Nr. 26/2015 vom 25.06.2015

Universale Werte statt heiliger Dreieinigkeit

Die Soziologin Eva Illouz plädiert in ihren versammelten Aufsätzen für eine Erneuerung der jüdischen Existenz in Israel – und damit auch für eine Trennung von Staat und Religion.

Von Ulrike Baureithel

Israel sei dabei, in eine «religiöse Ethnokratie» abzudriften. Das ist eine provokative Behauptung, die umso schwerer wiegt, wenn sie von einer bekannten Stimme erhoben wird. Die Soziologin Eva Illouz, bekannt durch ihre luziden Analysen über die Liebe, hat zwischen 2012 und 2014 in der liberalen Tageszeitung «Haaretz» ein gutes Dutzend Essays veröffentlicht, in denen sie die Lage ihres Landes kritisch beleuchtet. Sie sind nun in einem Band mit dem lapidaren Titel «Israel» zusammengefasst.

1961 in eine sephardisch-jüdische Familie in Marokko hineingeboren und streng religiös in Frankreich aufgewachsen, hat Illouz ein inniges Verhältnis zum Judentum. Gleichzeitig verteidigt sie als Akademikerin universale Werte, was sie in Israel dem Verdacht der Illoyalität aussetzt. Ihre Essays, stellt sie deshalb klar, seien als Engagement für die Erneuerung der jüdischen Existenz in Israel und als nicht religiöse Antwort auf die Herausforderungen des Universalismus zu verstehen. «Die israelische Gesellschaft», schreibt sie herausfordernd, «ist vor langer Zeit der heiligen Dreieinigkeit von Siedlern, Religiösen und Reichen in die Hände gefallen. Können wir uns den Tyranneien widersetzen, die den demokratischen Geist Israels ausgelöscht haben?»

Eine vormoderne Gesellschaft?

Die jüdische Diaspora, die institutionalisierte Erinnerung an den Holocaust und der Zionismus als Projekt der Identifikation hätten dazu beigetragen, dass der israelische Staat immer gleichgesetzt wurde mit einer ethnischen Gruppe, die mit dem Ausschluss aller anderen einherging. Ausgehend von der Verteidigung der jüdischen Identität im Exil habe sich das Gebot der «Hypersolidarität» bis in die Gründung des israelischen Staats verlängert. Diese glaubensbasierte Ethnizität, verkoppelt mit dem immer grösser werdenden Einfluss der Ultraorthodoxen, führe zu «unerträglichen Ungleichheiten».

In gewisser Hinsicht, meint Illouz, sei Israel eine vormoderne Gesellschaft. Der Staat kontrolliert den Landbesitz, die Religion und das Militär nehmen je eine besondere Rolle ein, und insgesamt ist das Land wie eine Kastengesellschaft organisiert, mit strengen Hierarchien. Die durchaus marktorientierte Ideologie stehe dabei in krassem Widerspruch zur «ideologisch motivierten Hingabe an die Nation als militärisches und religiöses Kollektiv». Grundsätzlich fühlten sich viele Jüdinnen und Juden zu Gehorsam gegenüber dem Staat verpflichtet, verstärkt durch die disziplinierende Wirkung des Militärdiensts.

Aufschlussreich ist, was die Soziologin über die innerjüdischen Widersprüche zwischen aschkenasischen und misrachischen JüdInnen schreibt. Die aus Nord- und Osteuropa stammenden Aschkenasim, die den Landstrich am Meer zuerst besetzten und die Spielregeln machten, fühlten sich als Flüchtlinge und Opfer des Holocaust berechtigt, die aus den arabischen Ländern stammenden Mizrachim zu dominieren und deren unterprivilegierte Situation auch noch als gottgegeben zu bemänteln. Aber auch den Mizrachim wirft Illouz Versäumnisse vor: Eingemauert in ihre ethnische Zugehörigkeit, seien sie nie «über eine Politik der Opferrolle hinausgekommen».

Eine Art Dreyfus-Affäre

Illouz lässt keinen Zweifel daran, dass nur die Trennung von Staat und Kirche die Voraussetzung dafür schaffen könnte, das Land auf eine liberalere Grundlage zu stellen. Dass sie dabei die universalistischen Tugenden Frankreichs geradezu hymnisch glorifiziert und offenbar überhaupt nicht wahrnimmt, dass in den letzten Jahren dort geradezu ein jüdischer Exodus nach Israel stattgefunden hat und noch andauert, mag der rückwärtsgewandten Verklärung geschuldet sein – das Frankreich, in dem Illouz aufgewachsen ist, hielt dem multiethnischen Härtetest möglicherweise noch stand.

Illouz sieht sich als eine Kritikerin innerhalb der Gruppe, die sie zugleich von aussen betrachten will. In einem interessanten Gedankenexperiment rekapituliert sie die Dreyfus-Affäre und bezieht sie auf das moderne Israel. Sie kommt zum Schluss, dass der Zionismus erst sein Ziel erreicht haben werde, wenn Israel zu einer solchen Dreyfus-Affäre fähig sei – das heisst zur moralischen Empörung eines jüdischen Offiziers gegenüber dem Unrecht, das einen Araber trifft.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch