Wichtig zu wissen : Votey wälzt alles um

Nr. 16 -

Ruedi Widmer erwägt, ins Silicon Valley zu gehen

Die Welt wird grad umfassend verändert, liess mich kürzlich der «Spiegel» wissen. Und zwar von den USA aus; nicht von Washington, sondern vom Silicon Valley. Facebook, Google, Apple oder Twitter sind die wahren Herrscher der Welt, nicht die Regierungen, nicht mal die Wall Street oder die Illuminaten. Der Fahrdienst Uber hebt das weltweite Taxigeschäft aus den Angeln, Airbnb macht die Hotels der Welt obsolet, das Google-Auto bald den öffentlichen Verkehr. Wir erleben einen radikalen Umbau der uns bekannten Welt, und es ist erst der Anfang.

In Silikon, einer typischen Zürcher Gemeinde, erreicht die SVP am Wochenende 47 Prozent der Wahlstimmen, die SP 12 Prozent. Aber die Wahlbeteiligung liegt bei nur 33 Prozent. Die hochgelobte direkte Demokratie der Schweiz liegt auf dem Sterbebett, und je mehr sie stirbt, desto hochgelobter wird sie.

Die NichtwählerInnen sind ein riesiger brachliegender Markt, geradezu ein Fressen für die veränderungsfreudigen AlgorithmikerInnen aus dem Silicon Valley. Weltweit sehnen sich Millionen von Menschen nach Mitbestimmung; der Traum vieler ist, in ihren Ländern ein der Schweiz ähnliches System zu etablieren.

Die demokratischen Staaten bieten bei allen Wahlen im Jahr 2015 Millionen von Stimmen, die wie jene im zürcherischen Silikon ungenutzt verpuffen. Warum werden diese 67 Prozent ungenutzten Stimmen nicht Leuten angeboten, die wählen wollen? Eine App oder ein Portal könnte dies weltweit koordinieren. Brasilianerinnen könnten Grüne in der Schweiz wählen oder Japaner die FDP. Die Schweizer Politik betrifft letztlich in irgendeiner Form das Leben der Angolaner oder Kolumbianerinnen. Chinesische TouristInnen sind an einem Wohlergehen der Schweiz interessiert. Warum sollen sie nicht darüber befinden können?

Ich bin nicht Mathematiker, um diese Idee auf ihre Logik zu überprüfen, sie ist nur eine gefühlte Möglichkeit. Ich lebe schliesslich in Silikon und nicht im Silicon Valley. In Letzterem findet sich bestimmt ein gescheiter neunzehnjähriger Mensch, der daraus ein Geschäftsmodell formt, das mit Nichtstimmenhandel beginnt, innert weniger Jahre die ganze Politik umwälzt, bald Wahlen selber organisiert und den Gemeinden und Staaten die Kontrolle darüber entreisst. Nennen wir die Plattform mal «Votey».

Jeder kann sich für ein Amt aufstellen lassen, Parteien sterben innert Kürze aus. Das politische System wird komplett auf den Kopf gestellt. Natürlich spielt sich alles weiterhin tendenziell lokal ab, aber eben über Votey und nicht mehr über die Institutionen Gemeinde, Kanton oder Bund. Votey handelt illegal und kümmert sich nicht um geltende Gesetze, so wie Uber-Gründer Travis Kalanick. Kraft seiner Umwälzungsenergie ignoriert er sie einfach, und die Justiz vieler Länder schaut hilflos zu. Weil eigentlich alle wissen: Uber ist besser als das alte System, es wird gewinnen. Die Digitalisierung, wie sie das Silicon Valley spielerisch vorantreibt, führt zur Auflösung der Nationalstaaten. Votey könnte weltweit zur Umformung jedwelcher politischer Struktur führen.

Ich finde meine Idee nicht unbedingt gut, weil ich unsicher bin, ob sie zu einem besseren oder schlechteren politischen Leben führt. Aber es gibt Leute, die meine Idee gut fänden, weil ihnen egal ist, wohin sie führt. Weil für sie die Idee das Wichtigste ist, dem sich alles unterordnet. Egal ob Larry Page oder Christoph Blocher. Silicon Valley klingt nicht umsonst wie Silikon.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur. Facebook hat eben den Vertrag 
mit ihm um weitere vier Jahre verlängert. 
www.facebook.com/ruewid