Nr. 17/2015 vom 23.04.2015

Der erste Völkermord der Moderne

1915 und 1916 wurden bis zu 1,5 Millionen ArmenierInnen ermordet. Bereits seit hundert Jahren leugnet die Türkei, dass es diesen Genozid jemals gab.

Von Vicken Cheterian

In der Nacht auf den 25. April 1915 liessen in Istanbul türkische Behörden mit einer gross angelegten Polizeiaktion 260 armenische Funktionäre verhaften. In einer darauf folgenden Operation wurden über 600 Personen – darunter auch der Politiker Krikor Zohrab, der Dichter Daniel Waruschan und der Musiker Komitas Vardapet – festgenommen. Man deportierte die Gefangenen nach Anatolien, wo sie gefoltert und später hingerichtet wurden. Keiner der Verhafteten hatte ein Verbrechen begangen. Formelle Verurteilungen gab es keine.

Mit dieser Aktion begann die Vernichtung der ArmenierInnen im Osmanischen Reich, durchgeführt im Auftrag des Komitees für Einheit und Fortschritt (KEF), der jungtürkischen Partei, die nach der Revolution 1908 an die Macht gekommen war. Deren Mitglieder hatten sich zunächst mit den armenischen Parteien verbündet. Nachdem der Versuch, das Osmanische Reich zu modernisieren, gescheitert war, erhielten nationalistische Tendenzen innerhalb des KEF Auftrieb. Damals war auch beschlossen worden, die ChristInnen – Armenier, Assyrerinnen und Aramäer, damals zwanzig Prozent der Bevölkerung – auszulöschen. Der Erste Weltkrieg bot für diesen Plan den geeigneten Rahmen. Ein Geheimkommando aus den Rängen des KEF plante und orchestrierte damals eine entsprechende «Spezialoperation».

Zuerst wurden die Intellektuellen ermordet. Später nahm man den armenischen Rekruten die Waffen ab. Sie wurden in kleine Gruppen aufgeteilt und hingerichtet. Ganze Gemeinden blieben führungs- und verteidigungslos zurück.

«Todesmärsche» in die syrische Wüste

In den östlichen Provinzen des Osmanischen Reichs ermordeten die Sicherheitskräfte bis zu 75 Prozent der Bevölkerung. Etwa in Erzurum, Mus oder Diyarbakir, wo die EinwohnerInnen erst aus ihren Häusern vertrieben wurden, bevor man sie niedermetzelte. Die BewohnerInnen von Städten wie Kayseri in Zentralanatolien oder Adapazari bei Istanbul wurden hingegen deportiert. Begründet wurde dies mit «militärischer Notwendigkeit», obwohl die Orte weit entfernt von der Front des Ersten Weltkriegs lagen. Die Vertriebenen mussten Hunderte Kilometer durch die Hitze bis zu den Konzentrationslagern in der syrischen Wüste gehen. Unterwegs gab es Überfälle bewaffneter Banden, viele Vertriebene starben durch Hunger oder Erschöpfung. Diese «Todesmärsche» waren die Waffe des Völkermords. Innerhalb weniger Monate wurde so das gesamte armenische Hochland – über zwei Jahrtausende lang die Wiege armenischer Zivilisation – «gesäubert».

Islamzwang

1916, während der sogenannten zweiten Phase, metzelten die Milizen der «Spezialoperation» bis zu 500 000 Überlebende nieder. Frauen und Kinder wurden entführt, zur Arbeit gezwungen oder in Waisenhäuser gesteckt. Alle mussten zum Islam konvertieren, armenische Namen wurden in türkische umgewandelt. Erst zum Kriegsende hin, als die Türkei besiegt war, konnten manche gerettet werden.

Der Genozid an den ArmenierInnen, bei dem von damals 2,1 Millionen 1 bis 1,5 Millionen getötet wurden, ist der erste Völkermord der Moderne.

Das Leugnen sei die letzte Stufe des Völkermords, heisst es oft. So wissen wir, wann der Völkermord begann – nicht jedoch, wann er endete. Immer noch leugnet die Türkei, dass es dieses Verbrechen gegeben hat. Die Überlebenden durften nie in ihre Dörfer zurück, bekamen auch beschlagnahmtes Eigentum nie zurück. Tausende Kirchen und Klöster wurden zu Moscheen umgebaut oder zu Pferdeställen umfunktioniert. Die Türkei hält derweil seit der Unabhängigkeit Armeniens 1991 an einer Blockade fest, die der armenischen Wirtschaft zusätzlich zusetzt.

Der Historiker Vicken Cheterian ist regelmässiger WOZ-Autor. Sein neues Buch «Open Wounds. Armenians, Turks, and a Century of Genocide» ist soeben im Londoner Hurst-Verlag erschienen.

Aus dem Englischen von Anna Jikhareva.

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