungen ausübt. Nutzte die offizielle Schweiz die Expo 1992 in Sevilla noch zur diskussionsanregenden Selbstreflexion («La Suisse n’existe pas»), sieht sie heute deren Zweck im Standort- und Tourismusmarketing. Kostenpunkt: über 23 Millionen Franken.

In Mailand lautet das Ziel gemäss BIE, Innovationen in den Bereichen Welternährung und erneuerbare Energien zu teilen. «Feeding the planet. Energy for life», so der Slogan der Veranstaltung. Der Planet soll also ernährt werden.

Das Aussenministerium setzt den Slogan um, indem es seinen Auftritt vom Nahrungsmittelmulti Nestlé mit drei Millionen Franken sponsern lässt. Und der grüne Regierungspräsident Guy Morin von Basel-Stadt, der mit Zürich und Genf den urbanen Teil des Schweizer Pavillons bespielt, lässt sich vom heimischen Agrochemiekonzern Syngenta unter die Arme greifen. Klar, dass die Konzerne für ihr Geld auch eine entsprechende Werbefläche erhalten.

Beide Konzerne verkörpern das vorgestrige Konzept, dass einzelne grosse, zentrale Akteure «den Planeten ernähren» können – was wohl heissen soll: die vielen hungernden Menschen im Globalen Süden füttern. Warum trägt die Schweiz solch zentralistische Ansätze mit? Will sie sich wirklich über ihre Hauptsponsoren identifizieren lassen? Dabei lautet ihr offizielles aussen- und entwicklungspolitisches Credo doch eigentlich: Dezentralisierung und Selbstermächtigung. Denn noch immer sind weltweit rund siebzig Prozent der in Armut lebenden Menschen für ihr Überleben auf die Landwirtschaft angewiesen. Bäuerliche Kleinbetriebe generieren rund die Hälfte der weltweit benötigten Nahrungsmenge.

Im Weltsüden geht es meist darum, die Böden überhaupt fruchtbar zu machen. Chemische Düngemittel und Pestizide, die mehrheitlich aus Erdöl bestehen, laugen die Äcker jedoch langfristig aus. Und das ist das Hauptgeschäft von Syngenta, die in Entwicklungsländern immer noch das hochgiftige Paraquat vermarktet. Das bei uns längst verbotene Pestizid wurde 1955 entwickelt.

Dem Expo-Ziel, Innovationen zu teilen, würde das effiziente, dezentrale Gegenmodell einer ökologischen Landwirtschaft besser entsprechen. Richtig angewandt, erlaubt sie KleinbäuerInnengemeinschaften nachhaltige Produktionssteigerungen und die Befreiung von Abhängigkeiten. In der Schweiz gibt es mehrere renommierte Institutionen und Wissenschaftler in diesem zukunftsweisenden Bereich der Welternährung. Nach öffentlichem Druck dürfen nun ein paar von ihnen im August im Schweizer Pavillon ihre Innovationen vorstellen – wenn Syngenta abgezogen sein wird.

Nein, kontroverse Diskussionen passen nicht mehr ins schweizerische Expo-Konzept. Vielleicht ein Vorgeschmack auf die Expo 2020 in Dubai, wenn alles wohl noch gigantischer und zentralistischer wird. Gemäss Slogan soll dann übrigens «die Zukunft erschaffen» werden.