Nr. 17/2016 vom 28.04.2016

«Als ob unser Leben im Nachhinein nichts wert wäre»

Cem Kirmizitoprak geniesst sein Leben in vollen Zügen. Der junge Rollstuhlfahrer kämpft leidenschaftlich dafür, dass alle leben können. Auch Ungeborene.

Von Andreas Fagetti (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Legte sich mit den SBB an: Inklusionsfachmann und Stadtparlamentarier Cem Kirmizitoprak.

Er wartet bereits an der Bushaltestelle, als wir aussteigen, streckt uns die Hand zu Begrüssung entgegen, setzt sich dann in Bewegung und verwickelt den Fotografen auf dem Weg in sein Büro gleich in ein Gespräch. Cem Kirmizitoprak leidet an einem Geburtsgebrechen, an zerebraler Tetraspastik – Arme und Beine sind gelähmt. Wobei «leiden» der falsche Begriff ist: Der unbekümmerte und selbstbewusste junge Schweizer mit kurdischen Wurzeln geniesst sein Leben in vollen Zügen.

Seine Kindheit verbrachte Kirmizitoprak bis zum siebten Lebensjahr in Izmir, meist auf einer Couch oder auf dem Boden. Heute lenkt er seinen Rollstuhl per Joystick geschickt durch die befahrbare Welt. Er bewegt sich und steuert sein Leben. So politisiert er in der Juso, für die er im Herbst ins Stadtparlament von St. Gallen gewählt werden möchte. Er legte sich mit den SBB an und lancierte eine Onlinepetition, damit sich RollstuhlfahrerInnen nicht mehr eine Stunde vor der Abfahrt ihres Zuges beim «SBB Call Center Handicap» melden müssen, sondern spontan und barrierefrei reisen können wie alle anderen. Er arbeitet seit Jahren im Organisationskomitee des Ostschweizer Sozial- und Umweltforums mit.

Angst vor «Normalitätstest»

Cem Kirmizitoprak empört sich noch heute über ein Interview der WOZ mit dem handicapierten grünen Politiker Luc Recordon (siehe WOZ Nr. 21/2015). Der Befürworter der Präimplantationsdiagnostik sagte unter anderem: Auch wenn er heute glücklich sei, wäre er lieber nicht geboren worden. «Das verletzt mich», sagt Cem Kirmizitoprak. Wer seines Lebens überdrüssig sei, könne ihm ein Ende setzen. Aber Embryonen könnten nicht entscheiden. Kirmizitoprak weicht denn auch von der Parteilinie ab und engagiert sich im Nein-Komitee gegen die Präimplantationsdiagnostik (PID), über die im Juni abgestimmt wird. Die Stimmbevölkerung nahm vergangenes Jahr die Aufhebung des PID-Verbots an, ein überparteiliches Komitee hat daraufhin das Referendum gegen das vom Parlament beschlossene Gesetz ergriffen. Den GegnerInnen der PID geht das Gesetz zu weit, da ein Screening nicht nur erlaubt würde, wenn eine schwere Erbkrankheit vorliegt, sondern bei allen künstlichen Befruchtungen möglich wäre.

«Mit dem Screening bei erblich vorbelasteten Embryos kann ich leben», sagt der Juso-Politiker. Aber dass nun Hunderte von Eltern diesen «Normalitätstest» in Anspruch nehmen könnten, hält der Rollstuhlfahrer für einen Skandal. «Dieses Gesetz verletzt alle Menschen mit einer Behinderung. Es ist, als ob unser Leben im Nachhinein nichts wert wäre.»

Kirmizitoprak, der sich als Inklusionsfachmann bezeichnet und von Politik und Institutionen hie und da als Ratgeber beigezogen wird, definiert Behinderung grundsätzlich: «Behinderung bedeutet, dass etwas einen Menschen hindert. Das kann alles Mögliche sein. Bloss weil ich im Rollstuhl sitze, muss ich nicht behindert sein. Es sei denn, ich werde behindert – etwa dabei, einer Arbeit nachzugehen, mich zu bilden oder ausbilden zu lassen.» Anders gesagt: Behinderung ist vor allem, wenn man gehindert wird. «Die Gesellschaft macht mich behindert, ich bin es nicht», sagt er.

Ein Tabubruch?

Normalität gebe es nicht, findet Cem Kirmizitoprak. Jeder Mensch sei anders. Und jeder Mensch habe ein Recht darauf, sein Leben zu leben. «Darf ein homosexuelles Paar Kinder adoptieren? Selbstverständlich! Spielt es eine Rolle, ob jemand jung ist oder alt? Nein!» Normen errichten Barrieren, Normen schliessen aus, Normen werden von Institutionen missbraucht. Die PID in der vorgeschlagenen Form sei ein Tabubruch mit Folgen für die gesamte Gesellschaft.

Bereits heute sei zu beobachten, wie Krankenkassen Leistungen kürzten oder verweigerten. Die Sozialversicherungen begäben sich ebenfalls auf einen gefährlichen Weg: «Menschen werden massiv unter Druck gesetzt, ihnen werden Leistungen gekürzt, und schliesslich schliesst man sie ganz aus. Am Ende trifft es uns alle.»

Niemand dürfe Gott spielen und darüber entscheiden, wer leben dürfe und wer nicht. Cem Kirmizitoprak kennt viele handicapierte Menschen. Er sagt: «Sie leben alle gern und bringen sich mit ihren Fähigkeiten ein.»

Der Jungpolitiker ist ein kämpferischer Mensch. Er hat eine Schule für Kinder und Jugendliche mit einer Körperbehinderung in St. Gallen besucht. Und fühlte sich doch vom sogenannt normalen Leben ausgeschlossen. Nach den Volksschuljahren liess er sich zum Industriepraktiker ausbilden. Obwohl er mit einem Notendurchschnitt von 5,6 abschloss, wurde er in der Institution nicht weiterbeschäftigt. Als er den Grund wissen wollte, habe er die Antwort bekommen: Er politisiere zu stark. «Es stimmt, ich rede gerne und viel, aber ich habe bloss in den Pausen politisiert. Ist das etwa verboten in diesem Land?»

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