Nr. 21/2015 vom 21.05.2015

Glencores kasachische Symbiose

Die «Affäre Markwalder» wirft ein Schlaglicht auf die Machenschaften des kasachischen Regimes. Mit dessen VertreterInnen stellte sich Rohstoffmulti Glencore schon vor Jahren gut.

Von Stefan Howald und Anna Jikhareva

Hinter dem Ei: Künftiger kasachischer Sitz von Glencore und Verny Capital. Visualisierung: Verny Capital Group

Zwei verfeindete kasachische Familienclans, die ihre Rivalitäten am Genfersee austragen, und eine Schweizer Politikerin, die sich mittels Lobbyfirma für diesen Kleinkrieg einspannen lässt: Mit der «Affäre Markwalder» rücken auch die Machenschaften des kasachischen Regimes erneut in den Fokus. Die Verflechtungen zwischen dessen ExponentInnen und dem Westen lassen sich jedoch auch bei multinationalen Konzernen mit Sitz in der Schweiz dokumentieren.

Vor allem im Rohstoffsektor ist ein gutes Verhältnis zur Führung des zentralasiatischen Schwellenlands entscheidend. Die in Rotterdam und Genf ansässige Rohstoffhandelsfirma Vitol dominiert den weltweiten Rohölexport aus Kasachstan – und besitzt mit der Arawak Energy auch Produktionsanlagen vor Ort. Die Schweiz selbst importiert rund ein Drittel ihres Rohöls aus kasachischen Ölquellen.

Auch in anderen Bereichen sind die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Ländern stark. Kasachstan gehört zur Schweizer Stimmrechtsgruppe beim Internationalen Währungsfonds und bei der Weltbank. Bezüglich Direktinvestitionen lag die Schweiz im Jahr 2013 in Kasachstan mit rund zwei Milliarden US-Dollar an vierter Stelle. Philip Morris mit Sitz in der Schweiz besitzt eine Zigarettenfabrik in Almaty, es gibt kleinere Joint Ventures anderer Firmen. Das grosse Geld aber kommt von Glencore, dem Rohstoffmulti aus Baar.

Der Konzern stieg 1997 beim grössten kasachischen Zinkproduzenten Kazzinc ein. Das Unternehmen war auf Anordnung des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew durch den Zusammenschluss der drei führenden Zinkbergwerke geschaffen und sogleich privatisiert worden. In den Deal verwickelt war damals Bulat Utemuratow – ein treuer Gefolgsmann Nasarbajews und einer der reichsten Männer Zentralasiens.

«Investitionsfreundliches Klima»

Utemuratow hatte für einen Staatsbetrieb gearbeitet, bevor ihn das neue Regime 1992 nach Wien schickte. Von dieser Zeit berichtete der Ökonom 2013 freimütig in einem Interview mit dem Wirtschaftsdienst Bloomberg: Nach einem Jahr in Wien habe er dem kasachischen Staat eine Kapitalspritze der österreichischen Kreditanstalt verschafft – und nebenbei die erste Million verdient. Dafür hatte der heute 57-Jährige Zink und Kupfer in Kasachstan aufgekauft, um es über Wien in den Westen weiterzuverkaufen.

Für seine Dienste wurde Utemuratow zum stellvertretenden Handelsminister befördert, 1995 gründete er die Bank ATF. Später amtete er als Botschafter in Genf und baute die Beziehungen zu Schweizer Unternehmen, insbesondere zu Banken, aus – zum Nutzen des Regimes wie zu seinem eigenen. Sein Fall zeigt, wie politische Lobbyarbeit vor allem dazu dient, ein «investitionsfreundliches Klima» zu schaffen.

Nach der Rückkehr in die Heimat kaufte sich Utemuratow mithilfe der Bank ATF im Rohstoffsektor ein. 2006 gründete er die Finanzgesellschaft Verny Capital JSC, die unter anderem seine Minderheitsanteile an Kazzinc betreute. Rechtzeitig vor dem Börsenkrach 2008 stiess der Unternehmer die ATF dann für zwei Milliarden US-Dollar ab.

Inzwischen baute Glencore seine Interessen in Kasachstan aus. 2004 übernahm der Konzern via Kazzinc eine Mine mit riesigen Zinkreserven im Nordwesten des Landes. Vor Ort bemühte sich Glencore um ein soziales Image, liess werkeigene Kindergärten und ein Eishockeystadion bauen. Präsident Nasarbajew bekräftigte das staatliche Wohlwollen durch mehrere Besuche.

In anderen Ländern verlief das Engagement nicht so reibungslos. In den Niederlanden wurde Glencore in Untersuchungsverfahren genannt. In einer Ermittlung gegen einen Treuhänder wegen Geldwäscherei kam der Verdacht auf, von jenem Geld, das Glencore beim Kauf von Kazzinc über eine Nidwaldner Finanzgesellschaft einer Firma im Steuerparadies Curaçao gezahlt habe, seien fünf Millionen an Bulat Utemuratow geflossen. Auch bei überteuerten Zinkbezügen seien womöglich Schmiergelder bezahlt worden. Glencore weist darauf hin, dass die Firma bloss als Zeugin Amtshilfe geleistet habe und es nie zu einer Anklage gekommen sei.

