Vietnamkrieg – fünfzig Jahre danach : Geteilte Erinnerung

Nr.  24 –

In der Rückschau auf Vietnam trennt man in den USA den bösen Krieg von den guten Kriegern. Eine solche Gedenkkultur ebnet den Weg für künftige Militäraktionen.

Wenn der Konsens zurückgekehrt ist
wenn die Erinnerungen an Kent und My Lai 
und Hiroshima
ihre Macht verloren haben
und ihre Beziehung zueinander
und zu den Pullovern «Made in Taiwan» –
welche Antworten werdet ihr dann finden
welche Rüstung wird euch schützen
wenn eure Kinder euch fragen «Warum»?

William Daniel Ehrhart, 1977*

Wie ein grosser dunkler Pflug steht das Denkmal, das an den Vietnamkrieg erinnert, auf der National Mall, dem grünen Nationalpark im Zentrum von Washington D. C. Seine 75 Meter langen Schaufeln aus magmatischem Gabbro-Gestein und die darauf eingeritzten Namen von über 58 000 gefallenen oder vermissten US-SoldatInnen (darunter 8 Frauen) wiegen so schwer, dass sich die Flächen tief in die Erde eingegraben haben. Jedes Jahr begehen Millionen von Menschen diese schwarz glänzende Mauer, genannt «The Wall».

Viele BesucherInnen lassen hier Abschiedsbriefe an Söhne, Männer, Brüder zurück. Andere rubbeln die Namen ihrer Liebsten mit Bleistift vom Steinmonument auf ein Blatt Papier ab, als könnten sie so ein Stück Anwesenheit mit nach Hause nehmen. Manche legen Totengaben an den Fuss der Mauer: einen Teddybären für den jungen Vater. Eine Harley-Davidson für den Motorradfan. Und für wen wurde das Replikat eines «Tigerkäfigs» – so hiessen die berüchtigten Folterzellen in Südvietnam – an der «Wall» platziert?

Give peace a chance

Anders als die figürlichen Kriegerdenkmäler mit ihren Generälen hoch zu Ross oder dem heroisch kämpfenden Fussvolk erzählt der blank geschliffene Grabstein für die US-Armeeangehörigen, die hier im Tod alle militärische Hierarchie und Auszeichnung abgestreift haben, nicht einfach die Geschichte der Sieger, sondern lässt Raum für eigene Gedanken. Wenn man die Mauer entlanggeht, legt sich das eigene Spiegelbild über die Namen der toten und vermissten VietnamveteranInnen.

Ich zum Beispiel vergegenwärtige mir mein Austauschjahr in den USA mitten in diesem umstrittenen Krieg, ich denke an die Friedensdemos und an die Anti-Vietnamkrieg-Songs von Bob Dylan, John Lennon, Bruce Springsteen, Pete Seeger, Jim Morrison und Joan Baez. Wie mich die dreisten Propagandalügen von Präsident Nixon damals schockierten! Ich erinnere mich an die Verzweiflung von Freunden, die den Marschbefehl für Vietnam erhielten und darauf abtauchten in die Depression oder den Drogenrausch, weil für sie die Zukunft gestorben war.

Ich trauere nochmals mit der Freundin, deren einziger Bruder in diesem Jahr fiel. Und dann waren da auch noch unsere Wochenendpartys, bei denen regelmässig die Polizei auftauchte und – erfolglos – nach jungen Männern fahndete, die sich angesichts der Mobilmachung nach Kanada abgesetzt hatten.

Am Ende der Mauer angelangt, stelle ich mir vor, dass sich diese unter der Erde, im Verborgenen, noch viele Kilometer hinzieht und so auch die Millionen Opfer auf der andern Seite des Konflikts betrauert, eines Konflikts, der nur im Westen «Vietnamkrieg» heisst, in Südostasien hingegen «der amerikanische Krieg». Doch wo gibt es schon ein offizielles Kriegerdenkmal für den Feind?

Schon dass ein Vietnam Veterans Memorial zustande kam, das kompromisslos an Tod und Leid des Kriegs erinnert, ist ausserordentlich. Die Initiative dazu ging von VietnamveteranInnen aus, die bereits Ende der siebziger Jahre den Vietnam Veterans Memorial Fund (VVMF) gegründet hatten, um ihren in Vietnam gefallenen KameradInnen aus privaten Mitteln ein Denkmal zu setzen. Der demokratische Präsident Jimmy Carter und der Kongress stimmten 1980 dem Bau eines solchen Monuments auf der National Mall in Washington zu. Ein Designwettbewerb des VVMF brachte über 2500 Eingaben, ausgewählt wurde von einer internationalen Jury im Mai 1981 die Nummer 1026, das schlichte Mahnmal «The Wall» einer damals 21-jährigen US-Amerikanerin chinesischer Herkunft namens Maya Lin.

