Josef Hader : «Ich kenne diese Flucht aus der Welt»

Nr.  22 –

Der österreichische Kabarettist und Schauspieler Josef Hader ist in einem neuen Brenner-Krimi zu sehen. Ein Gespräch über Kopfschmerzen, Männerbünde, Rechtspopulisten und das Drehbuchschreiben zu dritt.

Josef Hader im Zürcher Hotel Greulich: «An der Figur Brenner mag ich am meisten den Trotz.»

WOZ: Josef Hader, leiden Sie oft an Kopfschmerzen?
Josef Hader: Ich habe fast nie Kopfschmerzen. Da muss ich schon arg kräftig über die Stränge schlagen, damit ich Kopfweh bekomme. Sehr schlechter Alkohol in einer sehr schlechten Mischung, das macht bei mir Kopfweh. Aber das habe ich seit meiner Jugend immer seltener gemacht. Wenn man älter wird, erlebt man die Räusche eher mit nur einem Getränk. Seither habe ich kein Kopfweh mehr.

Ich frage, weil der Detektiv Simon Brenner, die Hauptfigur in Ihrem neuen Film, regelmässig Migräneattacken hat. Und dann kommt noch ein unglücklicher Kopfschuss dazu. Was haben Sie gemacht, um das Kopfweh glaubwürdig zu spielen?
Weil ich mir den Schmerz selbst nicht vorstellen kann, habe ich betroffene Leute gefragt, wie Migräne wirkt. Die Antworten waren sehr subjektiv. Übereinstimmend war, dass man jede Art von Reiz als zusätzlichen Schmerz empfindet. Dass es wirklich an die Grenzen geht. Halbwegs am erträglichsten ist es, im Dunkeln zu sitzen ohne irgendeinen Reiz.

Brenner bereitet vor allem eine Geschichte aus seiner Vergangenheit Kopfweh, ein Geheimnis von vier Polizeischülern. Eine Männerfreundschaft, die sich zur gegenseitigen Abhängigkeit entwickelt hat. Wie halten Sie es selbst mit solchen Freundschaften?
Ich bin leider für Männerfreundschaften ungeeignet, weil ich in einem katholischen Internat war und mich dort nicht sehr wohl gefühlt habe. Mich kann man für Männerfreundschaften vergessen. Ich kenne Männer, die wirklich zusammen Segeln fahren, sich zusammensperren in kleinen Schiffen. Man müsste mir viel Geld zahlen, damit ich so etwas mache. Ich habe schon auch Freundschaften – aber eher Freunde, die ich einmal im Jahr treffe, und dann reden wir die ganze Nacht.

Sie fühlen sich also frei von Abhängigkeiten?
Als Kabarettist ist man sehr unabhängig. Oder man wird eben gerade deshalb Solokabarettist, weil man von Freunden und sonstigen Mitarbeitern sehr unabhängig sein will. Darum sind die Ausflüge in den Film immer sehr schön. Ich geniesse die Zusammenarbeit mit vielen Menschen, weil ich weiss, dass sie ein Ablaufdatum hat.

Auch Brenner ist ein Einzelgänger. Spielen Sie ihn deshalb gerne, weil Sie ihm nachfühlen können?
Brenner ist ja ein unpolitischer Nonkonformist. Den interessiert vor allem, dass er nirgends dabei sein muss, ansonsten ist ihm die Gesellschaft nicht wichtig. Dieses Eskapistische, diese Flucht aus der Welt, kenne ich schon. Aber ich glaube, dass mich die Gesellschaft schon ein bisschen mehr interessiert.

Ihre Filme zeichnen ja auch immer ein genaues Bild der österreichischen Gesellschaft. Diesmal dachte ich mir: Ist ja klar, dass dort Männerbünde eine grosse Rolle spielen.
Man stellt sich von Österreich aus auch die Schweiz immer etwas bündlerisch vor. Ich denke, in beiden Ländern sind Männerbünde wichtig. Ich habe allerdings den Eindruck, dass diese Strukturen nicht stärker, sondern eher etwas schwächer werden. Das ist das einzig vielleicht Gute – na, es ist eigentlich nichts gut am Neoliberalismus. Aber eine Begleiterscheinung des Neoliberalismus ist, dass auch solche Strukturen bereits zu traditionell sind und zu wenig auf Leistung beruhen und deshalb auch zusammenbrechen werden.

Polizeichef Aschenbrenner, der Gegenspieler von Brenner, setzt im Film alles daran, dass seine Lebensfiktion nicht einstürzt. Und nimmt dafür ziemliche Kollateralschäden in Kauf.
Ich würde das Ganze auch romantisch betrachten, er mordet aus Liebe. Aber er mordet gleichzeitig auch, um seinen gesellschaftlichen Status zu erhalten. Er tut alles, damit sich nichts verändert. Man ist ohnehin auf verlorenem Posten, wenn man will, dass sich nichts verändert. Das gilt auch gesellschaftlich. Für die rechtspopulistischen Parteien oder andere Eliten, die möchten, dass sich nichts verändert. Die sind auf verlorenem Posten, die müssen nur mal kurz in ein Geschichtsbuch schauen, damit sie sehen, dass sich ständig etwas verändert und ihre Position vollkommen absurd ist. Aschenbrenner scheitert bloss viel augenscheinlicher als die Rechtspopulisten.

