Nr. 18/2015 vom 30.04.2015

Die Strategie zur Veränderung der Welt

Die Regierung stürzen oder Banker verhaften: Das wäre in der Sache nicht falsch, aber das System lässt sich damit nicht aushebeln. Wie also sähe eine utopische Politik der Gegenwart aus?

Von Raul Zelik

Die Illustrationen des Gestaltungsstudios Yokoland wurden dem Musikalbum «Anachronisma» von Center of the Universe entnommen. Es erschien – die Quellen widersprechen sich – im Jahre 2006 oder 2033.

Eigentlich wissen alle Bescheid: Mit seiner entfesselten Inwertsetzung sorgt der Kapitalismus zwar für nie da gewesene Warenfülle und Produktivität, aber eben auch für immer rasantere Zerstörung. Die ungleiche Entwicklung begünstigt den Ausbruch von Kriegen, eine vielfältige Natur wird zu toten Rohstoffen, unser Leben zu einer nutzenorientierten Abfolge von Konsum- und Arbeitshandlungen. Zudem ist der Kapitalismus auch in seinem Innersten reichlich irrational: Im gleichen Mass, wie der gesellschaftliche Reichtum zunimmt, wird dieser künstlich verknappt.

Dass dieses totalitäre und auch ziemlich idiotische System so wenig infrage gestellt wird, hat vor allem zwei Gründe. Zum einen ist da die Angst, dass es noch schlimmer werden könnte. Immerhin präsentiert sich das Leben in den Industriestaaten verglichen mit dem Dasein in den Randzonen des Weltkapitalismus weiterhin sehr erträglich. Zum anderen ist unklar, wie die wünschenswerte Alternative durchgesetzt werden könnte. Im Unterschied zum Staatssozialismus gibt es im Kapitalismus ja kein Zentralkomitee, dessen Sturz Veränderung nach sich zieht. Der Kapitalismus beruht auf Abstraktion: Zwar profitieren auch hier bestimmte Menschen, doch mehr noch wirken Märkte und Dispositive, Zwangsvorstellungen und das Gesetz der Akkumulation. Der Sturz einer Regierung oder die Verhaftung von BankerInnen und Grossindustriellen wären in der Sache nicht falsch, aber würden noch keinen Systemwechsel nach sich ziehen.

Wenn der Überfluss weniger wird

Politische Utopien im 21. Jahrhundert müssen also diese beiden Leerstellen schliessen: Sie müssen konkreter vorstellbar machen, wie jenseits von Kapitalverwertung und Konsum gelebt und produziert werden könnte. Doch dabei tut sich eine Vielzahl von Problemen auf: Wie will eine Gesellschaft entscheiden, was gebraucht und zur Verfügung gestellt wird, wenn solche Entscheidungen (anders als im Realsozialismus) nicht an eine kleine politische Elite delegiert werden sollen? Wollen wir wirklich alle ökonomischen Entscheidungen, die heute auf dem Markt durch Konkurrenz «ermittelt» werden, gemeinsam fällen (wie es das Modell einer Rätedemokratie nahelegt)? Oder geht es nur darum, Rahmenbedingungen festzusetzen (wie es die Ideen von Marktregulation und Marktsozialismus vorschlagen)? Und wie gehen demokratische Kollektive mit materiellen Grenzen um? Man kann ja nur den Reichtum verteilen, den man gemeinsam hergestellt hat. Was aber ist, wenn der Überfluss weniger wird – aus ökologischen Gründen oder weil freie Menschen weniger arbeiten? Das Gute am Kommunismus wäre, dass derartige Probleme überhaupt als politische erscheinen würden; die Krux allerdings wäre, dass sich damit die Zahl der zu fällenden Entscheidungen exponentiell vergrössern würde. Wer schon einmal eine Vollversammlung besucht hat, weiss, wie schön es ist, wenn einmal über weniger gesprochen wird.

Gleichzeitig, und das ist das andere Grundproblem politischer Utopie, dürfen wir diese Fragen gar nicht abschliessend beantworten. Ein emanzipatorischer Gegenentwurf ist schliesslich kein Modell, das der Gesellschaft überzustülpen wäre. Kommunismus, so das Bonmot von Marx, ist die wirkliche Bewegung, die aus bestehenden Voraussetzungen hervorgeht; die Inhalte werden von denen gestaltet, die aufbegehren. Was bei dem häufig zitierten Satz allerdings fast immer unter den Tisch fällt, ist seine politische Implikation. Ja, es gibt eine Vielzahl von Bewegungen, Arbeitsformen und praktischen Ansätzen, die über den Kapitalismus hinausweisen und einen konkret-utopischen Aspekt besitzen: Menschen widersetzen sich Tauschverhältnissen und organisieren sich solidarisch; in Common-Projekten wird jeden Tag die Effizienz dezentraler und gleichberechtigter Kooperation unter Beweis gestellt; viele Genossenschaften halten selbst unter Weltmarktbedingungen an erstaunlich hohen sozialen Standards fest. Der Witz ist nur: Aus diesen Einzelprojekten entwickelt sich noch kein Übergang. Der Kapitalismus liebt seine Nischen, weil sie Spannungen abfedern und Entwicklungsimpulse liefern. Was wir eigentlich brauchen, ist also eine Strategie, mit deren Hilfe sich die einzelnen Praktiken zu einer wirkmächtigen Bewegung verbinden könnten.

Wir tappen nicht im Dunkeln

Die Frage, wie eine derartige Strategie aussehen müsste, lässt sich in Umrissen durchaus beantworten: Es geht darum, Tauschverhältnisse und Inwertsetzung zurückzudrängen, durch Solidarität und radikaldemokratische Organisationsformen zu ersetzen und den verbindenden politischen Charakter dieser Einzelpraktiken sichtbar zu machen. Manche Linke haben schon vor einem Jahrhundert einen derartigen Ansatz verteidigt: Rosa Luxemburg sprach von «revolutionärer Realpolitik», Antonio Gramsci von Kämpfen um Hegemonie. Anders als der klassische Reformismus, der meinte, dass Veränderungen mit den Herrschenden gestaltet werden können, ist dieser Ansatz ohne radikale Brüche nicht denkbar. Gleichzeitig aber ist er transformatorischer und prozesshafter als die üblichen Revolutionsvorstellungen, bei denen Herrschaft einfach «abgeschafft» und neue Beziehungen «eingeführt» werden.

Meine These wäre also: Wir tappen gar nicht so im Dunkeln. Die Probleme sind bekannt, und auch was die Lösungsansätze angeht, gibt es einen vagen Konsens: mehr Solidarität, Demokratie, soziale Gleichheit, Schutz der Natur, internationale Kooperation, mehr politische Entscheidungen … Wirklich offen ist hingegen die Frage nach den konkreten Bruchstellen: Wie kann der Akkumulations- und Wachstumszwang nicht nur beschränkt, sondern ausser Kraft gesetzt werden? Wie kann eine demokratische Vergesellschaftung vorangetrieben werden, die nicht den Staat stärkt, sondern diesen durch neue politische Formen ersetzt? Die politische Utopie, die wir benötigen, muss jenseits des heute Vorstellbaren sein: gross angelegt und doch konkret.

Von Raul Zelik ist soeben «Vermessung der Utopie. Ein Gespräch über Mythen des Kapitalismus und die kommende Gesellschaft» (mit Elmar Altvater) bei Bertz + Fischer erweitert aufgelegt worden.

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