Nr. 19/2015 vom 07.05.2015

Archäologie zum Schweigen gebracht

In Schaffhausen plant die bürgerliche Regierung im Rahmen eines Sparpakets massive Kürzungen bei der Kantonsarchäologie: Weil die ArchäologInnen das Bild der Vergangenheit mit Neufunden ändern?

Von Adrian RiklinMail an Autor:in

Erst vier Prozent der vermuteten römischen Bauten entdeckt: Archäologe Valentin Homberger bei der Ausgrabung eines Gutshofs bei Schleitheim im Jahr 2004. Foto: Peter Pfister

Will man dieser Tage mit Markus Höneisen über die Situation der Archäologie im Kanton Schaffhausen reden, gibt sich der Kantonsarchäologe wortkarg. Und auch die projektleitende Archäologin, die uns bei einer Grabung in Schleitheim bereitwillig in die zeitgenössische Archäologie einführte, teilt wenig später mit, dass «aufgrund der aktuellen politischen Situation nicht über die Grabung berichtet werden» dürfe.

Keine weiteren Angaben also zu den Funden, die dabei zum Vorschein kamen: zu den Tonscherben, die aufgrund der Art der Verzierungen aus der Bronzezeit stammen müssen; zu den Spuren von Holzpfosten, die auf einen römischen Werkplatz schliessen lassen. Nichts weiter zur stein- oder bronzezeitlichen Pfeilspitze aus Feuerstein und den Splittern einer römischen Amphore. Und vor allem: keine weiteren Angaben zur Goldmünze, die in einem Metallklumpen aus zusammengeschmolzenen Silbermünzen entdeckt wurde und einen nach Recherchen eines Lokalhistorikers auf die Spur des einst reichsten Schaffhausers bringt, dessen Haus im Jahr 1800 abbrannte.

Nur noch «Hotspots»?

Reto Dubach, der zuständige Regierungsrat und Vorsteher des Baudepartements, hat dem Kantonsarchäologen und seinen MitarbeiterInnen Maulkörbe verpasst. Anlass dazu gab ihm der Widerstand gegen das im vergangenen November präsentierte Entlastungsprogramm EP 2014, in dessen Rahmen die FDP- und SVP-dominierte Regierung neben massiven Sparmassnahmen in Volksschulen, bei der Berufsbildung und in Behindertenheimen auch bei der Kantonsarchäologie sparen will: Bis 2018 soll deren Jahresbudget von 800 000 auf 300 000 Franken und der Personalbestand von 340 auf 100 Stellenprozente gekürzt werden.

In einer Stellungnahme auf ein Postulat der SP-National- und Kantonsrätin Martina Munz erklärte der Regierungsrat im Dezember, die Kantonsarchäologie habe in den letzten Jahren zwar «viel zur Klärung der Vergangenheit beigetragen» und sei «auf Kulturgüter von internationalem und nationalem Interesse» gestossen, aufgrund der finanziellen Situation des Kantons aber solle sie sich von nun an «auf die ‹Hotspots›» konzentrieren.

Es seien in den nächsten Jahren nämlich kaum Funde zu erwarten, «welche völlig neue Erkenntnisse ans Tageslicht bringen», zumal aufgrund des revidierten Raumplanungsgesetzes deutlich weniger auf der grünen Wiese gebaggert werde. Überdies würde die Archäologie «nicht von heute auf morgen verkleinert», sondern etappenweise durch Pensionierungen. Mit den 300 000 Franken zuzüglich der Kosten für Notgrabungen und Rückstellungen und der Finanzierung gewisser Projekte über den Lotteriefonds könne weiterhin eine Archäologie betrieben werden, «welche die gesetzlichen Bestimmungen erfüllen kann».

Seltsames Geschichtsverständnis

«Wenn die Regierung meint, man solle sich auf Hotspots fokussieren, ist das archäologisch absurd», sagt Valentin Homberger in seinem Büro in der Schaffhauser Altstadt. Der selbstständige Archäologe wehrt sich als Vorstandsmitglied von Pro Iuliomago gegen die Sparpläne. Die Gesellschaft für Archäologie im Kanton Schaffhausen sieht in der Bewahrung der Bodendenkmäler eine Kernaufgabe der Kantone, die «aus Respekt vor den Leistungen unserer Vorfahren und dem legitimen Anspruch auf Erkenntnis unserer Nachfahren gewährleistet werden muss».

Demgegenüber lässt die Schaffhauser Regierung ein Geschichtsverständnis aufblitzen, in dem die Vergangenheit weitgehend ausgeforscht ist. Dass ausgerechnet Rechtsbürgerliche der regionalen Archäologie einen derart geringen Stellenwert beimessen, mag zunächst erstaunen. Plausibel wird das Desinteresse erst, wenn Archäologie als verklärende Mythologie verstanden wird – und nicht als aufklärende Praxis, in der jeder Fund eine Neubeurteilung des bisher Bekannten nötig machen kann. «Von einer Situation, bei der es nur noch darum ginge, kleine Wissenslücken zu füllen, sind wir weit entfernt», sagt Homberger und verweist auf die seit über hundert Jahren bekannte römische Fundstelle Iuliomagus bei Schleitheim, wo bis heute nur gerade vier Prozent des vermuteten Bestands ausgegraben worden seien.