Ist es nicht generell ein starkes Handlungsmotiv, den eigenen Status zu verteidigen?
Komischerweise will das jede Gegenwart. Die Menschen gehen, egal zu welcher Zeit, davon aus, dass sie am Endpunkt der gesellschaftlichen Entwicklung stehen und ab jetzt alles gleich bleibt. Ich kann es nur von Wien aus sagen: Vor hundert Jahren war der Anteil an Einwanderern hier fast so hoch wie heute. Und dann sind über zwei, drei Generationen alle zu Wienern geworden. Alle Speisen, die wir als typisch wienerisch empfinden, kommen aus Böhmen oder aus Ungarn oder aus Italien, und jetzt sitzen wir da als Österreicher und wollen, dass niemand mehr dazukommt. Plötzlich, nachdem über viele Jahrhunderte immer wer dazugekommen ist, möchten wir das nicht mehr haben. Jede Gegenwart wird von älteren Männern bestimmt, die ein Interesse haben, dass sich nichts mehr ändert. Und irgendwann werden sie hinfällig, werden sie sterben, und das wollen sie nicht wahrhaben.

Aschenbrenner wehrt sich auch gegen die Ermittlung eines jüngeren Kollegen. Den finde ich eine interessante Figur mit seinem Hipsterschnauz: Er ist ein bisschen schlau, ein bisschen kritisch, auch ein bisschen karrieristisch …
… und ein bisschen naiv gleichzeitig.

Sehen Sie so die jüngere Generation?
Nein, es ist ja klar, dass es keinen Sinn hat, eine Generation an sich zu betrachten und ein Urteil über sie zu fällen. Es gibt zu viele unterschiedliche Strömungen. Es ist das Problem jeder Generation, dass die Wege der Eltern nicht mehr gangbar sind. Und jetzt haben wir eine junge Generation, die teilweise sehr lockere Eltern hat, die nicht so sehr als Feindbild taugen. Dadurch erklärt sich auch, warum die junge Generation besonders ordentlich ausschaut. Ich denke mir immer, das ist, um die 68er-Eltern zu ärgern. Wobei ich sie durchaus politisch und sozial bewusst erlebe, es demonstrieren ja viele auf der Strasse.

Sie haben das Drehbuch wieder zusammen mit dem Autor Wolf Haas geschrieben, von dem die Romanvorlage stammt, und mit Regisseur Wolfgang Murnberger. Wie verfasst man ein Drehbuch zu dritt?
Wir nehmen uns am Anfang zusammen Zeit und definieren, wie weit wir vom Roman weggehen. Und dann schreibt der Regisseur die erste Fassung, ich die zweite Fassung, der Regisseur die dritte, und der Wolf Haas ist sozusagen der Spiritus Rector, der uns dazwischen Inputs gibt.

Sie arbeiten also nicht zusammen, sondern nacheinander.
Ja, aber man muss natürlich übernehmen, was der Vorgänger reingegeben hat. Dann arbeitet man weiter. Und danach gibt es zu dritt eine Besprechung, wo derjenige, der geschrieben hat, scharf kritisiert wird.

Da kommt es auch zu handfesten Konflikten?
Eher zu liebevollen. Es wird schon unerbittlich geredet, bis man sich überzeugt hat oder nicht, aber es gibt dadurch, dass wir drei sind, relativ einfache Mehrheitsbildungen.

Was auch bei Ihrem Kabarett auffällt: dass Sie mit wenig Gesten und Mimik Figuren ganz genau zeichnen. Wie beobachten Sie?
Komischerweise beobachte ich wenig. Wenn ich eine Figur entwickle, erinnere ich mich aber plötzlich an Menschen, die ich getroffen habe. Ich frage mich bei jeder Figur, was ich an ihr mag. Manchmal überlege ich auch, welche Filmfiguren mit der Rolle zu tun haben. Als ich begonnen habe, den Brenner zu spielen, ist mir sofort einer meiner Lieblingsfilme eingefallen, «French Connection» mit Gene Hackman als New Yorker Polizist: sehr trotzig, sehr jähzornig.

Was mögen Sie am meisten an Brenner?
Ich denke, am meisten den Trotz.

Kabarett und Filme aus Österreich wirken oft unterhaltsam, ohne gefällig zu sein. In der Schweiz löst sich Humor oft in Harmonie auf. Wie schaffen Sie diese Distanz?
Ich weiss nicht, wie das in der Schweiz ist. In Österreich aber gibt es die Tradition eines Volkstheaters, das ein bisschen mehr sein möchte, mit einem satirischen, gesellschaftskritischen Impetus. Das beginnt bei Nestroy und zieht sich auch durch das Kabarett. Und weil viele Kabarettisten begonnen haben, Filme zu machen, zeigt es sich auch dort. Es geht nie um die Entscheidung, ob man jetzt Unterhaltung oder saftiges Theater oder gesellschaftskritische Reflexion macht. Es geht um alles zusammen.