Nr. 19/2015 vom 07.05.2015

Der hastig-herzliche GenossInnenflüsterer

Am 1. Mai ist André Daguet gestorben. Der Gewerkschafter gründete die Schweizer Sektion von Amnesty International, galt mit Peter Bodenmann als Dreamteam der SP und prägte die Unia entscheidend mit.

Von Sina Bühler

Es war an einem bitterkalten Januartag. André Daguet sprang in letzter Sekunde in den Zug. Nach einer Weile schaute er uns genauer an: Wir trugen Faserpelze, Daunenjacken, dicke Winterstiefel, er war wie immer im schwarzen Hemd, darüber einen Tschopen. «Jetzt habe ich den Pullover vergessen», sagte er. Wir waren auf dem Weg an den kältesten Ort der Schweiz, zur Valascia, dem Heimstadion des Eishockeyklubs Ambrì-Piotta. André Daguet kaufte sich einen Fanschal und drapierte diesen um seinen Bauch. Problem erledigt.

Das war 2009, und André Daguet war Mitglied der Unia-Geschäftsleitung, sass für die SP im Nationalrat und war noch ziemlich gesund. Zwar hatte er schon einen Herzinfarkt und eine Bypassoperation hinter sich, doch er rauchte nicht mehr, nahm auch mal die Treppe, wanderte gar rund um Bern. Die meisten kannten den Mann mit dem buschigen grauen Schnauz und dem runden Bauch als SP-Generalsekretär, der in den neunziger Jahren mit dem SP-Präsidenten Peter Bodenmann eine linke SP wieder ins Gespräch und zum Erfolg gebracht hatte. Ruth Dreifuss wurde mit ihrer Hilfe Bundesrätin und die SP stärkste Fraktion im Nationalrat. Als Daguet mit 62 pensioniert wurde, würdigte ihn Bodenmann in der Zeitung «Work»: «Im Gegensatz zu mir kannte André Daguet die SP, deren Milieus, Befindlichkeiten und Stimmungen. Ein politischer Genossinnen- und Genossenflüsterer.»

«Er ging auf alle ein»

Vor seiner Zeit bei der SP war Daguet Gründungsmitglied und Geschäftsleiter von Amnesty International Schweiz gewesen. 1996 holte ihn Christiane Brunner zur Gewerkschaft Smuv – als Quereinsteiger. Daguet hatte Soziologie und Politologie studiert. Das missfiel einigen, die sich nach einer Berufslehre in der Gewerkschaft hochgearbeitet hatten. Beda Moor, mit dem Daguet bis zur Pensionierung zusammenarbeitete, erzählt: «Er hat das sofort wettgemacht. Er ging auf alle ein, hörte sich an, was wir zu sagen hatten, stellte kritische Fragen.» Und dann habe er gewusst, wie das Ganze präsentiert werden musste, tat das mit Stil. «Er redete so, dass es der Firmenboss verstand und die Arbeiter begeistert waren», sagt Moor, «das war seiner Herzlichkeit zu verdanken und dem Umstand, dass er die Menschen einfach gern hatte.»

Dass ein paar Jahre später Renzo Ambrosetti und nicht er zum Smuv-Präsidenten und zu Brunners Nachfolger gewählt wurde, habe Daguet verletzt, hört man. Er machte das Beste daraus, betonte den Teamgedanken, wusste, dass er auf diese Weise vielleicht integrierender wirken konnte. Was er schon jahrelang getan hatte. Zum Beispiel indem er 2001 zusammen mit Andreas Rieger von der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI) die gemeinsame Zeitung «Work» lancierte. «In dieser Zeit entstand auch die Idee zu einem gemeinsamen Bildungsinstitut, dem heutigen Movendo», sagt Rieger. Als 2004 die neue Gewerkschaft Unia gegründet wurde, spielte Daguet eine tragende Rolle. «André hatte eine grosse soziale Fantasie, er konnte sich vorstellen, wie sich die Dinge bewegen liessen. Und dann stürzte er sich rein», erinnert sich Rieger.

In Bewegung bleiben

Wenn André Daguet durch das Unia-Gebäude schritt, schien er immer etwas in Eile. Wahrscheinlich, weil er bereits zu spät dran war. Was aber nicht heissen soll, dass er auf seinem hastigen Weg irgendwohin nicht noch mit allen, die ihm begegneten, geredet hätte. «Es war auffällig, wie gut und schnell er es mit den Leuten konnte», sagt der ehemalige WOZ- und «Work»-Redaktor Michael Stötzel, mit dem André Daguet in den letzten zehn Jahren seines Lebens eine Freundschaft verband. Bei einer gemeinsamen Chinareise hatte sich Daguet die katastrophalen Arbeitsbedingungen der AchatschleiferInnen angesehen. Es sei vor allem ihm zu verdanken gewesen, dass die betreffende Firma von der Basler Schmuckmesse ausgeladen wurde. Er hatte politisches Gewicht, eine Art, die auch seine GegnerInnen beeindruckte. Wie Stadler-Rail-Chef Peter Spuhler, der ihn unbedingt kennenlernen wollte und dann, nach Jahren erfolgloser Verhandlungen um einen Gesamtarbeitsvertrag, einlenkte.

Im Mai 2010 brach André Daguet im Bundeshaus zusammen – Herzstillstand. Er überlebte nur dank der Herzmassage eines Polizisten und der Elektroschocks eines Defibrillators. Ein Jahr später trat er nach acht Jahren im Nationalrat zurück. Er müsse wieder in Bewegung kommen, sagte er damals. Und auf den Vorschlag, sich doch einen Hund zu kaufen, der ihn dabei begleiten könne, erwiderte er in heiligem Ernst: «Ein Haustier? Das ist eine sehr gute Idee. Das werde ich tun. Ich kaufe mir eine Katze.»

Er tat sich kein Haustier mehr zu. Vor einem Jahr wurde bei ihm die Nervenkrankheit ALS diagnostiziert. Bis zuletzt traf er FreundInnen, mischte politisch mit, beriet seine GewerkschaftskollegInnen. Seit er nicht mehr sprechen konnte, kommunizierte er über einen Computerbildschirm. Am 1. Mai ist André Daguet 67-jährig in Bern gestorben.

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