Nr. 20/2015 vom 14.05.2015

Alles bloss Wortklauberei?

Für den Vorschlag einer geschlechtsneutralen Endung auf -x wurde Lann Hornscheidt massiv bedroht. Dabei geht es um mehr als um einen Buchstaben.

Interview: Noëmi LandoltMail an AutorIn

WOZ: Lann Hornscheidt, Sie schlagen die Wortendung -x vor, um Personen geschlechtsneutral bezeichnen zu können. Wie sind Sie darauf gekommen, Professx Hornscheidt?
Lann Hornscheidt: Ich hörte erstmals während einer Prüfung zu feministischer Sprachveränderung davon. Eine Studentin war gerade aus Argentinien zurückgekommen und erzählte, dass feministische Gruppen dort die x-Form verwendeten, um die spanischen Endungen auf -a und -o aufzulösen. Ich fand das x äusserst praktisch. Es ist immer an einen Wortstamm angliederbar und kann immer ausgesprochen werden: i-k-s.

Das -x ruft auch Assoziationen an Malcolm X wach.
In Berlin wird gerade darüber diskutiert, ob es sich bei der x-Form um die Vereinnahmung einer antirassistischen Strategie handelt. Das wäre fatal! Malcolm X hat sich so genannt, weil im Kolonialrassismus Leuten diskriminierende Nachnamen zugeteilt wurden. Ich nenne mich nicht Lann X, aber die antirassistische X-Form als Nachname ist eine wichtige politische Sprachveränderung und Inspiration für mich.

Vor diesem Interview war ich mir unsicher, wie ich Sie bezeichnen sollte, da ich das Pronomen der x-Form nicht kannte. Zunächst war ich einfach verwirrt, irgendwann genervt. Haben Sie Verständnis dafür, wenn man sich über Vorschläge wie die x-Form nervt?
Ich habe viel Verständnis für Leute, die Schwierigkeiten mit solchen Vorschlägen haben. Und es braucht Zeit, um zu lernen. Als ich beispielsweise anfing, mich mit Rassismus und Behindertenfeindlichkeit zu beschäftigen, war es auch schwierig für mich, feststellen zu müssen: «Oh, ich bin weiss. Und ich bin nicht behindert.» Es ist irritierend, wenn Normen infrage gestellt werden. Ich würde mir wünschen, dass wir lernten, mit diesen Irritationen produktiv umzugehen und einander respektvoll zu begegnen, trotz aller Differenzen.

Sie haben im letzten Jahr die gegenteilige Erfahrung gemacht. Nachdem Sie auf Ihrer Website darum baten, geschlechtsneutral angeredet zu werden, wurden Sie in den Medien verspottet und auf anderen Wegen massiv bedroht.
Das sind alles Versuche, mich mundtot zu machen. In westlichen kapitalistischen Gesellschaften scheinen wir nicht in der Lage zu sein, mit Irritationen auf eine andere Weise umzugehen als in Form von Gewaltäusserungen. Sie sind Ausdruck der Angst, eigene Privilegien zu verlieren. Man kann sich entweder kritisch mit den eigenen Irritationen auseinandersetzen, oder man kann versuchen, sie zu überschreien – so laut, dass ich weder meine eigene Irritation höre noch die andere Person, die sie hervorruft. Alles in der Hoffnung, dass diese dann endlich Ruhe gibt.

Doch Sie geben keine Ruhe …
Ich habe ja auch sehr viele positive und berührende Zuschriften bekommen. Auch von Leuten, die sich selbst neue, geschlechtsneutrale Formen überlegen. Das finde ich toll!

Glauben Sie, dass es in unserer Gesellschaft geschlechtsneutrale Personen gibt?
Nein. Wir kommen auf die Welt, und bevor wir überhaupt denken können, wird uns bereits eine Kategorie übergestülpt. Im besten Fall stimmt die ein Leben lang für uns, im schlechteren müssen wir uns negativ daran abarbeiten. Ich habe beispielsweise zurzeit in Deutschland eine Klage laufen, dass ich den Geschlechtseintrag aus meinem Pass entfernen möchte.