Für Homberger erforscht die Archäologie «die ungeschriebene Geschichte der namenlosen Leute. Damit ergänzt sie das aus historischen Textquellen gewonnene Bild unserer Vergangenheit gerade auch in Zeiträumen, aus denen wenig oder gar nichts Schriftliches überliefert ist. Es geht darum, Allgemeingut vor der Zerstörung zu bewahren. Und letztlich auch um die Identität einer Region, welche für den Zusammenhalt einer Gesellschaft wichtig ist.»

In einer Petition, die Pro Iuliomago Anfang April mit über 5000 Unterschriften dem Regierungsrat übergab, hält die Gesellschaft fest, dass eine so reduzierte Archäologie ihren Auftrag, das archäologische Erbe zu schützen und zu bewahren, nicht mehr erfüllen könnte; schon heute leite sie nur dort Rettungsgrabungen ein, wo Vorabklärungen mit hoher Wahrscheinlichkeit Funde erwarten liessen. Da dies meist infolge von Bauvorhaben geschehe, stehe der archäologische Arbeitsanfall in direkter Abhängigkeit vom Bauvolumen, das sich derzeit auf sehr hohem Niveau bewege.

«Verdichtetes Bauen in ausgewiesenen Bauzonen bedeutet nicht, dass weniger Funde zu erwarten sind», erklärt Homberger. «Die Bauzonen liegen meist in Arealen, die als attraktive Siedlungsstandorte bereits früher von den Menschen genutzt wurden, sodass gar mit einer Verdichtung archäologischer Spuren zu rechnen ist.» Wenig sachdienlich sei auch der regierungsrätliche Verweis auf Bergkantone wie Schwyz und Nidwalden, die über keine eigene Archäologie verfügen: «Schaffhausen zeichnet sich seit jeher durch eine ausgesprochen siedlungsfreundliche Topografie mit fruchtbaren Tieflagen und wichtigen Durchgangstälern aus.»

Weg des geringsten Widerstands

Es ist fürwahr nicht so, dass sich die Kantonsarchäologie über Arbeitsmangel beklagen müsste. Zusätzlich zu den Grabungen hat sich das derzeitige Team mit 340 Stellenprozenten (neben dem Kantonsarchäologen ein Grabungstechniker, eine Planzeichnerin, eine Sekretärin, ein Restaurator und ein Mitarbeiter für das Projekt Stadtkataster) um ein Kulturgut mit weit über 100 000 archivierten Funden und über 1000 Fundstellen von teils internationaler Bedeutung zu kümmern. Die Spuren müssen dokumentiert, die Funde geborgen, gereinigt, restauriert, konserviert und überwacht werden.

Eine Reduktion auf 100 Stellenprozente wäre laut Homberger «der Todesstoss für die Kantonsarchäologie», nachdem sie in den letzten Jahren schon mehrere Kürzungen erleiden musste; zuletzt wurde die Stelle einer wissenschaftlichen Zeichnerin gestrichen.

Reto Dubach, der zuständige Regierungsrat (FDP), zeigt sich erstaunt über «das Ausmass der Aufregung». Die Reduktion auf eine Vollzeitstelle sei als Zielwert zu verstehen. Zudem sei die vom Regierungsrat eingesetzte Arbeitsgruppe, die Varianten wie etwa den Zusammenschluss mit der Archäologie eines Nachbarkantons prüft, schon jetzt zur Erkenntnis gelangt, «dass eine Reduktion auf eine Vollzeitstelle kaum realistisch ist». Auf die Frage, weshalb man ausgerechnet in der Archäologie eine derart massive Kürzung vorsehe, verweist er auf «Stimmen, die die Archäologie ganz abschaffen wollen». Die Regierung suche nun einen Mittelweg. Notgrabungen etwa würden weiterhin «zeitnah» möglich bleiben, da solche Grabungen im Rahmen eines Bauvorhabens «gebundene Ausgaben» seien, «welche nicht speziell budgetiert werden» müssten.

Für SP-Kantonsrätin Martina Munz ändert das nichts daran, dass die Kantonsarchäologie unter solchen Umständen «zu einer Meldestelle verkommen» würde. Dass der kleinen Abteilung rund ein Fünftel der finanziellen und gar zwei Drittel der personellen Einsparungen des gesamten Baudepartements aufgebürdet werden sollen, lasse vermuten, dass man jene Stelle gesucht habe, wo der Widerstand am kleinsten schien: «Verglichen mit der Baubranche hat die Archäologie eine sehr kleine Lobby. Dabei gäbe es gewiss auch beim Hoch- und beim Tiefbau die eine oder andere Sparmöglichkeit.»

Die Verhandlung von Munz’ Postulat im Kantonsrat hätte diese Woche stattfinden sollen. Sie wurde nun auf Juni vertagt. Bis dahin soll dem Parlament auch das gesamte Sparpaket EP 2014 vorgelegt werden.

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