Nr. 21/2015 vom 21.05.2015

«Möglichst wenig Behinderte? Mais bien sûr»

Auch wenn er sich heute als glücklich bezeichnet, wäre er dennoch lieber nie geboren worden: Der grüne Ständerat Luc Recordon spricht sich für die Präimplantationsdiagnostik aus, warnt aber zugleich vor einer drohenden Rückkehr der Eugenik.

Interview: Noëmi Landolt

«Glück lässt sich nicht testen. Aber werdende Eltern können einschätzen, ob sie für ihr Kind eine ertragbare Situation schaffen können», meint Ständerat Luc Recordon. Foto: Raffael Waldner, 13 Photo

WOZ: Monsieur Recordon, sind Sie zufrieden mit Ihrem Leben?
Luc Recordon: Mir geht es gut, danke. Und ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Aber ich weiss schon, worauf Sie hinauswollen …

2005 appellierten Sie an Ihre Kolleginnen im Nationalrat, der Präimplantationsdiagnostik zuzustimmen, «im Namen dieser Kinder, die wie ich vorgezogen hätten, nicht geboren statt schwer behindert geboren worden zu sein». Im Juni stimmen wir nun über eine Verfassungsänderung ab, die die PID zulassen soll. Stehen Sie noch immer hinter Ihrem Votum von damals?
Ich bleibe bei meiner Aussage. Ja, ich habe heute ein schönes Leben. Aber das konnte im Voraus niemand wissen. Ich hatte grosses Glück – insbesondere mit meinen Eltern, die stark genug waren, um ihr eigenes Leiden zu überwinden und meines mitzutragen, und dank der Unterstützung meiner Grossmutter auch genug Geld dafür hatten. Als ich 1955 zur Welt kam, gab es keine Invalidenversicherung. Dennoch war meine Kindheit sehr schwierig.

Erzählen Sie.
Seit meinem achten Lebensjahr habe ich mich immer wieder gefragt, was es nützt zu leben. Das ist ein sehr junges Alter für solche Gedanken. Als Jugendlicher war ich in einem Sanatorium in Nordrhein-Westfalen. Ich erinnere mich insbesondere an einen Jungen. Er hatte keine Arme und keine Beine. Er sass im Rollstuhl und konnte nichts anderes, als mit seinem Oberkörper zu wippen. In seinen Augen lag die ganze Verzweiflung der Welt.

Genauso gibt es aber auch schwerstbehinderte Menschen, die Freude am Leben haben. Niemand kann im Voraus wissen, ob ein Kind glücklich wird oder nicht, sei es nun behindert oder nicht. Der Slogan der PID-Gegnerinnen lautet denn auch: «Glück lässt sich nicht testen.»
Das stimmt. Glück lässt sich nicht testen. Aber die werdenden Eltern können ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten einschätzen, für ihr Kind eine ertragbare Situation zu schaffen. Das hat nichts mit Glück zu tun, sondern ist eine rationale Evaluation des möglichen Leidens. Daher sollen Eltern so früh wie möglich Zugang zu allen erhältlichen Informationen haben.

Ihre Eltern hatten diese Möglichkeit nicht.
Entsprechend war meine Geburt auch ein Schock für sie. Ich bin mit dreigliedrigen Daumen und mit verkümmerten Schienbeinen zur Welt gekommen. Auch mein Vater hatte dreigliedrige Daumen, aber vor meiner Geburt war das nicht mehr als ein Indiz. Meine Mutter litt während meiner Kindheit jahrelang unter Depressionen, so gross war die Belastung. Daher hege ich grosse Bewunderung für Eltern, die dieses Leiden – ihr eigenes und das des Kindes – in Kauf nehmen. Doch das ist nicht allen möglich.