Sie möchten ihn ersatzlos streichen?
Was ist die Relevanz eines Geschlechtseintrags im Pass? Meine Anwältin sagt, ein solcher Eintrag sei nicht einmal strafrechtlich relevant. Wenn wir damit durchkommen, wäre das eine fast revolutionäre Veränderung. Es ist ein sehr langer Prozess, bis wir uns Personen einmal nicht mehr entweder als Frauen oder Männer vorstellen müssen. Umso wichtiger ist es, die herrschenden Verhältnisse differenziert zu benennen: Frauen sind diskriminiert gegenüber Männern. Ich halte es für vollkommen verquer, so zu tun, als gäbe es keinen Sexismus in unserer Gesellschaft.

Sie halten Vorträge zu feministischem und antirassistischem Sprachhandeln und sprechen dabei auch über «hegemoniale Abwehrstrategien». Was muss man sich darunter vorstellen?
Hegemoniale Abwehrstrategien decken ein grosses Spektrum ab. Auf der individuellen Ebene werden Leute pathologisiert oder lächerlich gemacht. In Bezug auf feministische Linguistik höre ich oft, dass dies keine Wissenschaft sei. Hinzu kommen inhaltliche Argumentationen: dass Sprache unsere Kultur widerspiegle und nicht verändert werden dürfe, dass Zweigeschlechtlichkeit natürlich sei. Letzteres wird oft mit Bibelzitaten belegt, ich habe mittlerweile eine beachtliche Sammlung.

Sie stossen also auf sehr konservative Vorstellungen.
Dass es so grosse Diskussionen um so etwas Kleines wie Sprachveränderungen gibt, ist auch ein Zeichen dafür, dass wir gerade dabei sind, einen gesellschaftlichen Umbruch zu erleben.

Sie halten Sprachveränderung für etwas Kleines?
Ich natürlich nicht. Die meisten sozialen Veränderungen fangen über Sprachveränderungen an. Feministische oder antirassistische Gruppen suchen häufig schon früh nach neuen Benennungsformen oder versuchen, alte Begriffe neu zu besetzen. Im öffentlichen Bewusstsein wird Sprache jedoch oft als weniger wichtig betrachtet.

Ist das auch eine Abwehrstrategie?
Ja. Auch in linken Kreisen höre ich oft: «Das ist doch nur Wortklauberei. Zuerst verändern wir mal die Wirklichkeit, die Sprache kommt dann schon hinterher.» Sprache wird dabei nicht als Medium wahrgenommen, über das wir Wirklichkeit und Wirklichkeitsbilder herstellen. Dabei ist Sprache die Möglichkeit schlechthin, etwas zu verändern. Und jede Person kann sich daran beteiligen. Das ist eine Chance, aber auch eine riesige Bedrohung für den Staat.

Wieso für den Staat?
Der Staat lebt davon, dass es Zweigeschlechtlichkeit gibt, dass diese Zweigeschlechtlichkeit heteronormativ geordnet ist und dass es eine entsprechende Arbeitsteilung in dieser Gesellschaft gibt.

Wie reagieren Sie persönlich auf diese Abwehrstrategien?
Gewaltvolle Äusserungen sind für mich keine Kommunikationsangebote. Auf diese reagiere ich nicht. Ich rede aber gerne mit jenen Leuten, die Lust haben, etwas zu verstehen, und neugierig sind auf Veränderungen. Ich versuche, die Relevanz antidiskriminierenden Sprachhandelns jeweils anhand von konkreten Beispielen aufzuzeigen.

Erzählen Sie.
An der Humboldt-Uni hängen beispielsweise Bilder von Menschen – die meisten sind weisse Männer –, die geehrt werden sollen. Bei einer Person steht: «Er musste Deutschland verlassen, weil sein Vater Jude war.» Ich sage dann: «Er musste Deutschland nicht verlassen, weil sein Vater Jude war, sondern weil Deutschland antisemitisch war.» Das eine ist die Zuschreibung einer sozialen Kategorie, das andere die Benennung einer Diskriminierung.

