Nr. 26/2015 vom 25.06.2015

Ein Zitatereigen wider das Diktat des Utilitarismus

Ein schöngeistiges Buch feiert den Sinn des Unnützen – und entpuppt sich gerade in wirtschaftlich gebeutelten Ländern als Überraschungsbestseller. Nun liegt es auch in deutscher Sprache vor.

Von Thomas Kesselring

Sind Literatur, Kunst und Philosophie nicht letztlich überflüssig? Diese Frage sollte Nuccio Ordine, Literaturdozent in Kalabrien und Spezialist für die Renaissance, in einem Vortrag diskutieren, zu dem er nach Brasilien eingeladen wurde. Dazu sammelte er Äusserungen von den alten Griechen bis zu PhilosophInnen des 20. Jahrhunderts. Der Vortrag wurde ein Erfolg, und so entstand die Idee zu einem kleinen Buch, das 2013 in Frankreich zum Verkaufsschlager wurde. Eine erweiterte italienische Fassung lief gar noch besser. SchülerInnen aus über fünfzig italienischen Gymnasien wünschten, mit dem Autor zu diskutieren. Während er monatelang die Gymnasien abklapperte, erschienen zwölf italienische Auflagen und Übersetzungen in diverse Sprachen. Bis heute sind es achtzehn.

Die Kehrseite der Paradoxie

Der Titel «L’utilité de l’inutile» fasst die Botschaft des Buchs zusammen. Der Text selber ist zwar weder paradox noch dialektisch, seine Botschaft weder neu noch tagesaktuell. Scheinbar ein schöngeistig-harmloses Buch also. Umso pikanter, wie der Autor seine Botschaft orchestriert: Er lässt Literatinnen und Philosophen aus unterschiedlichen Ländern und Jahrhunderten über die Nützlichkeit des Unnützen zu Wort kommen. Daraus entsteht ein Kanon mit Variationen – von Ovid («Nichts ist von grösserem Nutzen als eben die Kunst, der es an Nutzen gebricht») über Théophile Gautier («Wirklich schön ist nur, was keinem Zweck dient») bis Oscar Wilde («Alle Kunst ist ganz und gar nutzlos»).

Im Fortgang der Variationen kristallisiert sich die Kehrseite der Paradoxie. Zum Beispiel, wenn Charles Baudelaire bemerkt: «Ein nützlicher Mensch zu sein, ist mir immer als etwas sehr Hässliches erschienen.» Wenn Eugène Ionesco schreibt: «Wer die Nützlichkeit des Nutzlosen und die Nutzlosigkeit des Nützlichen nicht begreift, begreift die Kunst nicht.» Oder wenn Martin Heidegger kurz und bündig behauptet: «Das Nützliche ist das Nutzlose.»

Es gibt kaum eine charmantere Weise, den heute grassierenden Nutzenfetischismus blosszustellen, als durch die Bildung eines derart vielstimmigen Chors. Doch was ist der Nutzen einer Kritik am Nützlichkeitsgedanken? Dem Autor geht es nicht primär um eine solche Kritik, sondern vor allem um die Entflechtung zweier Arten von Nützlichkeit, die oft verwechselt werden: einer engen, auf Zweckmässigkeit ausgerichteten – nützlich in diesem Sinn sind alle zu einem festgesetzten Zweck geeigneten Mittel. Und einer Nützlichkeit mit umfassenderer Bedeutung – nützlich ist alles, «was uns hilft, zu besseren Menschen zu werden».

Der Streit zwischen diesen beiden Varianten ist über 2000 Jahre alt, hat sich aber mit der Ausbreitung des Utilitarismus zugespitzt. Als ultimativer Massstab für Nützlichkeit fungieren inzwischen ökonomische Produktivität und Wirtschaftswachstum.

Studierende als KundInnen

Ist es Zufall, dass Ordines Zitatereigen gegen den Utilitarismus gerade in Ländern, die als utilitaristische Schwerenöter gelten, zum Bestseller wurde: Griechenland, Italien, Spanien, Frankreich? Seit einigen Monaten liegt nun auch eine Übersetzung in Deutsch vor – für LeserInnen im Umkreis der EU-Wirtschaftslokomotive. Und auch hier ging das kleine Buch nach sechs Monaten in die dritte Auflage. Im Kapitel über die Ökonomisierung des Bildungswesens spricht der Autor den Menschen offenbar besonders aus dem Herzen. Schulen und vor allem Hochschulen nehmen schleichend die Gestalt von Firmen an, ein Rektor wird zum CEO, eine Lehrstuhlinhaberin zur Managerin. Derweil die Studierenden in die Rolle des «Humankapitals» rutschen. Gleichzeitig fungieren sie als KundInnen, die Lernstoff konsumieren – und als ArbeiterInnen, die ihren Lohn in Form von «Credits» empfangen. Der Unterricht, modular abgepackt und auf «Lernziele» ausgerichtet, dient der Herstellung von «Kompetenzen». Die Vielzahl junger Privatfakultäten zeigt: Bildung ist ein blendendes Geschäft. Aber, so Ordine: Kaufen kann man vielleicht Diplome und Titel – über Bildung jedoch verfügt am Ende nur, wer sie sich Schritt für Schritt selbst erarbeitet.

Und natürlich, auch die Forschung steht unter dem Druck des Nützlichkeitsimperativs. Angewandte Forschung boomt, ebenso ihre private Finanzierung. Und die Grundlagenforschung? Einmal mehr lässt Ordine dazu eine fremde Stimme sprechen, die heute kaum jemand kennt – jene des Gründers des Institute for Advanced Study an der Princeton-Universität, des US-amerikanischen Pädagogen Abraham Flexner. In einem fulminanten Essay aus dem Jahr 1937 mit dem Titel «The Usefulness of Useless Knowledge» schreibt dieser, dass sich die grössten Forschungserfolge nicht dem Wunsch nach nützlichen Applikationen verdanken, sondern blosser Neugier. Das Radio zum Beispiel wäre ohne James Clerk Maxwell, der Jahrzehnte zuvor mit Ausdauer an abstrakten Gleichungen herumgerechnet hatte, kaum erfunden worden.

Inseln der Zweckfreiheit

Machen uns Literatur, Kunst, Philosophie aber tatsächlich zu besseren Menschen? Steigert Grundlagenforschung die Lebensqualität? Ihr verdankt sich ja auch die Atombombe. Und haben die Universitäten vor der Bologna-Reform bessere Menschen hervorgebracht? Ordine will das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen und Lernprozesse nicht von jeder Zwecksetzung abkoppeln. Doch wendet er sich gegen jeden Exzess. Wir brauchen Inseln der Zweckfreiheit, lautet seine Botschaft. Neugier, Spiel, Kreativität sind kulturbildende Kräfte und dürfen nicht platt gewalzt werden.

Eine Frage bleibt: Bewahren künstlerische, literarische und philosophische Bildung die Menschen wirklich vor Grausamkeit? SS-Chef Heinrich Himmler stammte aus einem gebildeten Elternhaus. «Hochkultur und aufgeklärte Korrektheit» – so ein Zitat des Philosophen George Steiner – waren ausserstande, «der Barbarei des Totalitarismus einen wirksamen Riegel zu schieben». Doch ohne Literatur und Kunst, so Ordine, wäre die Barbarei wohl noch grösser. Das klingt nicht unplausibel, vermag aber auch nicht vollends zu überzeugen.

Das Nützliche ist der Feind des Guten – dies ist die Quintessenz von Ordines Buch. Eine Ethik können wir daraus nicht ableiten. Dafür lässt uns der Autor auf etwas anderes hoffen: dass in künftigen Auflagen der Chor historischer Nutzenmaximierungs-SkeptikerInnen mit weiteren deutschsprachigen AutorInnen ergänzt werden möge – mit Goethe etwa, Schiller, Hannah Arendt. Und mit Nietzsche, der über die klassische Philologie genau so spricht wie Ordine über Kunst und Literatur: «Denn ich wüsste nicht, was [sie] in unserer Zeit für einen Sinn hätte, wenn nicht den, in ihr unzeitgemäss – das heisst gegen die Zeit (…) und hoffentlich zugunsten einer kommenden Zeit – zu wirken.»

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