Nr. 26/2015 vom 25.06.2015

Warum arbeiten Sie noch nebenbei?

Nach der Niederlage gegen Kanada ist das Schweizer Frauenfussballteam aus der WM ausgeschieden. Spielerin Lia Wälti über ihre Enttäuschung, darüber, wie sie vor laufender Kamera damit umgeht – und über ungewöhnliche Lebensläufe von Fussballerinnen.

Von Martin Bieri (Interview) und Stefan Maurer (Foto)

Lia Wälti: «Ich brauche neben dem Fussball etwas für den Kopf.»

WOZ: Nach der 0 : 1-Niederlage gegen Gastgeberin Kanada ist die Schweiz im Achtelfinal aus der Weltmeisterschaft ausgeschieden. Woran lags primär?
Lia Wälti: Uns hat sicher die Effizienz gefehlt. Gegen Japan, Kamerun und Kanada, also in allen drei Spielen, die wir verloren haben, hatten wir Gelegenheiten für Tore, die wir nicht genutzt haben. Damit kommst du bei einer Weltmeisterschaft nicht mehr durch.

Sie haben jede Minute des Turniers gespielt. Wie geht es Ihnen?
Wir sind am Ende der Saison. Klar spürt man am einen oder anderen Tag Müdigkeit in den Beinen oder im Körper allgemein. Aber zwischen den Spielen steht immer zuerst einmal die Regeneration im Vordergrund, damit man im nächsten Spiel wieder Vollgas geben kann. Im Moment bin ich aber vor allem enttäuscht.

Ausschliesslich enttäuscht?
Nun, die Enttäuschung überwiegt im Moment gegenüber dem Stolz. Ich habe den Eindruck, dass wir an diesem Turnier nicht ganz alles aus uns herausgeholt haben. Manchmal hatten wir vielleicht etwas zu viel Respekt oder zu wenig Mut. Aber rückblickend wird man wohl sagen, dass wir diese Erfahrung machen mussten.

Warum?
Es war unser erstes Mal auf diesem Niveau. Wir haben gegen Teams gespielt, die wir zuvor nur aus dem Fernsehen kannten. Auch ich selbst habe einiges gelernt. Schlussendlich habe ich ja als Innenverteidigerin gespielt, und das gegen die besten Stürmerinnen der Welt, das hat mich taktisch weitergebracht.

Sie wirken relativ gefasst. Schon nach der Niederlage gegen Kamerun, während einige Ihrer Kolleginnen den Tränen nahe waren, haben Sie vor der Kamera über das Spiel Auskunft gegeben. Sie sprachen sehr ruhig und hatten kein Problem damit, einen eigenen Fehler zuzugeben. Wie geht es Ihnen in solchen Momenten?
So kurz nach so einer Niederlage und bei der Ungewissheit, ob man weiterkommt oder nicht, ist das schon nicht immer einfach. Klar hätte ich auch lieber nach einem Sieg die Fragen der Journalisten beantwortet. Aber es ist unsere Aufgabe, auch in solchen Situationen Haltung zu bewahren.

Womöglich liegt es auch daran, dass Sie aussergewöhnliche Anstrengungen gewohnt sind. Das Training in Ihrem Verein Turbine Potsdam gilt als besonders hart.
Ja, wir trainieren viel. Oft zwei Trainingseinheiten pro Tag, stark auf die Physis ausgerichtet. Abends dann noch einmal Spielformen, was oft bedeutet: ein Match elf gegen elf.

Trotz dieses harten Programms und obwohl Sie beim Verein genug verdienen würden, um davon leben zu können, arbeiten Sie nebenbei noch. Warum eigentlich?
Als Ausgleich. Wenn es die Zeit zulässt, arbeite ich in einem Diabeteszentrum als Assistentin. Ich habe den Verein gefragt, ob ich mir selbst eine Stelle suchen soll, doch sie hatten bei einem Sponsor gerade etwas Passendes. Es hat nicht viel mit meiner Ausbildung zu tun. Ich habe das Sportler-KV bei der Armee gemacht. Aber ich brauchte neben dem Fussball einfach noch etwas für den Kopf.

Ihre Teamkollegin bei Turbine Potsdam, die Torhüterin Anna Felicitas Sarholz, die 2010 als Siebzehnjährige in einem dramatischen Elfmeterschiessen den Sieg in der Champions League sicherte, hat jüngst bekannt gegeben, sich mit nur 23 aus dem Spitzensport zurückzuziehen.
Das hat mich nicht überrascht. Anna ist so ein Typ, sie tut, was sie will. Sie will in ihrem vertrauten Umfeld bleiben und eine Ausbildung beginnen. Auch wenn sie sicher zu einem anderen Bundesligaklub hätte wechseln können. Aber solche Karrieren und Lebensläufe sind nicht untypisch im Frauenfussball, nicht zuletzt, weil man nicht reich wird damit.

Sie selbst haben alle Förderungsprogramme des Schweizerischen Fussballverbands durchlaufen und galten früh als kommende Leistungsträgerin der Nationalmannschaft.
Ich wurde immer stark gefördert und dazu angehalten, an meine Grenzen zu gehen, zum Beispiel in der Ausbildungsakademie des Verbands, die damals noch in Huttwil angesiedelt war und unterdessen nach Biel gezogen ist. Trotzdem hatte ich in einem gewissen Alter meine Zweifel, welcher Weg mein eigener sein sollte und welcher aus den Erwartungen der anderen bestand.

Und jetzt sind die Zweifel verflogen?
Ja, ich bin froh, dass ich den Schritt zum Profi gewagt habe. Ich habe Freude an meinem Beruf. Wäre ich in der Schweiz geblieben, hätte ich wohl etwas anderes gemacht und den Fussball etwas zur Seite geschoben. So habe ich aber sicher noch ein paar Jahre als Spielerin vor mir, Gesundheit vorausgesetzt. Ich bin ja erst 22.

Wann werden Sie wieder in Potsdam erwartet?
Ich darf gar nicht daran denken: eigentlich in einer Woche. Aber ich hoffe, ich bekomme zwei. Das brauche ich jetzt wirklich.

Lia Wälti (22) fährt zwar selber nicht oft von Potsdam, wo sie bei Turbine spielt, nach Berlin. Doch für all ihre Schweizer FreundInnen, die eine Städtereise machen, spielt sie das Hotel. 
Fragen zur Fifa, dem Veranstalter der Weltmeisterschaft, wurden von Wälti nicht beantwortet oder von der Pressestelle des Schweizerischen Fussballverbands gestrichen.

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