Nr. 20/2015 vom 14.05.2015

Bonnie und Clyde der Reaktion

Von Robert Best

Doch, doch, Saras «weiche Lippen» und «grosse Titten» gefallen Adam. Ihm schmeckt auch ihre Lasagne. Er ist nur eben einer jener Typen, die Angst haben, all das mache «weich» – und dann in den Wald flüchten, Drogen und Waffen benutzen. Adam steht in «Hart auf hart», dem neuen, 15. Roman des US-amerikanischen Autors T. C. Boyle, für ein paranoides, brutales und regressives Amerika. Er will die Welt, wie sie vor 250 Jahren war. Inklusive «Indianern» als Feinde (oder «Chinesen»).

Auch Sara, die ihm immer wieder zu stark und sinnlich wird, ist nicht ohne. Steuern für die US-«Kommerzdiktatur» zu zahlen, lehnt sie ebenso ab, wie sich im Auto anzuschnallen. Folgerichtig gerät das Paar ständig in Konflikt mit dem (verachteten) Gesetz. Diese Bonnie und Clyde der Reaktion führen uns in ein amerikanisches Herz der Finsternis. Obgleich ungenannt, haben Baukrise, Bankencrash, NSA-Skandal und nie endende Kriege dieses Amerika tief erschüttert. Risse ziehen sich durch die Herzen, Köpfe und Körper.

Manche, etwa Adams Vater, der ruheliebende Rentner Sten, scheinen zwar im Grunde versöhnt mit persönlichem wie nationalem Niedergang und Machtverlust. Doch wenn es «hart auf hart» kommt, wehren sie sich mit Händen und Füssen. Der Kriegsveteran Sten erwürgt einen Dieb, drückt ihm langsam die Luft ab. «Und Sie haben nur reagiert?», fragt ihn später die Presse. «Ja.» Das Rampenlicht ist nicht sein Ding, «trotzdem beantwortete er alle Fragen, bis sie weniger wurden und schliesslich ganz versiegten».

Würgemord wie Pressearbeit werden geduldig absolviert, bis sich nichts mehr regt. In solch fast beiläufigen Engführungen erweist sich Boyle als Meister der Psychologie. Umso irritierender ist, wie überzeichnet Sara und Adam oft wirken. Deren Unbehagen, etwa an Warenwelt und Spitzelwesen, ist ja zudem nicht nur lächerlich. Für Boyle ist es zugleich Spottobjekt und Motor eines meist spannenden und anregenden Romans.

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