«Ein klaffendes Schandmal»

Die Künstlerin wollte mit ihrer stumpfwinkligen Mauer einen Raum zum persönlichen Nachdenken über Vietnam schaffen, ein Monument, das viele Deutungen und Gefühle zulässt. Doch die politischen Einwände derer, die von einem Kriegerdenkmal keine Fragen und Zweifel, sondern Antworten oder vielmehr Heldenverehrung erwarten, kamen prompt und heftig. Das «schwarz klaffende Schandmal», die «nihilistische Steinschwarte», der «orwellsche Seelenschmalz» beleidige die VeteranInnen, hiess es.

Die Kritik an der Vietnamgedenkstätte war so sexistisch und rassistisch aufgeladen, wie der Krieg selbst es gewesen war. Unter anderem wurde die junge asiatisch-amerikanische Künstlerin als «Frühlingsrolle» beschimpft, als unpatriotische Frau, die von dieser Männersache eh nichts verstehe. Die mittlerweile rechtskonservative US-Regierung, die den Vietnamkrieg als «noble cause», als ehrenhafte Angelegenheit, gewürdigt haben wollte, verweigerte dem «Wall»-Projekt zunächst die Baubewilligung. Und noch vor dem ersten Spatenstich im Frühjahr 1982 erzwang der Kongress einen «Kompromiss». Das seiner Ansicht nach allzu radikale «Antikriegsmonument» sollte durch einen unübersehbaren Fahnenmast sowie ein herkömmliches, Einheit und Ehre der Nation preisendes Kriegerdenkmal modifiziert werden.

Maya Lin wehrte sich vehement gegen den künstlerischen Übergriff, konnte aber trotz Unterstützung der US-Kunstkommission lediglich eine Umplatzierung der Zusatzelemente vom Zentrum an den Rand ihrer «Wall» erreichen.

Als Präsident Reagan 1984 die US-Flagge und die Bronzestatue «Die drei Soldaten» des Künstlers Frederick Hart feierlich einweihte, war bereits die nächste Erweiterung beziehungsweise Entschärfung der ursprünglichen «Wall» in Planung: Obwohl die Namen der weiblichen Vietnamtoten völlig gleichberechtigt auf Maya Lins Mauer eingeritzt sind, brauchte es jetzt noch eine eigene Heldinnenstatue für die Frauen, die im Vietnamkrieg vor allem als Krankenschwestern tätig gewesen waren. Auch gegen dieses Spezialinteresse wehrten sich Maya Lin und die Kunstkommission vergeblich. 1993 wurde die Amazonenecke eingeweiht. Und im Jahr 2004 wurde zusätzlich eine Plakette hinzugefügt, die diejenigen VietnamveteranInnen ehrt, die erst nachträglich an den Kriegsfolgen starben, etwa an den Wirkungen des Entlaubungsmittels Agent Orange oder am posttraumatischem Stresssyndrom.

Und immer noch ist die Vietnamgedenkstätte nicht komplett: Auf Betreiben der VVMF-VeteranInnen soll in der Nähe der «Wall» ein Vietnambildungszentrum entstehen. Davon erhoffen sich alle Seiten etwas, auch die Antikriegsfraktion. Fest steht bereits, dass alle 58 000 gefallenen VietnamveteranInnen, die auf Maya Lins Mauer in universal menschlichem Leid vereint sind, hier individuell in Wort und Bild vorgestellt und für ihren Dienst am Vaterland geehrt werden sollen.

Das Vietnam Veterans Memorial wuchert weiter, weil die Erinnerung an diesen Krieg nach wie vor unversöhnlich geteilt und dessen Deutung umstritten ist. Eine Invasion, die auf ihrem Höhepunkt Anfang der siebziger Jahre von der Mehrheit der US-AmerikanerInnen als «unmoralisch» abgelehnt wurde, kann nicht ohne weiteres umgeschrieben und zum «guten Krieg» gemeisselt werden. Nicht einmal die gross angelegte 65-Millionen-Dollar-Propagandaoffensive des Pentagon – eine Vietnamjubiläumsfeier, die 2012 begann und noch bis 2025 dauern soll – zeitigte bisher Erfolg.

