Nr. 28/2015 vom 09.07.2015

Dana Grigorcea und die Kunst zu verweilen

Von Stephanie Danner

Fast hätte sich Dana Grigorcea (35) die Reise nach Klagenfurt mit der eigenen Vorstellungskraft verleidet. Als sie sich im Vorfeld ausmalte, den Bachmannpreis zu gewinnen oder nicht zu gewinnen und auch wie es wäre, «alles zu gewinnen». Deshalb die grosse Angst, «dass ich hierherkomme und dass es nicht mehr so spannend ist, weil ich alles schon vorweggenommen habe in meiner Fantasie».

Gerade diese Vorstellungskraft ist jedoch die grosse Stärke der Rumänin, die als Schriftstellerin und Philologin tätig ist und in der WOZ auch journalistische Texte publiziert.

Viel zu oft lesen sich lange Sätze in der Literatur, als wären Autor oder Autorin geradezu auf der Flucht. Grigorcea aber läuft ihren Sätzen nicht davon; sie geht ihnen mit offenen Armen entgegen. Die in Zürich lebende leidenschaftliche Spaziergängerin hält es aus, in ihren Szenen umherzuschlendern und sich umzusehen. Sie spürt ihre Figuren und deren Umgebung und macht sie spürbar. Auch an der Lesung bei den diesjährigen Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, wo sie schliesslich mit dem 3Sat-Preis ausgezeichnet wurde, ist dies gelungen. Gelesen hat sie aus dem Text «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit», der im August als Roman im Dörlemann-Verlag erscheint.

Fulminant und mit satirischen Zügen erzählt sie darin episodisch die Geschichte Rumäniens vor und nach der Wende. Sie schafft das von innen heraus: «Ich kann mich gut an Rapineus abgewetztes Sofa mit dem Rosenmuster erinnern, ein Sofa, an dessen rauer Oberfläche man sich die Seidenstrümpfe aufrieb – wie meine Mutter jedes Mal feststellen musste, und ich weiss auch noch, wie sie sich so lange anschauten, Rapineu und Mutter, bis sie loslachten.»

So die Erinnerung der Erzählerin Victoria an den Sommer ihrer Kindheit, in dem es den ersten Farbfernseher im Viertel gab, «keinen solchen im eigentlichen Sinne, einen Fernseher immerhin, dessen Bildschirm mit einer dreifarbigen Folie beklebt war». Später ist man mit Dana Grigorcea bei Michael Jacksons Auftritt in Rumänien 1992 dabei, voller Erwartung des Erzengels Michael, der bei seiner Begrüssung aber schliesslich Bukarest mit Budapest verwechselt und so jede Illusion gleich wieder zerbricht. Man wähnt sich in der «dampfenden Menschenmasse», die nach Erlösung und den Songs vom Album «Dangerous» lechzt.

Gerade weil ihr, wie sie sagt, «Coolness» fehle, gelingt es Grigorcea, ihre Szenen so eindrücklich zu machen: «Weil ich sehr gerührt bin von den Themen, über die ich schreibe.» Auch die Literaturkritikerin Hildegard Keller, die Grigorcea nach Klagenfurt eingeladen hatte, sieht darin die ihr eigene Kraft. In «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit», so Keller, «schliesst sie jene Welten auf, die Migrantinnen in die neuen Heimaten tragen», und so sind «der Text und seine Aufschliesskraft auch noch von brennender Aktualität».

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