Wir sprechen also über die Selbstbestimmung der Eltern. Gerade diese wird von den PID-Gegnerinnen und -Gegnern jedoch infrage gestellt. Sie sagen, dass sich mit der Möglichkeit der PID der gesellschaftliche Druck erhöhe, behinderte Kinder abzutreiben.
Ich verstehe, dass die Gegner dieses Risiko anführen. Doch die Erfahrungen aus jenen Ländern, in denen die PID zugelassen ist, bestätigen diese Befürchtung nicht. Vielmehr schockiert mich das Argument, dass es in einer Gesellschaft «genug» behinderte Menschen brauche, damit sich die existierenden Behinderten nicht noch isolierter fühlten.

Sehen Sie das anders?
Das ist, als ob man, anstatt Armut zu bekämpfen, die Zahl der Armen verdoppeln würde, damit sie sich nicht so alleine fühlen. Man kann das Argument auch umkehren und sagen, je weniger Behinderte es gibt, desto einfacher ist es, ihnen zu helfen. Es bleibt mehr Geld – das ist reine Mathematik.

Glauben Sie das wirklich, in Zeiten von Sparpaketen und stetigen Abbaubestrebungen bei den Sozialversicherungen? Solidarität steht nicht gerade hoch im Kurs.
Es gibt durchaus eine gewisse Entsolidarisierung in manchen Bereichen. Doch gerade bei den Behinderten ist es uns gelungen, diesen Prozess zu stoppen. Denken Sie nur an die Abstimmung vom September 2009 über die temporäre Anhebung der Mehrwertsteuer um 0,4 Prozent, um die Invalidenversicherung zu stabilisieren. Das Volk hat sich dafür ausgesprochen. Heute befindet sich die IV im Gleichgewicht. Natürlich gibt es Kürzungsbestrebungen. Aber es ist einfacher, ihnen zu widerstehen, wenn weniger benötigt wird.

Wenn sich eine Personengruppe zahlenmässig verringert, sie in der Öffentlichkeit immer weniger sichtbar ist, wird es doch viel schwieriger, ihre Interessen zu verteidigen.
Ich fürchte die Isolation von Behinderten nicht so sehr, da sich unsere Bevölkerung stark verändert. Es gibt immer mehr ältere Menschen. Viele von ihnen werden allein aufgrund ihres Alters behindert sein. Das führt wiederum dazu, dass auch jüngere Behinderte nicht mehr so isoliert sein werden.

Doch gerade weil die Menschen immer älter werden und später Kinder bekommen, wird es immer mehr künstliche Befruchtungen geben, und immer mehr Paare werden die Möglichkeit haben, auf die PID zurückzugreifen.
Das stimmt. Doch die Zahl der Behinderten, die aufgrund der PID nicht mehr zur Welt kommen, halte ich für quantitativ nicht signifikant.

Halten Sie eine Gesellschaft, in der es keine behinderten Menschen mehr gibt, für erstrebenswert?
Eine Gesellschaft mit möglichst wenigen Behinderten, bien sûr. Es ist kein Vergnügen, behindert zu sein. Auch wenn ich heute grundsätzlich glücklich bin, bleibt meine Behinderung etwas sehr Lästiges. Das Leben mit Behinderung ist wie ein sehr intensives, sehr hartes Sporttraining. Es kann dir die Gesundheit vollends ruinieren, oder es macht dich stärker.

Sie hat Ihre Behinderung stärker gemacht.
Bevor ich fünfzehn oder zwanzig Jahre alt war, habe ich in meinem Leben bereits viel mehr Leid ertragen müssen und viel mehr gesehen als meine nicht behinderten Altersgenossen. Gewiss, es gab Ereignisse, die mich traurig machten. Aber sie machten mich nicht fertig. Ich konnte mir immer eine grosse Ruhe und Ausgeglichenheit bewahren. Bis heute.