Hin- und Hergeschäfte

Im Februar 2010 einigten sich Verny Capital und Glencore auf einen neuen Deal: Glencore reduzierte seinen Anteil an Kazzinc von 69 auf 49 Prozent, indem Aktien an Verny abgegeben wurden. Im Gegenzug erwarb Glencore 60 Prozent des im Besitz von Verny befindlichen grössten Goldabbauers Altyntau Gold. Mitte 2011 vermeldete die «Sunday Times», Glencore wolle den kasachischen Rohstoffkonzern Eurasian Natural Resources Corporation (ENRC) für 19,4 Milliarden US-Dollar übernehmen. Der aber geriet in Turbulenzen und unvorteilhafte Schlagzeilen, worauf sich Glencore zurückzog. Dafür kündigte der Konzern an, alle Aktien von Kazzinc zu übernehmen.

Doch dann intervenierte der kasachische Staat: Glencore durfte seinen Anteil nur auf 69 Prozent erhöhen, während der kasachische Staatsfonds Samruk Kazyna, der von Personen aus dem Umfeld von Präsident Nasarbajew kontrolliert wird, für 1,6 Milliarden US-Dollar den Rest übernahm. Glencore hatte deutlich mehr geboten; der Verkauf an Samruk Kazyna liess deshalb politischen Druck auf Utemuratow vermuten. Immerhin konnte der sich trösten: Für den verkauften Anteil erhielt er 2,5 Prozent der Aktien von Glencore; nach der Fusion mit Xstrata im Jahr 2012 hielt er 1,33 Prozent am neuen Riesenkonzern.

Weiter auf Einkaufstour

In den letzten beiden Jahren hat Glencore seine Wirtschaftsbeziehungen zu Kasachstan weiter ausgebaut. So erwarb man zwei neue Unternehmen, darunter ein Eisenerzbergwerk des angeschlagenen ENRC-Konzerns.

Das Wirtschaftsmagazin «Forbes» stufte Bulat Utemuratow vor kurzem mit einem Vermögen von 2,5 Milliarden US-Dollar als reichsten Mann Kasachstans ein. Nach dem Ausstieg aus dem Rohstoffgeschäft hat er sich wieder vermehrt dem Bankgeschäft zugewandt. Seit geraumer Zeit ist er zudem im Immobilienhandel tätig und hat das «Ritz-Carlton» in Wien und in Moskau erworben. Im Juni 2013 legte Utemuratow den Grundstein für die dreissigstöckigen Talan-Türme in Kasachstans Hauptstadt Astana. Sie sollen rechtzeitig zu Beginn der Weltausstellung Expo, die 2017 in Kasachstan stattfindet, fertig werden. Die Türme werden den örtlichen Hauptsitz von Glencore und Verny Capital beherbergen. Welch schönes Bild der symbiotischen Beziehungen zwischen dem kasachischen Regime und den Konzernen!

Aus den wilden neunziger Jahren

Geldrückführung und Millionenklage

Es war eine Pionierleistung. 2007 handelten die Schweiz, die USA und Kasachstan einen Deal aus: In der Schweiz gesperrte kasachische Gelder aus einem mutmasslichen Korruptionsfall sollten in Kasachstan für soziale Projekte eingesetzt werden.

Der Fall geht auf die neunziger Jahre zurück. Damals vermittelte der US-Bürger und Ölhändler James Giffen zwischen vier Ölfirmen und dem kasachischen Regime unter Nursultan Nasarbajew die Vergabe von Bohrlizenzen. Um politische Rivalen in Kasachstan zu diskreditieren, bat Nasarbajew die Schweizer Behörden um die Untersuchung verdächtiger Konten. Stattdessen sperrte die Schweiz ein Genfer Konto über 84 Millionen US-Dollar, auf das Giffen und Nasarbajew selbst Zugriff hatten. Schliesslich stimmte Nasarbajew zu, das blockierte Geld samt Zinsen von 31 Millionen US-Dollar nach Kasachstan zurückzuführen.

Dazu wurde mithilfe der Weltbank die vom kasachischen Regime unabhängige Bota-Stiftung geschaffen. Im Vorstand sassen je ein Vertreter der USA und der Schweiz, dazu fünf VertreterInnen lokaler Initiativen. Laut Exekutivdirektor Aaron Bornstein profitierten zwischen 2009 und 2014 200 000 KasachInnen davon.

Doch die Geschichte ist noch lange nicht ausgestanden. Dieses Jahr reichte der US-Geologe Jack Grynberg eine Klage über 960 Millionen US-Dollar gegen Niederlassungen von neun Ölkonzernen in der Schweiz ein: Er sei als Entdecker der kasachischen Ölfelder Anfang der neunziger Jahre von den Ölfirmen finanziell nicht angemessen entschädigt worden. Geologe Grynberg prozessiert bereits seit zwanzig Jahren und hat in aussergerichtlichen Vergleichen dreistellige Millionenbeträge erstritten.

Stefan Howald