Nr. 22/2015 vom 28.05.2015

«Onkel, schiess nicht, ich will leben!»

1943 richtete die deutsche Wehrmacht 6700 EinwohnerInnen des ukrainischen Orts Korjukiwka hin. Eine Reise an den Ort einer Tragödie, von der heute kaum noch jemand etwas wissen will.

Von Bernhard Clasen (Text und Foto), Korjukiwka

Die Überlebenden Anna Nekoval, Galina Popowa und Dina Korniewska vor dem Denkmal, das an der Stelle steht, wo einst das Massaker begann.

Langsam fährt der Linienbus von Kiew durch malerische Kiefernwälder, vorbei an Seen und kleinen bäuerlichen Holzhäusern, bis er schliesslich das Städtchen Korjukiwka unweit der ukrainisch-weissrussischen Grenze erreicht. Hier in diesen Wäldern versteckten sich während der deutschen Besatzung von 1941 bis 1944 sowjetische PartisanInnen, die der Wehrmacht immer wieder empfindliche Verluste beibrachten.

Kaum bekannt ist die äusserst blutige Strafaktion im 13 000 EinwohnerInnen zählenden Korjukiwka. Am 1. und 2. März 1943 wurden etwa 6700 BewohnerInnen von SS-Truppen sowie ungarischen und ukrainischen Feldjägern, die unter deutschem Kommando standen, erschossen. Damit bestraften die Besatzer eine Aktion, bei der sowjetische PartisanInnen gewaltsam Geiseln befreit hatten.

«Wer konnte, floh»

«Ich erinnere mich noch gut an die Nacht des 27. Februar 1943», berichtet Dina Korniewska. Sie war damals fünfzehn Jahre alt, lebte mit ihrer Familie mitten in der Stadt. Damals hatten PartisanInnen ans Fenster geklopft, Korniewskas Mutter liess sie rein. «Unsere Apotheke lag gegenüber dem Polizeigebäude», erzählt die 87-Jährige. 97 von den Deutschen zum Tode verurteilte PartisanInnen samt Familienangehörigen waren dort inhaftiert. Von der Apotheke aus wurde die Polizeistation angegriffen und alle Gefangenen befreit. Nur wenige der Bewacher überlebten.

Noch in der Nacht verliessen die PartisanInnen Korjukiwka. «Wir ahnten, dass sich die Deutschen rächen würden. Wer konnte, floh noch am gleichen Tag. Doch die meisten konnten nicht – wohin denn auch», berichtet Korniewska.

Nur wenige Monate zuvor waren alle JüdInnen und Roma der Stadt von den deutschen Besatzern und ihren ungarischen und ukrainischen Unterstützern erschossen worden.

Die Apotheke, in der Korniewska mit ihrer Mutter lebte, wurde im Kampf zerstört. Die beiden machten sich auf den Weg zum Stadtrand – kehrten aber zwei Tage später wieder zurück. «Ich werde nie vergessen, was ich gesehen habe», sagt sie. Die EinwohnerInnen des Städtchens seien in Gruppen von fünfzig bis hundert Personen in das Restaurant der Stadt getrieben worden. Zwei Tage lang versteckte sich Korniewska mit ihrer Mutter in einem Erdloch.

Die Stadt brannte

Überlebt hat auch Galina Popowa. «Ich bin ein Kind des Krieges geblieben», sagt sie heute. Als die schwarzen Autos der Deutschen ins Dorf kamen, sei ihr Leben stehen geblieben. «In den vergangenen 72 Jahren habe ich jeden Tag daran gedacht», so die 78-Jährige.

Damals sei die Neugier der Kinder grösser gewesen als ihre Angst. Dann kamen Männer in Uniformen und schossen um sich. Sie entdeckten auch Popowas Familie. «Sie wollten mich, meinen achtjährigen Bruder Aljoscha und meine Mutter – mein Vater war ja an der Front – erschiessen. ‹Onkel, schiess nicht, ich will leben›, sagte mein Bruder zu dem Mann, der gekommen war, uns zu töten. Einen Augenblick lang war der Soldat verdutzt. Dann hielt er das Gewehr höher und schoss in die Decke.»

Auch die Popows versteckten sich in einem Erdloch. Als sie sich wieder auf die Strasse trauten, sahen sie den Schrecken: Überall lagen Tote im Schnee, die ganze Stadt brannte. «Am meisten eingeprägt hat sich mir das Bild der toten Frau auf dem Schlitten. Wenn ich Künstlerin wäre, würde ich sie malen», sagt Popowa heute.

«Die Deutschen hatten die Bevölkerung aufgefordert, für eine Passkontrolle zum Restaurant zu kommen», berichtet Anna Nekowal – auch sie eine Zeitzeugin. Und so habe sie sich mit ihrer Mutter auf den Weg gemacht. «Was fliesst denn da für ein Rinnsal aus dem Restaurant?», habe irgendjemand auf der Strasse vor dem Restaurant gefragt. «Es war das Blut unserer Angehörigen», erzählt Nekowal.

Am Gedenken ist niemand interessiert

Jedes Jahr gedenkt die Bevölkerung von Korjukiwka der Toten ihrer Stadt. Doch in ihrer Trauer wird sie weitgehend alleingelassen. Weil dafür das Geld fehlt, wurde der Bau eines seit Jahrzehnten geplanten Gedenkparks eingestellt. Lediglich ein Denkmal vor dem Heimatmuseum – an der Stelle, an der sich damals das Restaurant befand – erinnert an das Ereignis. Der ukrainische Staat finanziert zudem das städtische Museum, wo die Erinnerung an das Massaker ein Drittel des Platzes einnimmt. Doch jenseits der Stadtgrenzen scheint man das Blutbad vergessen zu haben.

Schon in der Sowjetunion war kaum über Korjukiwka berichtet worden. Für Sergi Butko, Autor zahlreicher Broschüren zum Thema und Vertreter des Ukrainischen Instituts für nationales Gedächtnis, sind die Gründe nachvollziehbar. «Natürlich fragt man sich, wo die Partisanen geblieben sind, als die Bevölkerung von Korjukiwka massakriert wurde», sagt er.

Auch heute ist in Russland kaum jemand am Gedenken interessiert. Dort sieht man sich gerne als einziges Opfer des Hitler-Faschismus, blendet das Leid der Ukraine, die von den Deutschen vollständig besetzt war, aus.

Aber auch in Deutschland wird diese Vergangenheit verdrängt. «Ein einziges Mal war ein deutscher Botschafter bei einer Gedächtnisveranstaltung in unserem Ort», sagt Dina Korniewska. Bisher seien auch alle Bemühungen, eine Partnerstadt in Deutschland zu finden, ergebnislos verlaufen.

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