Entsteht nicht ein grosser Teil dieses Leidens gerade durch den Ausschluss von Behinderten aus unserer Gesellschaft?
Nein, das physische und das in dessen Folge entstehende psychische Leiden sind viel stärker. Selbstverständlich ist es wichtig, gegen die Ausgrenzung und Diskriminierung von Behinderten zu kämpfen. Aber sicher nicht, indem man die PID verbietet. Viel wichtiger sind Integrationsmassnahmen und gemischte Lösungen, wie sie im Schulbereich bereits erprobt werden. Behinderte Kinder besuchen einige Tage pro Woche eine Regelklasse und an den anderen eine Spezialschule. Das ist gut für Kind und Lehrperson. Ausserdem müssen Behinderte viel stärker in den Arbeitsmarkt einbezogen werden. Seit der Annahme der sogenannten Masseneinwanderungsinitiative ist das auch notwendig.

Ist die PID nicht Teil einer Entwicklung, die sich nicht aufhalten lässt?
Das halte ich für sehr wahrscheinlich. Gerade darum müssen wir jetzt die Diskussion führen, wo wir bei der PID die Grenzen setzen. Die Frage ist: Wie viel Leiden wollen wir zulassen? Vieles verändert sich. Eine Krankheit, die heute schlimm ist, kann in einigen Jahren vielleicht medizinisch behandelt werden.

Die Grünen haben die Ja-Parole gefasst. Hat Sie das überrascht?
Ich war nicht vom Ja selbst überrascht, sondern viel mehr von seiner Deutlichkeit. Vor zehn Jahren hätten wir noch keine Mehrheit für eine solche Vorlage gefunden. Ich glaube, man hat heute bei den Grünen generell weniger Angst vor Manipulationen am menschlichen Leben, die man für die Gesundheit vornimmt, weil man heute weiss, welche vernünftigen Schranken in diesem Bereich zu setzen sind. Ganz anders sieht es hingegen bei gentechnisch veränderten Organismen aus. Da sind die Bedenken nach wie vor sehr gross.

Viele Leute verspüren auch ein Unbehagen gegenüber der PID.
Ich verstehe dieses Unbehagen durchaus. Aber ich glaube, dass sich dieses viel besser meistern lässt als andere Sorgen wie jene um genetisch modifizierte Organismen. Bei der PID sind nicht dieselben ökonomischen Interessen im Spiel. Einige Ärzte können damit Geld verdienen, doch die grosse Pharmaindustrie interessiert sich nicht dafür. Im Gegenteil, sie würde es eventuell sogar vorziehen, dass es mehr behinderte Menschen gibt, um mehr Medikamente verkaufen zu können. Es ist sehr selten in der Bundespolitik, dass wirtschaftliche Fragen kaum eine Rolle spielen. Es ist vielmehr eine Frage der Ethik und der Technik.

Verstehen Sie die Angst der Gegner vor der Eugenik?
Eugenik ist eine unglaublich hässliche Erscheinung und muss bekämpft werden. Es wäre völlig inakzeptabel, die PID oder auch die Pränataldiagnostik dafür zu nutzen, Kinder nach Geschlecht oder nach Augenfarbe zu selektionieren. Dieses Risiko müssen wir gut im Auge behalten. Gerade heute, wo die extreme Rechte in Europa wieder erstarkt wie in Frankreich, Ungarn und in den nordischen Ländern. Rechtsextreme verfolgen immer dieses Ideal der vermeintlich reinen Rasse, entsprechend war auch die Idee der Eugenik nie tot. Sie kommt immer wieder. Wir müssen gut aufpassen. Auch in Ländern, die die PID anwenden.

Luc Recordon (59) ist diplomierter ETH-Ingenieur, Doktor der Rechtswissenschaften und arbeitet als Anwalt in seiner eigenen Kanzlei in Lausanne. Ab 2003 war er grüner Nationalrat, seit 2007 ist er Waadtländer Ständerat. Aufgrund einer seltenen Erbkrankheit, des Holt-Oram-Syndroms, ist Recordon auf Beinprothesen angewiesen.

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