Nr. 27/2015 vom 02.07.2015

Die Dadas mal anders

Von Stephanie Danner

Zwischen 1918 und 1920 publizierte das US-amerikanische Literaturmagazin «The Little Review» Seite an Seite mit Auszügen aus James Joyce’ «Ulysses» Gedichte der Künstlerin Elsa von Freytag-Loringhoven. Die Herausgeberinnen Jane Heap und Margaret Anderson sagten über sie, sie sei nicht nur «die Einzige auf der ganzen Welt, die sich Dada kleidet, Dada liebt, Dada lebt», sondern auch «die einzige Erscheinung aus unserer Generation, die das Attribut ‹ausserordentlich› verdient». Und tatsächlich, die Gedichte erhielten vom Publikum weit mehr Aufmerksamkeit in der Rubrik Leserbriefe als Joyce’ Jahrhundertroman. Aber wer weiss das heute noch?

Dada wird seit jeher von seinen männlichen Protagonisten aus gedacht. Die Dada-Damen finden meist nur am Rand Erwähnung, sind oft, falls überhaupt, nur als «Muse/Geliebte/Schwester von …» bekannt. Oder wussten Sie, dass Suzanne Duchamp nicht nur Marcels Schwester und Jean Crottis Frau, sondern als Malerin eine wichtige Figur des Dadaismus war?

Ein feines Büchlein mit dem Titel «Die Dada. Wie Frauen Dada prägten» füllt genau diese Wissenslücken und stellt die Geschichte des internationalen Phänomens Dada von seinen wichtigsten Protagonistinnen her dar. Von künstlerischen Disziplinen ausgehend, beleuchten die von verschiedenen AutorInnen verfassten Texte Schaffen und Wirkung grosser Dadaistinnen. Und das gelingt über weite Strecken ganz ausgezeichnet. Da wird grossen Literatinnen wie Mina Loy, bildenden KünstlerInnen wie Sonia Delaunay-Terk, Tänzerinnen wie Katja Wulff, Verlegerinnen wie Margaret Anderson oder Musikerinnen wie Nelly van Doesburg der Stellenwert in der Dada-Avantgarde zugesprochen, der ihnen gebührt. Einzig die in sich sehr gut gelungenen ergänzenden Einzelporträts sind ein bisschen unübersichtlich platziert. Aber darüber kann man hinwegsehen. Weil alle, die meinten, die Geschichte von Dada zu kennen, nach der Lektüre dieses Buches feststellen werden, dass das ein vorschnelles Urteil war.

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