Nr. 18/2015 vom 30.04.2015

Ach, die gliederlösende, böse Liebe

Was macht Liebe? Ist sie Erlösungsersatz oder utopisch bewegende Kraft? Und was wäre eigentlich erfüllte Liebe?

Von Stefan Howald

Eins mit dem andern zu sein. So verspricht die Liebe die utopische Verschmelzung zu einer übers Ich hinausgehenden Einheit. Sie ist das Intimste und zugleich tief in die Gesellschaft eingelassen.

Den Eros, der die Glieder löst und Sinn und Denken überwältigt, bringt Hesiod als göttliche Schöpfungskraft in die frühgriechische Philosophie ein. Georg Büchner antwortet darauf in menschlich dramatischen Zeiten. «Ach, die gliederlösende, böse Liebe!», sagt Camille Desmoulins in «Dantons Tod» (1835) und fordert an einem Wendepunkt der Französischen Revolution gegen die politische Rigidität von Robespierre «nackte Götter, Bacchantinnen, olympische Spiele». Desmoulins propagiert damit nicht bloss privaten Hedonismus, sondern er will auch die neue Staatsform nach sinnlichen Kriterien gestalten, als «schmiegsames Gewand am Körper des Volks». Bei ihm ist die Liebe ein politisches Programm. Danton will sich dagegen bei seinen Grisetten verlieren, weil ihn der Weltekel und die Resignation überwältigen. Beider Verhalten gerät angesichts des Elends des Volks unter Verdacht. So kann sich Liebe dem Weltlauf nicht entziehen.

Die Liebe als Ersatzlösung

Wer über Liebe spricht, redet immer auch übers Private. Doch wo ist dieses Private angesiedelt? In der Antike ist es das Abgetrennte, Besondere des Haushalts, damit zugleich das des Öffentlichen Beraubte, jenseits von Politik und Staatsökonomie. Die Trennung vollzieht sich entlang der Geschlechtergrenzen und verfestigt diese.

Nach dem Gleichheitsversprechen der Französischen Revolution scheidet sich im bürgerlichen Zeitalter die Gesellschaft in neue Klassen, und in einer gespaltenen Gesellschaft wird das Private erneut abgespalten. Liebe und Sexualität scheiden sich als gesellschaftliche Denk- und Bewegungsformen voneinander, mit der Ehe als funktionalem Zweckbündnis dazwischen. Die Sexualität wird als Naturgewalt abgedrängt, moralisiert, kriminalisiert oder als Subversion hypostasiert. Dagegen wird die Liebe als Ideal und Sehnsucht gefeiert. Weil die Religion sich langsam erschöpft und die Politik noch nicht bereit ist, kann die idealisierte Liebe als Erlösungsersatz dienen. Beide Formen halten die Frauen in der Unterordnung und machen sie zum Objekt.

Die sexuelle Deregulierung

Die linkssozialistische Sexualpolitik der dreissiger Jahre und dann wieder die Achtundsechziger treten gegen die Trennung an und verfestigen sie zugleich. Die Kritik an der Idealisierung der Liebe verengt sich auf die Befreiung der Sexualität; was darin als befreiende Chance liegt, wird zunehmend von Werbung, Unterhaltung und Pornografie kommerzialisiert.

Mittlerweile sind die familiären Institutionen weiter zerbröckelt; parallel dazu schreitet die sexuelle Deregulierung voran. Obwohl die öffentlichen Bilder den realen wohl vorauseilen, prägen sie doch zunehmend das Verhalten. Das Intime erhält andere Grenzen, wird öffentlich verhandelt. Wobei etwa die «Fifty Shades of Grey» zeigen: Der zeitgenössische Libertinismus nährt wiederum die Sehnsucht danach, die deregulierte Sexualität durch ein Regelwerk gebändigt zu sehen.

Das Sprichwort, wonach man jemanden zum Fressen gern habe, ist in Heinrich von Kleists «Penthesilea» (1808) ins schockierende Bild vorangetrieben worden, wenn die Amazonenkönigin Penthesilea ihre Zähne in den geliebten, getöteten Achilles schlägt. Das Verschlingen, die Vereinigung, die Verschmelzung sind Lockung und Bedrohung; zugleich schreiben sie sich als Gewalt in die Geschlechterbeziehungen ein. Doch die Überwältigung als Ausnahmezustand wäre nur das abstrakte Andere des verschmähten Durchschnitts. Auch ist der Ausnahmezustand nicht haltbar; ihm steht der Wunsch nach Alltag und Dauer entgegen.

Zum Orgiastischen der Lust sucht die Liebe das Ozeanische der Verbundenheit. Das Aus-sich-Heraustreten ist das Zum-andern-Kommen. Aber auch diese Vereinigung ist nicht ständig und auf ewig gesichert. Der Mensch ist nicht allein; er sucht die Nähe und bleibt doch auch auf Distanz. Er ist ein soziales Wesen und braucht doch auch den eigenen Raum. Das Widerspiel von Lösen und Binden kann beides stärken.

Die Befriedigung als Notwendigkeit

Das Private ist jederzeit eingehegt und instrumentalisiert. Doch kommen wir als konkrete Menschen hier und jetzt nicht darum herum. Die Vertröstung der Liebe auf die utopische Gesellschaft ist unmenschlich. Als Individuen brauchen wir die Befriedigungen der Liebe so, wie sie heute möglich ist. Die Liebe zu der oder dem einen andern braucht die Liebe zu den vielen anderen. Sie bleibt ohne das andere unvollständig. Das verweist uns auf die Gesellschaft zurück. Liebe ist der eine Brennpunkt der Utopie, der andere ist das gesellschaftliche Leben. Die Liebe wird sowohl Ziel wie Mittel. Sie vereint uns mit andern Individuen und bringt uns zugleich in die Gesellschaft ein. In der erfüllten Liebe wäre zugleich die Utopie der gerechten Gemeinschaft erfüllt.

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