Lassen sich die Leute davon überzeugen?
Viele bleiben in einer «Ja, aber»-Schlaufe hängen. Meiner Erfahrung nach bringt es dann nichts weiterzuinsistieren. Und ich behaupte auch nicht, dass es genau eine richtige Sprachform gibt. Das Binnen-I hat beispielsweise lange sehr gut funktioniert, um Männer und Frauen gleichzeitig zu bezeichnen. Heute haben wir den Unterstrich, der auch Personen miteinschliesst, die sich nicht in der zweigeschlechtlichen Matrix verordnen.

Heute scheint es in gewissen Kreisen wieder chic zu sein, gegen die politische Korrektheit zu verstossen, und das wird gern auch als fast schon revolutionärer Akt dargestellt. Es heisst dann, man lasse sich doch den Mund nicht verbieten.
Das ist interessant. Das ist dem Argument der umgekehrten Diskriminierung ähnlich. Wenn Männer oder Weisse sich beispielsweise diskriminiert fühlen. Was mir dabei auch in den Sinn kommt, ist, dass es in der Wissenschaft eine starke Tradition gibt, kontinuierlich andere Leute zu bashen. Ich stelle mich selbst als genial her, indem ich zeige, dass ich besser bin als andere. In meinen Seminaren versuche ich den Studis beizubringen, dass sie sich zunächst positiv auf ihre Lektüre beziehen und es wertschätzen sollen, egal was sie lesen.

Gelingt das?
Es braucht Zeit und Einübung. Es ist ungewohnt, sich positiv und konstruktiv aufeinander zu beziehen. Unsere Gesellschaft baut stark darauf auf, sich von anderen negativ abzugrenzen, wie es beispielsweise beim Rassismus der Fall ist. Alles ist in einer kapitalistischen Konkurrenzlogik gefangen. Wir müssen üben, in der Gesellschaft Differenzen stehen zu lassen, diese willkommen zu heissen und als konstruktive Herausforderung für unsere eigenen Weltbilder anzunehmen.

Sie sagten vorhin, die Reaktionen auf Sprachveränderungen seien darum so heftig, weil wir uns in einer Umbruchphase befänden …
Europa fühlt sich zurzeit sehr bedroht. Viele europäische Werte stehen zur Debatte – und das ist gut. Die Wahrnehmung verbreitet sich immer mehr, dass Sexismus und Kolonialrassismus konstituierend sind für das, was Europa heute ist. Das führt bei vielen Leuten zu grosser Verunsicherung. Um ihre Normen und Werte, ihre eigene Sicherheit aufrechtzuerhalten, schlagen sie gegen alles aus, was diese infrage stellt.

Diese Auseinandersetzung wird auch innerhalb Europas geführt.
Wir diskutieren gerade darüber, warum Deutschland nie Reparationszahlungen an Griechenland geleistet hat. Es ist gut, sich bewusst zu werden, dass das, was wir als Europa herstellen, eine Geschichte hat. Diese Geschichte wurde bisher immer verdrängt, und jetzt fällt sie uns glücklicherweise wieder auf die Füsse. Die Abwehrreaktionen äussern sich in Grenzzäunen und restriktiven gesetzlichen Regelungen. Das ist jedoch ein untrügliches Zeichen dafür, wie stark die anstehenden Umbrüche sind. Es wird grosse Veränderungen geben für die Menschen, die hier im Wohlstand leben. Dies ist aber auch eine grosse Chance.

Sie sind also optimistisch gestimmt?
Meine Lebensanschauung basiert darauf, dass alles durch Diskriminierungsstrukturen konstituiert ist. Mein Lebensimpuls ist aber das, was an positiven Veränderungen möglich ist.

Zum Schluss noch eine Frage, Professx: Wie lautet denn nun das Pronomen für die x-Form?
Ganz einfach: x. Sie können sagen: X ist dx grossx Professx. Stellen Sie sich vor, wie einfach es plötzlich wäre, Deutsch zu lernen, wenn es kein Genus mehr gäbe.

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