Nr. 02/2021 vom 14.01.2021

Mehrere verlorene Jahrzehnte

Das britische Kino ist berühmt für seinen Sozialrealismus – doch blieb dieser fast immer blendend weiss. Eine Miniserie von Steve McQueen räumt nun damit auf. Sein historischer Blick auf den Alltag der afrokaribischen Community ist brennend aktuell.

Von Peter Stäuber, London

Gegen die erdrückende Macht des Establishments: Letitia Wright als britische Black-Panther-Aktivistin in «Small Axe: Mangrove». Still: Capital Pictures

Der erste britische Spielfilm eines Schwarzen Regisseurs wurde 1975 fertiggestellt. Das sozialrealistische Drama «Pressure» von Horace Ové war dann aber fast drei Jahre lang nicht zu sehen. Grund waren Gewaltszenen, die das British Film Institute damals für bedenklich hielt. Es fliesst kein Blut, vielmehr sind Faustschläge und grobes Rumschubsen zu sehen – aber das Problem war, dass die Gewalt von der Polizei ausgeht und die Opfer aus der afrokaribischen Community kommen. Das stellte zwar die Realität akkurat dar, aber das Filmestablishment – wie auch die Gesellschaft insgesamt – wandte davon lieber den Blick ab.

Die Lücke schliessen

Ähnliche Erfahrungen wie Horace Ové machten damals praktisch alle Schwarzen Filmemacherinnen, Schauspieler und andere Kulturschaffende: London war zwar in den siebziger Jahren zu einem multikulturellen Melting Pot geworden, aber die politischen und kulturellen Institutionen waren noch immer blendend weiss, die Barrieren für BritInnen aus ethnischen Minderheiten kaum zu durchbrechen. So weist der britische Film der Nachkriegszeit riesige Leerstellen auf: Nur selten ist das Land aus der Perspektive von People of Color zu sehen.

Schon deshalb stellt Steve McQueens BBC-Miniserie «Small Axe» einen Meilenstein dar. Es sind fünf in sich abgeschlossene Spielfilme, in denen der oscargekrönte Regisseur von «12 Years a Slave» und «Hunger» das Leben der Schwarzen Londoner Community in den Mittelpunkt stellt, von den späten sechziger bis Mitte der achtziger Jahre. McQueen, selber in Westlondon als Sohn karibischer Eltern aufgewachsen, sagte in einem Interview: «Diese Filme hätten eigentlich vor 35 Jahren gedreht werden müssen.» Er habe versucht, die Lücke zumindest teilweise zu schliessen.

Gelungen ist ihm eine einzigartige Sammlung von Geschichten, die das afrokaribische London jener Jahrzehnte nicht bloss abbildet, sondern in den Köpfen der ZuschauerInnen aufleben lässt: die politischen Kämpfe, die Konflikte zwischen den Generationen, die Fragen der Zugehörigkeit – und immer wieder die Musik. Die Filme sind in sich geschlossen und unabhängig voneinander, aber es gibt wiederkehrende Themen – in erster Linie Rassismus in allen Abstufungen. Mal ist er unmittelbar und roh, wie jener des schnurrbärtigen Polizisten in «Red, White and Blue», dann wieder versteckt er sich hinter schönen Worten, wie beim Schulrektor in «Education».

Der politisch expliziteste Film ist der erste und längste, «Mangrove». Wie alle Geschichten von «Small Axe» beruht er auf wahren Begebenheiten. Der Titel bezieht sich auf das gleichnamige karibische Restaurant in Notting Hill, das in den späten sechziger Jahren zur Zielscheibe der rassistischen Polizei wurde. Ein Protestmarsch der lokalen Community gegen willkürliche Razzien endete mit einem von der Polizei provozierten Krawall; neun Schwarze Protestierende wurden verhaftet und angeklagt – wegen Anstiftung zum Krawall.

Zehn grandiose Minuten

Der nun folgende Gerichtsthriller in «Mangrove» ist vom Aufbau her konventionell. Aber der Film besticht durch ein hervorragendes Ensemble und ein Drehbuch, das ohne Effekthascherei aufzeigt, vor welchen Herausforderungen die Schwarze britische Community stand. Vor allem geht es um die Frage, wie man sein Recht durchsetzt, wenn die staatlichen Institutionen dies nicht zulassen, weil sie selbst voreingenommen sind. Wenn die Kamera von Shabier Kirchner den ProtagonistInnen durch die engen, holzgetäfelten Korridore des Gerichtsgebäudes zur Anklagebank folgt, lässt er uns die erdrückende Macht des Establishments spüren.