Die entsprechenden Webseiten und Videos des Verteidigungsministeriums fanden kaum Beachtung – ausser bei HistorikerInnen, die der US-Regierung umgehend Geschichtsfälschungen nachwiesen. Zum Beispiel erwähnten die offiziellen Stimmen mit keinem Wort, wie unbeliebt dieser Krieg und wie stark die Friedensbewegung gewesen waren, zu der in den letzten Kriegsjahren auffallend viele VeteranInnen gehörten. Deshalb gründeten gestandene AntikriegsaktivistInnen das Vietnam Peace Commemoration Committee, eine Vereinigung, die die andere Seite dieser Geschichte – den weitverbreiteten Widerstand gegen die US-Aggression in Südostasien – in Erinnerung ruft. Das Pentagon seinerseits hat mittlerweile ganz auf die historische Aufarbeitung des Vietnamkriegs verzichtet. Man konzentriere sich auf die Ehrung der VeteranInnen und ihrer Familien, die der Nation so grosse Opfer gebracht hätten.

Vergiss den Krieg, doch gedenke der Krieger. Solch vorsätzlichen und selektiven Gedächtnisverlust empfahl Präsident Gerald Ford schon 1975. Eine Woche vor dem Fall von Saigon sagte er, soweit es die USA betreffe, sei dieser Krieg gelaufen. Jetzt gehe es bloss noch darum, den Stolz zurückzugewinnen, den die Nation vor Vietnam besessen habe. Ein Jahrzehnt später bekämpfte Präsident Reagan das «Vietnamsyndrom» mit einem forschen Nationalismus und Militarismus, die sich bekanntlich bis heute nicht wieder gelegt haben.

Verdrängt aus dem nationalen Bewusstsein sind die politischen und militärischen Fehlentscheide der eigenen Regierung und das Leid, das der vietnamesischen Bevölkerung zugefügt worden ist. Vietnam wird zur rein US-amerikanischen Tragödie. So wie kürzlich im viel gelobten (und Oscar-nominierten) Dokumentarfilm «Last Days in Vietnam» von Rory Kennedy, der zeigt, wie kurz vor dem Fall von Saigon einige im Land verbliebene US-AmerikanerInnen so viele südvietnamesische Verbündete wie möglich zu retten versuchen.

Im Zentrum solcher Erinnerungskultur steht immer das Befinden der eigenen verwundeten Nation. Und die brauche endlich Heilung, nicht nachtragendes Antikriegssentiment. Das behauptet jedenfalls ein Nachkriegsmythos, der das Land bereits wieder auf neue Kriege vorbereitet. Die eigenen VeteranInnen seien die grössten Opfer des Vietnamkriegs gewesen und ihre ärgsten Feinde die FriedensaktivistInnen, die die rückkehrenden SoldatInnen beschimpft und gar angespuckt hätten.

Die Antikriegsbewegung in den USA hat sich nie vom Vorwurf befreien können, in den siebziger Jahren die VietnamrückkehrerInnen verachtet zu haben – obwohl sie in ihren eigenen Reihen viele FriedensveteranInnen (Veterans for Peace) hatte. Noch dreissig Jahre später, bei den Auftritten gegen den Irakkrieg, war die nachhaltig geschwächte US-Friedensbewegung stets peinlich darauf bedacht, den bösen Krieg vom guten Krieger, der guten Kriegerin zu trennen.

Diese Legitimierung von unten ist in einer Zeit der ewigen Kriege sehr praktisch für die US-Regierung: Ihr militärisches Fussvolk ist seit Vietnam praktisch unantastbar. Die US-SoldatInnen sind per se heroisch, ganz gleich, wo, wie und gegen wen sie kämpfen (ausser sie treten als WhistleblowerInnen gegen die eigene Regierung an, vgl. «Die Angst, für immer in einem Geheimgefängnis zu verschwinden» ). Den uniformierten Supermenschen – seit 1973 kennen die USA keine Dienstpflicht mehr– dankt die Zivilbevölkerung der USA heute unablässig – auch wenn sie sich nicht mehr genau erinnert, wofür und warum.

* Auszug aus dem längeren Gedicht «An die, die müde heimgekehrt sind» (To Those Who Have Gone Home Tired) des Vietnamveteranen, Lehrers, Journalisten und Dichters William Daniel Ehrhart (geboren 1948).