Nr. 23/2015 vom 04.06.2015

«Sie haben sich verletzt, schlimm?»

Lia Wälti gehört zu den wichtigsten Spielerinnen des Frauenfussball-Nationalteams, das sich heuer zum ersten Mal für eine Weltmeisterschaft qualifiziert hat. In diesen Tagen reist sie nach Kanada.

Von Martin Bieri (Interview) und Stefan Maurer (Foto)

Fussballnationalspielerin Lia Wälti: «Mir ist es lieber, nicht im Vordergrund zu stehen.»

WOZ: Lia Wälti, soeben ist erstmals ein Spiel des Schweizer Frauenfussball-Nationalteams live im nationalen Fernsehen übertragen worden. Normalerweise findet Frauenfussball wenig Beachtung, nun hat das Interesse im Hinblick auf die WM in Kanada deutlich zugenommen. Wie ist das für Sie?
Lia Wälti: Es freut mich. Wir sind darauf angewiesen, und ich denke, wir haben uns die Aufmerksamkeit mit unserer Leistung verdient. Bis jetzt wird es mir jedenfalls nicht zu viel.

Sie werden nun öfter fotografiert. Ist es Ihnen wichtig, wie Sie dargestellt werden?
Nein, das entscheidet in der Regel der Fotograf oder die Fotografin. Aber wenn ich nicht einverstanden bin, wird es anders gemacht.

Trotz des gesteigerten Interesses der Öffentlichkeit richtet sich der Blick allerdings meist nicht zuerst auf Sie, obwohl Sie seit zwei Jahren in Deutschland bei Turbine Potsdam unter Vertrag stehen und auch im Nationalteam Stammspielerin sind.
Mir ist es lieber, nicht im Vordergrund zu stehen. Aber alles, was neben dem Platz passiert, sollte man nicht zu sehr gewichten. Wir sind glücklich, dass wir ein, zwei Weltklassespielerinnen in unseren Reihen haben. Dass die mediale Aufmerksamkeit dann eher auf sie gerichtet wird, ist normal. Im Spiel selber ist das manchmal gar nicht schlecht – es gibt den anderen ein paar taktische Freiheiten.

Inwiefern?
Wir stellen fest, dass sich die Gegnerinnen oft primär auf Lara Dickenmann und Ramona Bachmann einstellen. In der Qualifikation haben dadurch andere wie Ana Maria Crnogorcevic, Vanessa Bürki oder Fabienne Humm besonders viele Tore geschossen – nicht zuletzt, weil der Gegner nicht mit ihnen gerechnet hat.

Sie spielen meistens im defensiven zentralen Mittelfeld. Ist das Ihre Lieblingsposition?
Ja, sie entspricht meinen Fähigkeiten am besten. Ich bin sicher am Ball, zweikampfstark und weiss meistens, wo der Ball als Nächstes hinmuss. Dabei hilft mir meine Ruhe. Das ist meine grösste Stärke, ich werde selten hektisch. Ich bin aber flexibel und spiele auch in der Innenverteidigung, wenn es mich dort braucht. Oder auf der Seite, wo ich in Deutschland zuerst eingesetzt wurde, auch wenn mir diese Position nicht ganz so gut liegt. Ich bin nicht die Schnellste, und Flanken sind nicht gerade meine Spezialität.

Durch Ihr gutes Raumgefühl sind Sie eigentlich eine geborene Zentrumsspielerin. Warum hat Sie der Trainer denn auf der Seite eingesetzt?
Bernd Schröder, unser Trainer in Potsdam, hatte zu viele Spielerinnen für die gleiche Position. Weil er seit Jahren, eigentlich seit Jahrzehnten, das gleiche System spielen lässt. Wir treten immer mit drei Stürmerinnen an. Dazu kommen drei Verteidigerinnen und vier Mittelfeldspielerinnen. Das ist seit 1971 so, als Schröder den Klub übernommen hat, der damals noch «Sportgemeinschaft Turbine des Volkseigenen Betriebs Energieversorgung» hiess.

Und sein System hat quasi den Systemwechsel überlebt?
Sozusagen. Turbine Potsdam ist zu grossen Teilen sein Werk. Schröder legt grossen Wert auf Respekt, Leistung, Ehrlichkeit und Solidarität. Das ist alte Schule. Von aussen erscheint manches vielleicht etwas überholt, aber das Ergebnis gibt Schröder recht. Turbine ist einer der erfolgreichsten Klubs Europas. Wir haben eine breite Basis von Sponsoren, viele davon sind wegen Schröder zum Verein gekommen. Auch in der Bevölkerung sind wir gut verankert und haben mit über 2000 Zuschauerinnen und Zuschauern einen der höchsten Schnitte in der Bundesliga.

Wie setzt sich dieses Publikum zusammen?
Es kommen Leute aus allen Schichten. Das hat auch damit zu tun, dass der andere lokale Verein, Babelsberg 03, relativ weit unten spielt. Zu uns kommen auch viele ältere Leute. Da kann es durchaus vorkommen, dass man am Tag nach einem Spiel angesprochen wird. Zumal alle wissen, dass wir im Sportpark am Luftschiffhafen trainieren. Die Heimspiele bestreiten wir im Karl-Liebknecht-Stadion, einem schönes Stadion, genau die richtige Grösse für uns.

Im letzten Testspiel vor der Weltmeisterschaft trafen Sie letzte Woche auf Deutschland und spielten gegen einige Ihrer Potsdamer Kolleginnen. Eine besondere Begegnung?
Ja, nicht nur für mich. Die halbe Nati spielt ja mittlerweile bei deutschen Vereinen, und unsere Trainerin ist auch Deutsche. Wir sind das Spiel mit grossem Ernst angegangen. Auch wenn es nur ein Test ist, wollten wir doch mit einem guten Gefühl und Selbstvertrauen an die WM reisen. Wir haben zwar 1 : 3 verloren, aber besonders bis zur Pause, in der wir noch 1 : 0 führten, haben wir eine sehr gute Leistung gezeigt.

Sie haben sich verletzt, schlimm?
Nein, ich glaube nicht. Bei einem Prellball habe ich einen Schlag bekommen. Aber es sind die Muskeln, das wird wieder.

Und Sie standen in der Innenverteidigung.
Wie gesagt: Ich spiele da, wo ich gebraucht werde und wo mich die Trainerin aufstellt.

Lia Wälti (22) ist Fussballprofi und bestreitet mit dem Nationalteam die Weltmeisterschaft in Kanada, die erste für sie und die erste für die Schweiz überhaupt.

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