Nr. 12/2020 vom 19.03.2020

Wie würden Sie gegen Zwangsprostitution vorgehen?

Warum das Kaufverbot die Sexarbeiterinnen bestraft und das Stigma gegenüber Prostitution bekämpft werden sollte: Die Berliner Sexarbeiterin Salomé Balthus über den Zustand ihrer Branche.

Von Merièm StruplerMail an AutorIn (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Salomé Balthus: «Wenn man Sexarbeit hingegen verbietet, bleiben nur die kriminellen Bereiche übrig. Das zieht jene an, die kein Problem damit haben, eine Straftat zu begehen.»

WOZ: Frau Balthus, in Deutschland wird derzeit das sogenannte schwedische Modell diskutiert: Demnach soll es künftig verboten werden, Sex zu kaufen. Sie sind dezidiert dagegen …
Salomé Balthus: Nicht nur ich, sondern alle Sexarbeiterinnen, die ich kenne – auch jene, die ihren Job scheisse finden. Ich möchte mal jemanden sehen, der glaubt, den Ausgebeuteten wäre geholfen, indem verboten wird, sie zu bezahlen. Es ist intuitiv doch völlig klar: Egal wie schlecht bezahlt die Frauen oder wie unwürdig die Arbeitsbedingungen sind – nichts davon wird besser, wenn man den Kunden verbietet, für die Dienstleistung zu bezahlen.

Mit dem Verbot sollen aber nicht die Sexarbeiterinnen, sondern die Freier bestraft werden.
Aber der Prostituierten wird es verunmöglicht, ihre Dienstleistungen offen anzubieten, sie müsste stattdessen versteckt arbeiten. Der Vermieter ihrer privaten Wohnung würde künftig als Zuhälter gelten, weil sie dort ja Kunden empfangen könnte. Auch die Eltern, bei denen sie wieder einzieht, könnten wegen «Begünstigung von Prostitution» belangt werden – ebenso wie erwachsene Kinder, die sie finanziell unterstützt. Minderjährige Kinder dürften hingegen gar nicht mehr bei ihr leben. So ist es im schwedischen Modell verankert. Man will damit Prostitution aus der Gesellschaft entfernen – auf Kosten der Sexarbeiterinnen. Auch wenn immer behauptet wird, man würde uns retten wollen.

In den sozialen Medien protestieren Sexarbeiterinnen zurzeit unter dem Hashtag #RespectSexwork gegen das Verbot, auch Kundgebungen hat es schon gegeben. Wie nehmen Sie diese Bewegung wahr, von der Sie ja auch ein Teil sind?
Viele Sexarbeiterinnen sind durch die drohenden Gesetze in Windeseile politisiert worden. Ich glaube, die meisten Leute verstehen in ihrer Aufgeregtheit und ihrer Scham gar nicht, dass sie den Sexarbeiterinnen mit diesem Gesetz schaden. Statt die Kriminalität im Rotlichtmilieu zu bekämpfen, will man Prostitution lieber gleich ganz abschaffen. Und damit den Kriminellen das Monopol geben.

Was würden Sie denn gegen Zwangsprostitution unternehmen?
Ich würde die Beratungsstellen und den Berufsverband stärken. Dafür sorgen, dass Frauen, die durch Menschenhandel nach Deutschland gekommen sind, Bleiberecht bekommen und nicht abgeschoben werden, wenn ihnen oder ihrer Familie Gewalt droht – damit sie sich überhaupt trauen, ihren Zuhälter anzuzeigen. Ich würde dafür sorgen, dass es mehr Frauenhäuser gibt, mehr akute, konkrete Hilfe bei Gewalt und mehr Polizeiarbeit. Wenn man Sexarbeit hingegen verbietet, bleiben nur die kriminellen Bereiche übrig, die jetzt schon verboten sind – und in denen Verbote sowieso niemanden abschrecken. Sie ziehen eine andere Klientel an, nämlich jene, die kein Problem damit hat, eine Straftat zu begehen.

Sie unterscheiden zwischen Zwangsprostitution und freiwillig gewählter Sexarbeit. Aber Ausbeutung gibt es doch auch dort.
Überall, wo es Abhängigkeiten gibt, gibt es Ausbeutung. Wenn scheinbar seriöse Agenturen Frauen etwa nötigen, Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht tun wollen – so in der Art: «Wenn du das nicht machst, schicke ich dir keine Anfragen mehr.» Oder wenn über die Steuerabgaben gelogen und die Unwissenheit sehr junger Frauen ausgenutzt wird. Das ist ein Riesenproblem, deshalb ist die Vernetzung so wichtig! Ich kenne fast keine Agenturen, bei denen ich sagen würde, die sind wirklich fair. Deswegen habe ich meine eigene Website gegründet. Ich dachte mir, das geht doch auch anders! Und ich hoffe, das macht Schule.

Sie betreiben die Escortwebsite «Hetaera», auf der mehrere Frauen ihre Dienstleistungen anbieten. Was machen Sie konkret anders?
Ich nehme von meinen Kolleginnen für die Website keine Provision. Es ist mir wichtig, dass wir gute Kolleginnen und auf Augenhöhe sind, eine gute Arbeitsatmosphäre haben. Ich will nicht die Chefin sein, die daran Geld verdient, wenn andere Frauen mit jemandem schlafen. Alleine, dass es in meiner Branche Menschen gibt – die meisten wahrscheinlich –, die Geld am Sex anderer Leute verdienen, ist doch merkwürdig, oder?

Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Stigma gegenüber Sexarbeit zu bekämpfen.
Persönlich bin ich vom Stigma weniger betroffen als andere. Ich habe keinen zweiten Job, wo ich Angst davor haben muss, rauszufliegen. Und ich habe ein privates soziales Umfeld, das mich unterstützt. Ich könnte über das Stigma lachen – viele andere Frauen können das nicht. Sie werden von ihrer Familie oder ihrem Umfeld ausgegrenzt, müssen staatliche Repression befürchten. Da kann man nicht einfach sagen: Mir kann es egal sein, was andere Leute denken.

Wie sollte der Beruf wahrgenommen werden?
Ich möchte, dass man Prostitution als verantwortungsvolle und kreative Tätigkeit ansieht: als wertvollen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben. Als Arbeit, die nicht jeder machen soll und die auch nicht für jeden etwas ist – genauso wenig wie Therapeutin oder Kindergärtner. Als ein Job, der geachtet wird.

Die Berliner Philosophin und Autorin Salomé Balthus (34) arbeitet seit rund zehn Jahren als Escort. Balthus ist in der DDR als Tochter eines bekannten KünstlerInnenpaars geboren.

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