Dieser Klaustrophobie setzt der zweite Film eine befreiende Intimität gegenüber. In «Lovers Rock» schleicht sich eine junge Frau aus dem Elternhaus, um die Nacht an einer Geburtstagsfeier durchzutanzen. Hier werden die ZuschauerInnen auf die Reggaeparty mitgenommen, die Kamera schlängelt sich durch die schwofende Menge im kleinen Wohnzimmer, bleibt an einzelnen Paaren hängen und nimmt Details in den Blick: zärtliche Hände auf Schultern, Hüften, Schenkeln und Hintern.

Der Höhepunkt kommt, als der DJ den Hit «Silly Games» (1979) von Janet Kay auflegt: McQueen bleibt nicht nur während der gesamten Länge des Liedes dabei, sondern auch noch dann, als die begeisterten Partygäste den Song im Anschluss a cappella singen. Die Szene dauert zehn grandiose Minuten. Immer wieder wartet «Small Axe» mit solchen ausgedehnten Bildern auf, als wolle McQueen die verlorenen Jahrzehnte kompensieren.

Was aus heutiger Perspektive auffällt, ist die Aktualität dieser Geschichten. Dass die Serie 2020 gedreht wurde, als Polizeigewalt in den USA und anderswo zu den grössten antirassistischen Demos seit Jahren führte, ist Zufall. Aber die politischen Ereignisse des vergangenen Jahres erinnern auf ernüchternde Weise daran, dass die Kämpfe, die vor vierzig Jahren ausgefochten wurden, noch immer nicht beendet sind. In Grossbritannien werden Schwarze BürgerInnen neun Mal häufiger von der Polizei gefilzt als weisse, bei Drogendelikten werden sie zu längeren Gefängnisstrafen verurteilt. Als die Schwarze Labour-Abgeordnete Dawn Butler im Sommer in London von einer Polizeistreife angehalten wurde, sagte sie mit bewundernswerter Zurückhaltung: «Es ist wirklich irritierend. Es scheint, als könne man als Schwarze nicht an einem Sonntag mit dem Auto rumfahren, ohne von der Polizei angehalten zu werden.»

Weniger diplomatisch drückte sich der «Star Wars»-Schauspieler John Boyega aus, bekannt geworden mit «Attack the Block». Im Juni nahm der Londoner an einer Black-Lives-Matter-Demo teil und ergriff im Hyde Park das Megafon. Tränenüberströmt und zitternd vor Wut sprach Boyega über den Rassismus, den er in Grossbritannien erlebt hat, und forderte Gerechtigkeit für seine Schwarzen MitbürgerInnen. «Ich warte nicht mehr!», rief er.

«Ich habe die Schnauze voll!»

Zu jenem Zeitpunkt arbeitete er zusammen mit McQueen an «Red, White and Blue», dem dritten Film von «Small Axe». Boyega spielt darin Leroy Logan, einen jungen Mann, dessen Vater von zwei Polizisten zusammengeschlagen wird. Logan entschliesst sich, das System von innen heraus zu reformieren, und geht auf die Polizeischule. Der Film spielt in den frühen achtziger Jahren, als die Metropolitan Police für die Schwarze Community in erster Linie eine Bedrohung darstellte.

Bei seiner Familie und seinen Freunden provoziert Logan mit seiner mutigen Entscheidung Unverständnis und Ablehnung, von seinen vermeintlichen Kollegen schlägt ihm tiefer Hass entgegen. Mit eindrucksvollem Understatement bringt Boyega die innere Spannung dieses Konflikts zum Ausdruck – und die Selbstbeherrschung, die das dem jungen Polizisten abverlangt. Manchmal entlädt sich seine Wut, etwa wenn die Kollegen ihm beim Einsatz die Unterstützung verwehren. «Ich habe die Schnauze voll!», schreit er die grinsenden Rassisten auf dem Polizeiposten an.

Szenen wie diese erwecken den Eindruck, dass der Schauspieler Boyega und die Figur, die er verkörpert, aus einem Mund sprechen. Leroy Logan selbst – auch «Red, White and Blue» basiert auf Tatsachen – sagte in einem Interview im vergangenen Sommer, er habe manchmal das Gefühl, dass «wir in jene Ära zurückgekehrt sind».

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